Peer-Feedback-Symbolfoto

Geben, nehmen, lernen: Peer-Feedback mit der „2 Sterne & 1 Wunsch“-Methode

Texte zu schreiben ist schwer. Doch sie zu verbessern, ist oft genauso herausfordernd. Oft sehen wir unsere eigenen „blinden Flecken“ nicht. Genau hier setzt Peer-Feedback an: Studierende können sich gegenseitig konstruktive Rückmeldungen geben und dabei lernen, kritischer auf Texte zu schauen – auch auf die eigenen.

In unserem Seminar „Wissenschaftliches Arbeiten“ haben wir Peer-Feedback mit der „2 Sterne & 1 Wunsch“-Methode ausprobiert. Hier berichten wir von unseren Eindrücken.

Der Beitrag ist in folgende Abschnitte unterteilt:

Was ist Peer-Feedback?

Wie auch in der Wikipedia (eine Inspirationsquelle für diesen Blogbeitrag) beschrieben, unterstützt Peer-Feedback selbstständiges Lernen und die Reflexion über eigene und fremde Texte. Im hochschulischen Kontext können Studierende sich dabei gegenseitig Rückmeldungen zu ihren Arbeiten geben.

„Das Peer-Feedback ist eine Methode zur Stützung des selbstständigen Lernens und des Umgangs mit eigenen und fremden Texten, bei der ein Student einem Mitstudenten ein Feedback gibt. Ein Peer-Feedback beinhaltet Korrekturen, Meinungen, Vorschläge und Ideen des Feedback-Partners.“ (Peer-Feedback 2025)

Warum Peer-Feedback im Seminar?

Für uns gibt es mehrere gute Gründe, Peer-Feedback nach Möglichkeit bereits früh im Studium zu üben:

Andere Perspektive:
Wir sehen unsere eigenen blinden Flecken (bspw. Schreibfehler oder Lücken im roten Faden) nicht, andere hingegen schon.

Kritisches Lesen üben:
Beim Feedback geben entwickeln Studierende ihre inneren „Lektor*innen“ weiter. Eine Kompetenz, die auch beim eigenen Lesen und Notieren wissenschaftlicher Texte hilft.

Qualitätsbewusstsein:
Was man bei anderen sieht, erkennt man später auch bei sich selbst.

Realität der Wissenschaft:
Die meisten Publikationsformen in der Wissenschaft (auch abhängig von der Publikationskultur im jeweiligen Fach) durchlaufen Peer-Review-Prozesse. Peer-Feedbacks schaffen zumindest im kleineren Rahmen ein erstes Gefühl dafür.

In der Hochschuldidaktik wird betont, dass Peer-Feedback nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern auch metakognitive Fähigkeiten fördert. Studierende werden so zu aktiveren Lernenden. Zudem ist Feedback von Peers oft weniger bedrohlich als Rückmeldungen von Lehrenden, was eine offenere Lernhaltung begünstigt (vgl. Centre for Teaching and Learning 2024).

Die „2 Sterne & 1 Wunsch“-Methode

Die Methode ist bewährt und einsteigerfreundlich: Studierende benennen zwei Stärken eines Textes und formulieren dann einen konkreten Verbesserungsvorschlag. Das Besondere daran: Der Fokus liegt zunächst auf dem Positiven, was eine konstruktive und wertschätzende Feedbackkultur fördert.

Beispiel:

  • Stern 1: „Die Forschungsfrage ist klar formuliert.“
  • Stern 2: „Die Struktur ist logisch aufgebaut.“
  • Wunsch: „Ich wünsche mir mehr Quellenangaben zur Untermauerung der Argumente.“

Wichtig dabei: Konkret und respektvoll bleiben!

Durchführung im Seminar

Im Seminar hatten wir dieses Jahr etwa 20 Minuten für die Übung eingeplant. Die Methode funktioniert in vier Schritten:

  • Studierende lesen zunächst einen wissenschaftlichen Beispieltext aufmerksam durch (5 Min).
  • Sie notieren dann zwei Stärken und einen konkreten Verbesserungsvorschlag (3 Min).
  • Anschließend tauschen sie sich in Paaren über ihre Beobachtungen aus (6 Min).
  • Eine abschließende Blitzrunde im Plenum (6 Min) ermöglicht den Austausch im gesamten Seminar.

