Was sind OER, warum sie für Studierende, Tutor*innen und Forschende gleichermaßen relevant sein können und welche Rolle Creative-Commons-Lizenzen dabei spielen.
Gedanken, Ideen und Materialien zu Offenheit in Wissenschaft, Forschung und Lehre
Du bereitest dich auf ein Referat vor. Du findest online eine wirklich gute Erklärfolie zu deinem Thema: übersichtlich und gut strukturiert. Also genau das, was du gesucht hast. Du lädst sie herunter, baust sie in deine Präsentation ein und zeigst sie in einer Lehrveranstaltung.
War das okay?
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Es kommt darauf an, unter welcher Lizenz die Folie veröffentlicht wurde. Und bis man das einmal gesagt bekommt, haben viele von uns das noch nie bewusst überprüft.
Dies ist einer der Ausgangspunkte von Open Educational Resources, kurz OER.
OER sind Bildungsmaterialien, die bewusst zur freien Nutzung freigegeben wurden. Das können zum Beispiel Folien, Texte, Videos, Aufgaben, Podcasts oder ganze Kurse sein. Also alles, was zum Lernen und Lehren genutzt wird.
Der entscheidende Unterschied zu einem „normalen“ Suchmaschinentreffer ist die Lizenz. Viele Inhalte im Internet sind urheberrechtlich geschützt, auch wenn sie frei zugänglich erscheinen. OER hingegen stehen unter offenen Lizenzen, meist Creative-Commons-Lizenzen (CC). Diese regeln klar, was erlaubt ist.
Ein Beispiel:
Eine Folie mit dem Vermerk „CC BY 4.0“ darf heruntergeladen, verändert, in eigene Materialien eingebaut und weiterverbreitet werden, solange die Urheber*innen genannt und die Lizenz angegeben wird. Ein Dokument ohne Lizenzangabe darf das im Zweifel nicht, auch wenn es frei im Netz steht.
OER sind also nicht einfach „kostenlose Materialien“. Es sind Materialien mit einer ausdrücklich erteilten Nutzungserlaubnis. Die UNESCO definiert OER entsprechend so:
„[L]earning, teaching and research materials […] that permit no-cost access, re-use, re-purpose, adaptation and redistribution by others.“
(UNESCO, Recommendation on OER, 2019)
Vereinfacht gesagt bedeutet das: OER sind Materialien, die frei genutzt und angepasst werden dürfen, solange die Lizenzbedingungen eingehalten werden.
Gerade der letzte Punkt ist zentral: Wenn du zum Beispiel ein Skript schwer verständlich findest, darfst du es bei OER umformulieren, ergänzen und die verbesserte Version weitergeben. Dies ist bei OER ausdrücklich erwünscht.
Wer später Tutorien begleitet, Mentoring anbietet oder selbst Lehrmaterialien erstellt, merkt schnell: Eigene Materialien sind automatisch urheberrechtlich geschützt, solange keine Lizenz angegeben wird. Doch was möchte ich anderen eigentlich erlauben?
Mit einer offenen Lizenz kannst du bewusst festlegen, dass andere deine Materialien nutzen, verändern und weiterentwickeln dürfen. Zum Beispiel Erklärvideos, Skripte, Handouts oder Aufgabensammlungen. Das unterstützt nachhaltige Lehrpraxis und gemeinsames Arbeiten an Wissen.
Hinweis:
Einen praktischen Einstieg ins Erstellen und Lizenzieren eigener Materialien bietet der freie Online-Kurs OERientation der HOOU.
Offenheit ist in der Wissenschaft kein neues Konzept: Open Access, Open Data und Open Source werden unter dem Begriff Open Science zusammengefasst. OER ist das Pendant dazu im Lehr- und Lernkontext.
Wissen entfaltet Wirkung, wenn es geteilt wird. Mehr dazu auch im Beitrag Was bedeutet eigentlich Open Science?
Die Materialien in unserem Seminar „Wissenschaftliches Arbeiten“ an der TUHH sind selbst OER. Sie stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz.
Das bedeutet konkret:
Diese Offenheit ist bewusst gewählt: Lehr-Lern-Materialien, die mit öffentlichen Mitteln entstehen, sollen unserer Ansicht nach weiter genutzt und verbessert werden können.
