Struktur statt Zettelchaos: Cornell-Notizen Schritt für Schritt erklärt
Nachdem wir im letzten Blogbeitrag die PQ4R-Methode zum strukturierten Lesen vorgestellt haben, widmen wir uns nun der Cornell-Methode als Ansatz für nachhaltige und reflektierte Notizen. Beide Methoden haben wir zuletzt im Rahmen unseres Seminars „Wissenschaftliches Arbeiten“ an der TUHH (Wintersemester 2025/2026) erprobt.
Der Beitrag ist in folgende Abschnitte unterteilt:
- Vom Lesen zum Notieren: Warum die Cornell-Methode?
- Die Cornell-Methode: Notizen mit System
- Didaktische Überlegungen
- Arbeitsblatt Cornell-Methode
- Erfahrungen aus dem Seminar
- Fazit
Vom Lesen zum Notieren: Warum die Cornell-Methode?
Während PQ4R hilft, Texte aktiv zu erschließen, bleibt oft die Frage: Wie dokumentiere ich die gewonnenen Erkenntnisse so, dass sie später wieder auffindbar, verständlich und lernbar sind? Viele kennen das Problem aus Schule, Studium oder Beruf: Notizen entstehen beim Lesen oder in Vorlesungen und verschwinden anschließend in Ordnern, sodass sie nie wieder angeschaut oder gar wiedergefunden werden.
Die Cornell-Methode bietet hier einen strukturierten Rahmen, der nicht nur das Notieren selbst unterstützt, sondern vor allem die spätere Reflexion, Wiederholung und Prüfungsvorbereitung erleichtert. Die Idee, für diesen Ansatz ein begleitendes Arbeitsblatt zu erstellen, entstand ursprünglich durch die Rückmeldung von zwei Studierenden aus einem vorherigen Semester unseres Seminars. Sie wünschten sich eine kompakte Anleitung zum unmittelbaren Ausprobieren, weil neue Methoden im Alltag oft daran scheitern, dass eine klare Einstiegshilfe fehlt. Dieses Feedback haben wir aufgegriffen und ein entsprechendes Aufgabenblatt zusammengestellt.
Die Cornell-Methode: Notizen mit System
Die Cornell-Methode wurde in den 1950er Jahren von Walter Pauk (Cornell University) entwickelt. Sie ist flexibel für Texte, Vorlesungen, Seminare, Meetings oder Vortragsvideos und andere Gelegenheiten einsetzbar.
Das Notizblatt bei diesem Ansatz wird in vier Bereiche aufgeteilt:
- Kopfbereich: Basisinformationen
Erfasst werden Titel, Autor*innen sowie Datum oder Veranstaltung. Diese Angaben erleichtern die Orientierung innerhalb der eigenen Notizensammlung. - Rechter Abschnitt: Notizen
Während des Lesens, Zuhörens oder Anschauens entstehen hier die eigentlichen Notizen. Dabei gibt es keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Auch offene Fragen, Stichworte oder Unklarheiten können hier aufgeschrieben werden. Bei einem deutlichen Themenwechsel lohnt sich der Start einer neuen Seite. Generell ist die zeitnahe Überarbeitung bzw. Reflektion der eigenen Notizen sehr wichtig. - Linker Abschnitt: Extraktion
In der Nachbereitung werden die wichtigsten Begriffe, Kernideen und Fragen in die linke Spalte übertragen. Nach Möglichkeit kurz, präzise und in eigenen Worten. Die linke Spalte ist im Grunde ein inhaltlicher Filter des Hauptnotizfeldes (rechte Seite). Gleichzeitig dient der linke Abschnitt als Vorbereitung auf späteres Lernen, Wiederholen oder Diskussionen. - Fußbereich: Zusammenfassung
Am Seitenende erfolgt eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Inhalte. Eine Leitfrage kann dabei sein: „Wie würde ich diese Inhalte Kommiliton*innen erklären?“

Die Stärke der Methode liegt in ihrer Kombination aus Struktur und Flexibilität. Visualisierungen, Hervorhebungen oder kleine Skizzen lassen sich ebenfalls problemlos einfügen, sofern dies dem Lernprozess zu Gute kommt.
Didaktische Überlegungen
Die Cornell-Methode verbindet zwei zentrale Lernprozesse:
- das unmittelbare Festhalten von Informationen,
- die bewusste Reflexion im Nachgang.
Besonders die linke Spalte und die Zusammenfassung fördern die aktive Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material und zeigen gleichzeitig auf, wo noch Verständnislücken bestehen könnten.
Wichtig war uns im Seminar hervorzuheben, dass das Cornell-Prinzip keine starre Struktur ist. Viele Studierende nutzen einzelne Teile bereits intuitiv, ohne den eigentlichen Ansatz zu kennen. Andere empfanden die Phase der zusammenfassenden Reflexion als gute Ergänzung für die eigene Arbeitsweise.
Arbeitsblatt Cornell-Methode
Im GitLab-Repository von tub.torials steht das Arbeitsblatt in verschiedenen Formaten (PDF, DOCX, ODT) gemeinsam mit dem Blogbeitrag in einem nachnutzbaren Format zum Download bereit.