Wir haben dieses Semester nicht die eigenen Texte der Studierenden verwendet, sondern einen neutralen Beispieltext zum Thema „Literaturverwaltungssysteme im Studium“. Das senkt die Hemmschwelle für den ersten Versuch erheblich. Zudem waren die Texte im Seminar zu diesem Zeitpunkt noch in sehr unterschiedlichen Bearbeitungsphasen.

Arbeitsblatt zu Peer-Feedback

Im GitLab-Repository von tub.torials steht das Arbeitsblatt in verschiedenen Formaten gemeinsam mit dem Blogbeitrag zum Download bereit.

Das Arbeitsblatt dient als strukturierende Unterstützung für die Feedbackphase.

  • Peer-Feedback Übungsblatt
  • Peer-Feedback Übungsblatt

Erkenntnisse und Feedback

Der Input zum Thema Peer-Feedback war im Vergleich zu anderen Themenblöcken wesentlich kürzer, um ausreichend Zeit für eine praktische Übung zu haben.

Erste Eindrücke

Die Studierenden fanden die Aufgabe ungewöhnlich, aber durchaus hilfreich. Die Reaktionen bzgl. des genutzten Textes waren gemischt: Einigen war es lieber, die Methode zunächst an einem fremden Text auszuprobieren. Dies würde den Druck ein wenig aus der Situation nehmen. Andere äußerten, dass es für sie spannender gewesen wäre, die Methode direkt an den individuell geschriebenen Texten anzuwenden.

Learning: Für zukünftige Lehrveranstaltungen würden wir diese Präferenz zeitlich früher mit den Studierenden abklären oder möglicherweise beide Varianten anbieten: Erst die Übung an einem Beispieltext, dann die Anwendung auf die eigenen Arbeiten.

Was gut funktioniert hat

Der zeitliche Rahmen von 20 Minuten war realistisch und gut machbar. Bei einer Erweiterung der Aufgabe muss hier aber auch mehr Zeit eingeplant werden. Des Weiteren:

  • Die strukturierte Methode gab klare Orientierung. Es wurde explizit erwähnt, dass der Ablauf auf dem Arbeitsblatt für den Einstieg sehr hilfreich ist.
  • Der Austausch in Paaren war grundsätzlich etwas, was dieses Semester bei verschiedenen Übungen im Feedback der Veranstaltung sehr positiv hervorgehoben wurde.
  • Studierende erkannten, wie unterschiedlich derselbe Text wahrgenommen werden kann (wobei fairerweise gesagt werden muss, dass auch Feedback der Lehrenden dazu mit beigetragen hat).

Was wir beim nächsten Mal anders machen würden

  • Vorab früher klären: Beispieltext, eigene Texte, ggf. beide Varianten?
  • Eventuell eine zweite Runde einplanen, um die Methode zu vertiefen.
  • Mehr Raum für die Reflexion im Plenum einplanen, hier wäre auch so schon ein Puffer von weiteren 5 Minuten sinnvoll.

Ausblick und Variationen

Die „2 Sterne & 1 Wunsch“-Methode lässt sich flexibel anpassen und einsetzen, um bestimmte Prozesse des wissenschaftlichen Arbeitens nochmals zu thematisieren:

  • Bei mehr Zeit kann bspw. problemlos auf: „3 Sterne und 2 Wünsche“ für detaillierteres Feedback gewechselt werden.
  • Für verschiedene Texttypen: Essay, Exposé, Hausarbeit oder Präsentationen.
  • Für unterschiedliche Schwerpunkte: Fokus auf Argumentation, Arbeit mit Quellen oder Schreibstil.

Die Methode eignet sich besonders gut als niedrigschwelliger Einstieg in das Thema Peer-Feedback/Peer Review, kann schrittweise umfangreicher gestaltet werden und als Anknüpfungspunkt an bereits besprochene Aspekte des Wissenschaftlichen Arbeitens genutzt werden.

Fazit

Über Rückmeldungen, das Teilen eigener Erfahrungen aus Studium und Lehre oder andere Erfahrungsberichte sowie möglicherweise Anpassungen „unseres“ Ansatzes für das Thema Peer-Feedback freuen wir uns natürlich sehr! Teilt gerne eure Erfahrungen in den Kommentaren!