Das 5R-Framework (nach David Wiley) beschreibt die grundlegenden Freiheiten offener Materialien:
Von der einfachen Nutzung bis zur Weiterverbreitung eigener Anpassungen:

Je mehr dieser Rechte erlaubt sind, desto offener ist ein Material.
Creative-Commons-Lizenzen bestehen aus vier Bausteinen:
Ein Material mit „CC BY“ erlaubt alle fünf 5R-Rechte unter der Bedingung der Namensnennung. „CC BY-NC-ND“ hingegen ist deutlich eingeschränkter und darf zum Beispiel nicht verändert oder kommerziell genutzt werden.
Ohne Lizenzangabe gilt automatisch: alle Rechte vorbehalten.
Weitere Informationen zu den CC-Lizenzen und den jeweiligen Modulen haben wir auch auf einer Creative-Commons-Informationsseite der Universitätsbibliothek TUHH zusammengefasst.
Teste dein Wissen direkt in den folgenden Quiz-Aufgaben.
Wenn du online ein Bild, eine Folie oder ein Skript findest, entscheidet die Lizenz darüber, was du damit machen darfst. Im folgenden Quiz kannst du testen, wie gut du die Creative-Commons-Kürzel bereits kennst.
Freie Lizenzen schaffen die rechtliche Grundlage dafür, dass Materialien genutzt, verändert und weitergegeben werden können. Im folgenden Quiz überprüfst du dein Wissen zu freien Lizenzen und zentralen Begriffen verschiedener Offenheitsbewegungen.
Weitere Informationen zu diesen H5P-Elementen haben wir im Beitrag „Lizenzen spielerisch verstehen: H5P-Elemente zur Auseinandersetzung mit Creative Commons“ aufgeschrieben.
Das Thema OER ist kein Zusatzmodul, sondern Teil des Konzepts des Seminars „Wissenschaftliches Arbeiten“. Es ist aus dem HOOU-Projekt „Wissenschaftliches Arbeiten öffnen“ hervorgegangen und von Beginn an auf Offenheit ausgelegt.
Studierende sollen die Chance haben früh zu lernen:
Wer selbst in einem Seminar lernt, das OER konsequent einsetzt, erlebt das Prinzip unmittelbar. Nicht als bloße Theorie, sondern als gelebte Praxis.
Arbeitsblatt für die eigene Lehre:
Wer das Thema in eigenen Lehrveranstaltungen aufgreifen möchte, kann das folgende Arbeitsblatt direkt einsetzen oder anpassen. Es enthält Reflexionsaufgaben, eine Einführung in das 5R-Framework sowie Aufgaben zu Creative-Commons-Lizenzen und steht als OER zur Verfügung.
Die folgende OER-Impulseinheit ist fest in das Seminar „Wissenschaftliches Arbeiten“ integriert und wird semesterweise durchgeführt. Sie verbindet einen kurzen fachlichen Input mit einer aktiven Auseinandersetzung in Einzel- und Gruppenarbeit.
Ziel der Einheit ist es, ein grundlegendes Verständnis für offene Bildungsressourcen (OER) und Creative-Commons-Lizenzen aufzubauen und deren Bedeutung für Studium, Lehre und Forschung reflektierbar zu machen.
Die Studierenden sollen:
1. Impuls (ca. 5-10 Min.): Irritation
Eine Folie ohne Lizenzangabe wird gezeigt:
„Darf ich diese Seminarfolien eigentlich weiterschicken?“
Die Studierenden reagieren spontan und sammeln erste Einschätzungen und Vermutungen.
2. Kurzinput (ca. 5 Min.): Klärung
Gemeinsame Einordnung:
3. Arbeitsphase (ca. 25 Min.): Anwendung in Gruppen
Arbeit in Kleingruppen mit einem Arbeitsblatt zu:
4. Plenum (ca. 5-10 Min.): Diskussion
Gemeinsame Auswertung:
OER sind kein Nischenthema für Lizenzexpert*innen. Sie betreffen alle, die lernen, lehren oder forschen.
Der erste Schritt ist einfach: beim nächsten Material kurz auf die Lizenz schauen. Der zweite Schritt vielleicht schon: eigene Materialien mit offener Lizenz teilen.

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