- Lizenz: CC BY 4.0, Florian Hagen
- Download: Link zum Arbeitsblatt
Erfahrungen aus dem Seminar
Trotz des engen Zeitplans im Seminar konnten wir die Cornell-Methode nicht nur theoretisch besprechen, sondern gemeinsam praktisch antesten. Viele Studierende zeigten sich interessiert und nahmen zusätzliche Arbeitsblätter mit, um die Methode in Ruhe weiter auszuprobieren.
Erste Eindrücke
Das visuelle Layout des Cornell-Ansatzes war für viele in dieser Form neu und wirkte motivierend. Im Probedurchlauf zum Text „The Decline of Deep Reading in the Digital Age“ fiel das Feedback überwiegend positiv aus. Einige Studierende erkannten Parallelen zu ihren eigenen Notizgewohnheiten; andere schätzten das systematische Vorgehen besonders bei komplexeren Texten als hilfreich ein. Auffällig war auch, dass viele Notiz-Apps bereits Cornell-Vorlagen anbieten. Dies erleichtert die digitale Umsetzung.
Vielfalt der Notizpraxis
Deutlich wurde im gemeinsamen Austausch die Vielfalt an bestehenden Notizstrategien: annotierte Folien, Outlining-Varianten (bei denen Hauptpunkte durch Unterpunkte mit Zusatzinformationen ergänzt werden), Notizen in Tools wie Zotero, GoodNotes oder OneNote sowie Notizen in Form von eigenen Sprachnachrichten. Diese Bandbreite zeigt: Es gibt nicht die eine richtige Methode. Cornell kann hier ein flexibler Baustein sein, der sich gut in bestehende Arbeitsweisen einfügt.
Herausforderungen und Learnings
Die größte Herausforderung war, wie so oft bei methodischen Übungen, die Zeitplanung. Der Rahmen von rund 20 Minuten plus Austausch im Plenum erwies sich jedoch als ausreichend. Für zukünftige Sitzungen möchten wir zusätzlich einen kurzen Austausch zwischen Sitznachbar*innen einplanen, um erste Notizen, Fragen und Beobachtungen bereits vor der Plenumsphase untereinander zu vergleichen. Diese Aufgabe ist im aktualisierten Arbeitsblatt bereits berücksichtigt.
Ein weiteres Learning: Auch wenn PQ4R und Cornell sich inhaltlich gut ergänzen, braucht jede Methode ausreichend Raum zum Ausprobieren und Reflektieren. Hilfreich wäre nach Rückmeldung der Studierenden ein ausgefülltes Beispielblatt, das veranschaulicht, wie Cornell-Notizen konkret aussehen können. Sollte der Zeitrahmen nicht ausreichen, um beide Ansätze praktisch auszuprobieren, können die Methoden als Wahloptionen präsentiert werden: Studierende wählen dann, welche sie zunächst vertiefen möchten. Ein Hinweis auf digitale Cornell-Vorlagen in verschiedenen Notizen-Apps lohnt sich ebenfalls, da dies den Einstieg erleichtert.
PQ4R und Cornell in Kombination
Beide Methoden können sich gut miteinander ergänzen:
- 1. Text mit PQ4R erschließen
- 2. Notizen während der Read-Phase (PQ4R) direkt im Cornell-Format anlegen
- 3. Linke Spalte und Zusammenfassung nach dem Lesen im Cornell-Format ergänzen
- 4. Mit „Reflect“, „Recite“ und „Review“ (PQ4R) die Cornell-Notizen vertiefen
Viele Studierende äußerten Interesse, beide Methoden im Zusammenspiel auszuprobieren. Ein schönes Ergebnis der Veranstaltung.
Fazit: Strukturierte Notizen für nachhaltigeres Lernen
Die Cornell-Methode bietet einen klar strukturierten, aber auch flexiblen Rahmen für das systematische Notieren und reflektiertes Lernen. Die Rückmeldungen im Seminar zeigten zum einen Interesse an strukturierten Notizansätzen und machten deutlich, dass die Cornell-Methode eine hilfreiche Ergänzung der individuellen Methodenwerkzeuge für das wissenschaftliche Arbeiten sein kann.
Der Cornell-Ansatz lässt sich leicht analog wie digital einsetzen und bietet einen guten Anlass, über eigene Notizstrategien ins Gespräch zu kommen. Unsere Wahrnehmung war, dass Studierende oft kreativ darin sind, nützlich erscheinende Schritte von umfassenderen Arbeitstechniken in ihre eigenen Abläufe zu integrieren.
Habt ihr selbst Erfahrungen mit Cornell oder anderen Notiztechniken? Teilt sie gern in den Kommentaren!
Weiterführende Ressourcen
- Die Cornell-Methode ist auch in der Publikation „Mehr als 77 Tipps zum wissenschaftlichen Arbeiten“ (Hagen, Dürkop, Hapke, Zeumer; DOI: 10.15480/882.3460) beschrieben
- Weitere Einblicke in verschiedene Notiztechniken in der Blogserie Notizschreibwochen 2020 bei tub.torials
- Der vorangegangene Blogbeitrag zur PQ4R-Methode

Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: Struktur statt Zettelchaos: Cornell-Notizen Schritt für Schritt erklärt von Florian Hagen, Lizenz: CC BY 4.0. Der Beitrag und dazugehörige Materialien wie Arbeitsblätter stehen auch in nachnutzbaren Formaten sowie als PDF zum Download zur Verfügung.