Literatur


CC BY 4.0
Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: Geben, nehmen, lernen: Peer-Feedback mit der „2 Sterne & 1 Wunsch“-Methode von Florian Hagen, Lizenz: CC BY 4.0. Der Beitrag und dazugehörige Materialien stehen auch in nachnutzbaren Formaten sowie als PDF zum Download zur Verfügung.
Symbolbild Argumentation

Argumentieren mit mehr System: Argdown als Tool für wissenschaftliches Arbeiten

Wer eine Hausarbeit schreibt, sich auf eine Klausur vorbereitet oder allgemein wissenschaftliche Texte liest und verfasst, kennt das Problem vielleicht: Argumente, Schlussfolgerungen und Gegenargumente verschwimmen in wissenschaftlichen Texten oft in längeren Absätzen. Nach ein paar Seiten verliert man den Überblick: Was war nochmal das Hauptargument? Welche Gegenargumente gibt es? Und wie hängt alles zusammen?

Hier setzt Argdown an. Argdown ist eine einfache Form der Textauszeichnung, mit der sich Argumentationsstrukturen sichtbar machen lassen. Ähnlich wie Markdown, eine Auszeichnungssprache, die im Beitrag Schreiben mit Markdown Thema ist, arbeitet Argdown mit wenigen, leicht erlernbaren Zeichen. Das Ergebnis: Argumentationsketten werden auf einen Blick erkennbar.

Auf Argdown hingewiesen wurde ich von Axel Dürkop im Rahmen einer HOOU-Shares-Sitzung an der TUHH. Seitdem habe ich das Tool für unterschiedliche Zwecke ausprobiert und möchte einige Erfahrungen in diesem Beitrag teilen.

Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut:

1. Was ist Argdown?

Argdown ist eine Syntax, also eine Sammlung von Regeln, wie man Text formatiert. Thesen, Argumente und logische Verknüpfungen lassen sich mit einfachen Zeichen darstellen. Daraus werden automatisch Diagramme erzeugt, die zeigen, welche Argumente sich unterstützen oder widersprechen.

Warum ist das für das wissenschaftliche Arbeiten nützlich?

  • Einfach zu lernen: Nach ein paar Minuten kann man, wie bei Markdown, loslegen
  • Denken strukturieren: Bevor man eine Hausarbeit schreibt, kann man die Argumentationsstruktur durchdenken und Lücken erkennen
  • Zusammenarbeiten und Austausch: Die Dateien lassen sich einfach per E-Mail verschicken oder in Lerngruppen teilen

2. Wann lohnt sich Argdown?

Die Nutzung von Argdown lohnt sich in ganz unterschiedlichen Situationen: Zum Beispiel beim Schreiben einer Hausarbeit, beim Lesen wissenschaftlicher Texte, in Seminaren und im Unterricht.

Für Studierende

Beim Schreiben von Hausarbeiten

Bevor wir mit dem Schreiben beginnen, können wir unsere Hauptthese (also die zentrale Behauptung, die wir begründen wollen) und die wichtigsten Argumente in Argdown skizzieren. Dabei wird schnell sichtbar: Folgt aus unseren Begründungen wirklich die These? Oder fehlt ein Zwischenschritt? Argdown zeigt auch, wo Gegenargumente ansetzen könnten. Wie genau so eine Argumentationsstruktur aufgebaut sein kann, zeigt der Abschnitt „Vom Analysieren zum Argumentieren“.

Beim Lesen wissenschaftlicher Texte

Komplexe Texte mit vielen verschachtelten Argumenten lassen sich mit Argdown entknoten. Wir können die Kernargumente eines Aufsatzes herausarbeiten und ihre Beziehungen zueinander darstellen. Das hilft beim Vergleich verschiedener Positionen in der Fachliteratur. Bei der Prüfungsvorbereitung können wir so die zentralen Debatten auf einen Blick überschauen.

In Seminaren

Wenn in einem Seminar kontroverse Positionen diskutiert werden, können wir die verschiedenen Argumente mit Argdown sortieren und nach dem Seminar nochmal durchgehen. Auch während der Veranstaltung können wir so schon einzelne Aussagen reflektieren und möglicherweise neue Perspektiven entwickeln. Für die Vorbereitung eigener Diskussionsbeiträge hilft Argdown ebenfalls, die eigene Position vorher zu strukturieren.

Wie dies konkret aussehen kann, zeigen die später aufgeführten Beispiele.

Für Lehrende

  • Lehrmaterialien: Argumentationsstrukturen für Vorlesungen und Seminare visualisieren
  • Prüfungsvorbereitung und Kompetenzaufbau: Studierende auf das Analysieren und Entwickeln von Argumentationen vorbereiten
  • Feedback: Argumentationsfehler in studentischen Arbeiten präzise aufzeigen

Für die Schule

Spätestens ab der Oberstufe, wo argumentatives Schreiben zentral wird, kann Argdown beim Analysieren von Sachtexten, politischen Debatten oder philosophischen Argumentationen helfen. Das betrifft Fächer wie Deutsch, Gesellschaftskunde oder Ethik, die mir beim Rückblick auf meine Schulzeit als erstes einfallen, aber sicherlich auch fächerübergreifende Kontexte, zum Beispiel in Englisch oder Wirtschaftslehre, wenn Positionen begründet werden müssen.

Die einfache Syntax macht Argdown niedrigschwelliger als komplexe Mindmapping-Software, gerade für Lernende, die sich auf Inhalte statt auf Bedienoberflächen konzentrieren sollen.

3. So funktioniert Argdown: Zwei Beispiele

Nachfolgend werden zwei vereinfachte Beispiele für die Nutzung von Argdown abgebildet. Beispiel 1 widmet sich dem Open-Access-Publizieren in der Wissenschaft, Beispiel 2 den Lehrformaten an Hochschulen.

Für den Einstieg nutzen wir nur einige zentrale Elemente der Argdown-Syntax:

  • Eckige Klammern „[…]“ markieren zentrale Thesen.
  • Spitze Klammern „<…>“ benennen Argumente.
  • Nummerierte Schritte führen über „—-“ zur Schlussfolgerung.
  • Pfeile verbinden Argumente mit Thesen und zeigen, ob sie dafür oder dagegen sprechen.

Mehr zur Syntax gibt es direkt auf der Argdown-Startseite oder zum Ausprobieren in der Argdown-Sandbox.

Beispiel 1: Eine vereinfachte Diskussion zum Thema Open Access in der Wissenschaft

Im ersten Beispiel schauen wir uns eine (stark vereinfachte) Diskussion über Open Access in der Wissenschaft an. Im Mittelpunkt steht die zentrale Aussage. Dafür sprechen zwei Gründe (besserer Zugang zu Forschung und höhere Sichtbarkeit), dagegen sprechen in diesem Beispiel ebenfalls zwei Gründe (zusätzliche Kosten und eventuell eine begrenzte Auswahl an Fachzeitschriften).

Der Argdown-Code hilft dabei, diese Gründe übersichtlich darzustellen und zu zeigen, wie sie jeweils begründet sind und zu einer Schlussfolgerung führen.

===
title: Open Access für wissenschaftliche Publikationen
subTitle: Eine vereinfachte Argumentationsanalyse
author: Florian Hagen
date: 15/12/2025
color:
    tagColors:
        pro: "#1a798c"
        con: "#C0392B"
    argumentFontColor: white
    statementFontColor: black
===


[Open-Access-These]: Open Access sollte für alle wissenschaftlichen 
Publikationen verpflichtend sein.


<Zugangsargument>: Wissenschaftliche Erkenntnisse sollten allen 
zugänglich sein. #pro

(1) Wissenschaftliche Erkenntnisse sollten allen Interessierten 
    unabhängig von Region oder finanzieller Situation zugänglich sein.
(2) Open Access ermöglicht diesen universellen Zugang.
----
(3) Open Access sollte für wissenschaftliche Publikationen Standard sein.
  -> [Open-Access-These]


<Sichtbarkeitsargument>: Open Access erhöht die Reichweite 
wissenschaftlicher Ergebnisse. #pro

(1) Open-Access-Publikationen sind frei zugänglich und werden 
    häufiger gelesen.
(2) Höhere Leserschaft führt zu mehr Zitationen und größerer Wirkung.
----
(3) Open Access steigert die Sichtbarkeit wissenschaftlicher Arbeit.
  -> [Open-Access-These]


<Kostenargument>: Publikationsgebühren können Forschungsbudgets belasten. #con

(1) Open-Access-Publikationen verursachen oft Publikationsgebühren.
(2) Nicht alle Institutionen können diese Gebühren tragen.
----
(3) Verpflichtender Open Access benachteiligt finanzschwache 
    Institutionen.
  -> [Open-Access-These]


<Zeitschriftenauswahl abhängig von Fachdisziplin>: Nicht alle etablierten Zeitschriften 
bieten Open Access an. #con

(1) Viele etablierte Fachzeitschriften publizieren derzeit noch nicht 
    im Open Access.
(2) Für manche Forschungsbereiche gibt es nur wenige oder keine 
    Open-Access-Alternativen in etablierten Zeitschriften.
----
(3) Verpflichtender Open Access könnte die Publikationsmöglichkeiten 
    in bestimmten Fachbereichen einschränken.
  -> [Open-Access-These]

So sieht die automatisch generierte Argumentkarte zum Open-Access-Beispiel in der Argdown-Sandbox aus:

  • Open Access Abbildung Argumentation
  • Open Access Abbildung Quellen Argumentation

In der Abbildung wird deutlich, wie die Argumente zueinander in Beziehung stehen: Türkisfarbene Boxen zeigen Pro-Argumente, rote Boxen Contra-Argumente.

Hinweis:

Dies ist ein vereinfachtes Beispiel. In der realen Open-Access-Debatte gibt es natürlich noch viele weitere Argumente (zum Beispiel zur Sichtbarkeit, Zitierhäufigkeit oder zu Förderrichtlinien). Argdown eignet sich auch dafür, komplexere Debatten zu strukturieren.

Beispiel 2: Diskussion in einer Lehrveranstaltung über Lehrformate der Zukunft

Stellen wir uns vor, in einer Lehrveranstaltung wird über die zukünftige Ausgestaltung der Lehrangebote diskutiert: Sollen Veranstaltungen vor Ort stattfinden, online angeboten werden oder in einer Mischform? Die folgenden Argumente basieren zum Teil auf Rückmeldungen aus Evaluationen und Gesprächen der vergangenen Semester, insbesondere aus unserem Seminar „Wissenschaftliches Arbeiten“ an der TUHH. Mit Argdown lassen sich diese verschiedenen Positionen strukturieren und ihre Beziehungen zueinander sichtbar machen.

===
title: Präsenzlehre, Online-Lehre oder Hybridformat?
subTitle: Rekonstruktion einer Seminardiskussion
author: Florian Hagen
date: 15/12/2025
color:
    tagColors:
        praesenz: "#1a798c"
        online: "#C0392B"
        hybrid: "#8E44AD"
        herausforderung: "#95a5a6"
    argumentFontColor: white
    statementFontColor: black
===

[Präsenzlehre-bevorzugt]: Lehrveranstaltungen sollten primär als 
Präsenzveranstaltungen stattfinden.

[Online-bevorzugt]: Lehrveranstaltungen sollten primär online 
angeboten werden.

<Austausch-Argument>: Präsenz ermöglicht wertvollen direkten Austausch. #praesenz

(1) In Präsenzveranstaltungen können spontane Nachfragen direkt geklärt werden.
(2) Gruppenarbeiten und Diskussionen funktionieren vor Ort deutlich besser 
    als in Videokonferenzen.
(3) Persönlicher Kontakt zu Kommiliton*innen und Lehrenden erleichtert das Lernen.
----
(4) Präsenzlehre fördert besseres Verständnis und soziale Vernetzung.
  -> [Präsenzlehre-bevorzugt]

<Sozialer-Kontakt-Argument>: Studium bedeutet auch soziale Erfahrung. #praesenz

(1) Freundschaften und Lerngruppen entstehen vor allem durch persönliche 
    Begegnungen auf dem Campus.
(2) Informeller Austausch vor und nach Veranstaltungen (über Prüfungen, 
    andere Kurse, Studienorganisation) ist wertvoll.
(3) Studierende, die nur online studieren, berichten häufig von Isolation 
    und fehlendem Zugehörigkeitsgefühl.
----
(4) Präsenzlehre fördert soziale Integration und Studiengemeinschaft.
  -> [Präsenzlehre-bevorzugt]

<Konzentrations-Argument>: Lernumgebung auf dem Campus fördert Fokus. #praesenz

(1) Zuhause gibt es viele Ablenkungen (Mitbewohner*innen, Familie, Haushaltsaufgaben, 
    Streaming-Dienste).
(2) Nicht alle haben einen ruhigen, ergonomischen Arbeitsplatz oder 
    stabiles Internet.
(3) Die räumliche Trennung von Lernen und Privatleben hilft vielen bei 
    der Konzentration.
----
(4) Campus-Räume bieten bessere Lernbedingungen als viele private Wohnungen.
  -> [Präsenzlehre-bevorzugt]

<Mobilität-Argument>: Anfahrtswege sind eine große Belastung. #online

(1) Viele Studierende haben Anfahrtszeiten von 60 bis 90 Minuten pro Strecke, 
    bei mehreren Präsenztagen summiert sich das auf 10 bis 15 Stunden pro Woche.
(2) Studierende aus ländlichen Regionen haben oft nur eingeschränkte 
    ÖPNV-Verbindungen, frühe oder späte Veranstaltungen sind manchmal 
    nicht erreichbar.
(3) Ein eigenes Auto ist für viele finanziell nicht machbar.
(4) Diese Zeit fehlt für Vor- und Nachbereitung, Nebenjobs oder Erholung.
----
(5) Online-Formate sparen wertvolle Zeit und machen Studium unabhängig 
    vom Wohnort möglich.
  -> [Online-bevorzugt]

<Gesundheit-Argument>: Online-Formate ermöglichen Teilnahme trotz Krankheit. #online

(1) Bei leichten Erkrankungen (Erkältung, Kopfschmerzen) ist man noch 
    aufnahmefähig, sollte aber andere nicht anstecken.
(2) Bei chronischen Erkrankungen gibt es Tage, an denen die Anfahrt nicht 
    möglich ist, geistige Arbeit aber schon.
(3) Präsenzpflicht führt dazu, dass kranke Studierende erscheinen und 
    andere anstecken.
----
(4) Online-Optionen schützen die Gesundheit aller Beteiligten.
  -> [Online-bevorzugt]

<Tagesplanung-Argument>: Online-Formate lassen sich besser in den 
Alltag integrieren. #online

(1) Studierende müssen Studium oft mit Nebenjob, Kinderbetreuung oder 
    Pflege von Angehörigen vereinbaren.
(2) Eine Präsenzveranstaltung bindet nicht nur 90 Minuten, sondern mit 
    An- und Abreise oft 3 bis 4 Stunden am Stück.
(3) Online-Teilnahme ermöglicht flexiblere Tagesgestaltung (z.B. Teilnahme 
    in der Mittagspause des Jobs).
----
(4) Online-Formate erleichtern die Vereinbarkeit verschiedener Verpflichtungen.
  -> [Online-bevorzugt]

<Hybrid-Modell>: Eine Kombination nutzt Stärken beider Formate. #hybrid

(1) Präsenztermine für interaktive Formate (Diskussionen, Gruppenarbeiten, 
    Übungen) ermöglichen wertvollen Austausch.
(2) Vorlesungen und Inputphasen können gut online stattfinden und sparen 
    Anfahrtszeiten.
(3) Online-Optionen als Alternative ermöglichen Teilnahme trotz Krankheit, 
    weiter Anfahrt oder anderen Verpflichtungen.
(4) Die Campus-Infrastruktur bleibt verfügbar, wird aber gezielter genutzt.
----
(5) Ein Hybridmodell ist besser als einseitige Festlegungen.
  +> <Austausch-Argument>
  +> <Sozialer-Kontakt-Argument>
  +> <Konzentrations-Argument>
  +> <Mobilität-Argument>
  +> <Gesundheit-Argument>
  +> <Tagesplanung-Argument>
  <- [Präsenzlehre-bevorzugt]
  <- [Online-bevorzugt]

<Didaktik-Herausforderung>: Hybrid-Lehre erfordert hohe didaktische Kompetenz. #herausforderung

(1) Hybrid-Veranstaltungen müssen für beide Gruppen (vor Ort und online) 
    gleichzeitig funktionieren.
(2) Das erfordert mehr Vorbereitung und andere didaktische Ansätze als 
    reine Präsenz- oder Online-Lehre.
(3) Lehrende müssen beide Gruppen im Blick behalten und moderieren.
(4) Nicht alle Lehrenden haben die Zeit, Ressourcen oder Fortbildung dafür.
----
(5) Hybrid-Modelle können in der Praxis zu schlechterer Lehrqualität führen.
  <- <Hybrid-Modell>

<Technik-Herausforderung>: Technische Ausstattung ist oft unzureichend. #herausforderung

(1) Hybrid-Lehre braucht gute Kameras, Mikrofone und stabile Internetverbindung 
    in jedem Raum.
(2) Viele Hörsäle und Seminarräume sind dafür nicht ausgestattet.
(3) Technische Probleme während der Veranstaltung stören den Ablauf für alle 
    Teilnehmenden.
(4) Die Anschaffung und Wartung der Technik verursacht erhebliche Kosten.
----
(5) Die technische Infrastruktur unterstützt Hybrid-Formate oft nicht ausreichend.
  <- <Hybrid-Modell>

So sieht die automatisch generierte Argumentkarte zum Lehrformat-Beispiel in der Argdown-Sandbox aus:

  • Lehre Abbildung Argumentation
  • Lehre Abbildung Quellen Argumentation

In der Abbildung wird deutlich, welche Argumente für Präsenz- und welche für Online-Lehre sprechen.

Umfassendere Beispiele in unterschiedlicher Komplexität bietet auch die Beispielsammlung von Argdown.

4. Vom Analysieren zum Argumentieren

Argdown hilft nicht nur beim Verstehen fremder Argumentationen, sondern auch beim Entwickeln eigener. In Hausarbeiten müssen mitunter komplexere Argumentationsketten aufgebaut werden und genau hier kann Argdown in der Planungsphase unterstützen.

Wie funktioniert wissenschaftliches Argumentieren?

Im Kern geht es darum, eine These durch klare Schritte zu begründen. Eine vollständige Argumentation besteht aus:

  • Unseren Ausgangspunkten (Prämissen): Die Voraussetzungen, von denen wir ausgehen (oft gestützt durch Fachliteratur)
  • Unseren Gedankengängen: Wie kommen wir von den Ausgangspunkten zu unserer Schlussfolgerung?
  • Unsere Schlussfolgerung: Was folgt daraus?

Ein Beispiel in Anlehnung an Abschnitt 3:

  1. Öffentlich finanzierte Forschung sollte für die Öffentlichkeit zugänglich sein (Werturteil)
  2. Die meisten wissenschaftlichen Publikationen basieren auf öffentlicher Finanzierung (Tatsache)
  3. Also: Wissenschaftliche Publikationen sollten öffentlich zugänglich sein (Schlussfolgerung)

Argdown als Planungswerkzeug

Bevor wir in den Fließtext unserer Hausarbeit bzw. unseres wissenschaftlichen Schreibprojekts einsteigen, können wir die wichtigsten Argumente in Argdown skizzieren. Das kann ggf. sofort zeigen:

  • Sind unsere Ausgangspunkte überzeugend? Würden andere sie akzeptieren?
  • Ist unser Gedankengang logisch? Oder machen wir gedankliche Sprünge?
  • Wo ist unser Argument ausbaufähig? An welchen Stellen können andere widersprechen?
  • Was müssen wir belegen? Welche Behauptungen brauchen Quellen?

Ein Argument, das in Argdown nicht überzeugend aussieht, wird dies auch im ausgeschriebenen Text eher nicht tun. Die kompakte Darstellung macht Probleme sichtbar, bevor sie sich durch viele Seiten Text ziehen.

Von der Struktur zum Text

Sobald die Argumentationsstruktur steht, fällt das Schreiben leichter. Jedes Argument in unserem Argdown-Diagramm kann zu einem Absatz oder Unterkapitel werden. Die Verbindungen (zum Beispiel unterstützt oder widerspricht) werden zu Überleitungen. Und wir haben einen besseren Überblick darüber, an welchen Stellen wir Quellen benötigen.

5. Argdown in Kombination mit Lese- und Notiztechniken

Argdown lässt sich gut mit etablierten Methoden kombinieren, über die wir bereits in früheren tub.torials-Beiträgen geschrieben haben:

Mit Cornell-Notizen

Die Zusammenfassungs-Sektion am Seitenende von Cornell-Notizen eignet sich bei argumentativen Texten perfekt, um die Kernargumente im Argdown-Schema festzuhalten. Statt eines Fließtextes haben wir die logische Struktur auf einen Blick, was besonders nützlich für spätere Diskussionen oder die Prüfungsvorbereitung ist.

Mit PQ4R

Besonders in der „Reflect“-Phase der PQ4R-Methode kann Argdown helfen, die Argumentationslogik eines Textes zu durchdringen. Statt nur zu fragen „Was sind die Hauptpunkte?“, können wir gezielt analysieren: „Wie hängen die Argumente logisch zusammen?“ und „Welche Prämissen werden vorausgesetzt?“

Ein Hinweis:

Nicht jeder Text eignet sich für den zusätzlichen Einsatz von Argdown. Bei rein deskriptiven oder empirischen Texten sind Cornell- oder PQ4R-Ansätze allein oft mehr als ausreichend. Sobald ein Text eine These verteidigt oder eine Debatte nachzeichnet, kann Argdown die Struktur aber besser sichtbar machen.

Einfach ausprobieren: Wie und wo

Die Hürde zum Ausprobieren von Argdown ist niedrig. Der Argdown-Quickstart führt in drei Minuten in die Grundlagen ein. Danach kann direkt in einer Browser-Sandbox experimentiert werden. Eine Installation oder Anmeldung ist nicht erforderlich. Dennoch sei an dieser Stelle auf das Plugin für Visual Studio Code hingewiesen. Und auch Obsidian kann um ein Argdown-Plugin erweitert werden.

Ein Tipp zum Ausprobieren:

Wir nehmen einen Text, den wir gerade für eine Hausarbeit lesen, eine Diskussion aus der letzten Lehrveranstaltung oder dem Berufsalltag. Nun versuchen wir, die Kernargumente in Argdown zu übersetzen. Oft zeigt sich dabei: Manche Argumentationen erweisen sich als schlüssig und bereit für die Ausarbeitung. Andere, die zunächst überzeugend klangen, haben vielleicht noch Lücken. Oder: Scheinbar unvereinbare Positionen lassen sich doch vermitteln.

6. Fazit

Argdown ist kein Allheilmittel bei der Auseinandersetzung mit Argumenten in wissenschaftlichen Texten. Es kann aber ein präzises, unterstützendes Werkzeug sein beim Verstehen, Rekonstruieren und Entwickeln von Argumentationen. Ob für die nächste Hausarbeit, die Dissertation oder Lehrveranstaltungen: wer Argumentationsstrukturen transparent(er) machen möchte, sollte Argdown einmal ausprobieren. Die Lernkurve ist flach, der Nutzen möglicherweise groß. Und das Schönste: Wie bei Markdown ist weniger oftmals mehr.

Habt ihr Argdown schon ausprobiert? Welche Erfahrungen habt ihr mit Argumentationsanalyse in Studium, Lehre oder der Schule gemacht? Teilt eure Erfahrungen gerne in den Kommentaren oder schreibt uns, wenn ihr Fragen habt!

7. Weitere Ressourcen

Argdown:

Literatur zum Thema „Argumentieren in der Wissenschaft“:

  • Dech, U. C. (2025). Stufen der Argumentation ein Weg zum verkörperten Debattieren. transcript. [TUB-Katalog]
  • Kornmeier, M. 1966-. (2024). Wissenschaftlich schreiben leicht gemacht für Bachelor, Master und Dissertation (10., aktualisierte und ergänzte Auflage). Haupt Verlag. [Lehrbuchsammlung, Signatur WHN-392]
  • Kruse, O. 1948-. (2017). Kritisches Denken und Argumentieren eine Einführung für Studierende. UVK Verlagsgesellschaft mbH. [Bestand der TUB, Signatur 2851-0048]

CC BY 4.0
Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: Argumentieren mit mehr System: Argdown als Tool für wissenschaftliches Arbeiten von Florian Hagen, Lizenz: CC BY 4.0. Der Beitrag und dazugehörige Materialien stehen auch in nachnutzbaren Formaten sowie als PDF zum Download zur Verfügung.
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