Perspektive in Holzbuchstaben

Alles digital – Studierende übers Onlinesemester 2020 an der TUHH (Teil 2)

In der vergangenen Woche haben bereits vier Studierende unseres Bachelorseminars Wissenschaftliches Arbeiten im ersten Teil von Alles digital – Studierende übers Onlinesemester 2020 an der TUHH ihre Eindrücke und Erfahrungen aus dem Corona-Semester geteilt.

In diesem Beitrag folgen drei weitere Erfahrungsberichte zu unterschiedlichen Zeitpunkten im vergangenen Semester:

An dieser Stelle nochmal ein großer Dank an die Studierenden, die ihre Eindrücke offen teilen.

Simon Stahl geht in seinem Beitrag auf die Auswirkungen des Wegfalls vermeintlicher Selbstverständlichkeiten im bisherigen Hochschulalltag ein und betrachtet positive sowie negative Auswirkungen des Online-Semesters auf das eigene Lernverhalten:

Zwei Wochen Onlinelernen – Essay vom Studieren in Zeiten von Corona

von Simon Stahl

Wie habe ich Corona persönlich wahrgenommen? Als die Nachricht kam, habe ich mich erst einmal gefreut: der Semesterbeginn wird um 20 Tage verschoben. Das bedeutete eine überraschende und dringend benötigte Auszeit in dem ansonsten durch Klausuren von Ferien befreiten Studiendasein. Und für mich ist auch nur eine Klausur ausgefallen, die ich schon in großen Teilen vorbereitet hatte.

Abseits von der Uni verursachte die Pandemie für mich auch vorerst keine allzu großen Einschränkungen. Glücklicherweise ist mein Job nicht von den Auflagen betroffen, meine Eltern unterstützten mich finanziell, und ich bin kurz vor dem Lockdown mit Freunden in eine größere Wohnung umgezogen, in der es sich auch für längere Zeit aushalten lässt. Das geht aber nicht allen so. Ein Kommilitone von mir lebt in einem kleinen Wohnheim-Zimmer mit einem Mitbewohner, den er sich nicht aussuchen konnte. Normalerweise ist er so viel auswärts unterwegs wie möglich, das geht jetzt nicht mehr. Andere Kommilitonen von mir haben jetzt eine Einnahmequelle weniger und können sich nun weniger auf das Studieren konzentrieren. Das macht einem bewusst wie viel auch vermeintliche Selbstverständlichkeiten, wie akklimatisierte Lernräume (von denen die Uni wirklich einige mehr gebrauchen könnte), die Mensa oder Arbeitsgruppen, in denen man sich direkt austauschen kann, zu einem Chancenausgleich beitragen können. Ich bemerke auch bei mir selbst, wie stark mein räumliches, aber auch menschliches Umfeld meine Leistungsbereitschaft beeinflusst.

Das Semester begann relativ friedlich und inhaltlich unaufgeregt. Erst einmal mussten die Kommunikationswege eingerichtet und technische Probleme beseitigt werden – für mich kein Grund zur Beunruhigung. Als es mit dem Vorlesungsstoff dann losging, hatte ich große Hoffnungen: Für mich als extreme Nachteule waren die Vorlesungszeiten bis dato immer unangenehm. In frühen Vorlesungen hatte ich Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit, so dass ich diese abends nachholen musste und dauerhafter Schlafmangel somit auch ein Problem darstellte. Online-Semester bedeutete für mich also in erster Linie gesünderes und effektiveres Lernen. Deshalb habe ich mich auch vor Corona schon häufiger mit Konzepten wie Flipped Classroom beschäftigt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Das wissenschaftliche Personal wird entlastet und inhaltliche Updates können jederzeit ergänzt werden. Das bietet dann die Möglichkeit den Inhalt didaktisch aufzuwerten.

Ich habe gerade in den technischen Disziplinen festgestellt, dass z.B. eine Grafik oder Animation Zusammenhänge extrem gut vereinfachen kann und den Studierenden einige Stunden an Verständnisproblemen ersparen würde. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür bietet der Youtube-Kanal 3Blue1Brown, der komplexe mathematische Zusammenhänge meist geometrisch erläutert. Jeder kann in seinem Tempo und zu seinen Tageszeiten lernen und eine schwierige Passage kann wiederholt werden. Allerdings habe ich mich auch mit den Kardinalfehlern bezüglich solcher Konzepte beschäftigt: Onlinelehre heißt nicht, dass es keine Präsenzveranstaltungen gibt, in denen der Dozent auf Fragen oder Unverständlichkeiten eingeht. Flipped Classroom heißt nicht, dass sich Studierende unter dem Semester zurücklehnen können. In einer Präsenzveranstaltung sollte also nicht wiederholt oder zusammengefasst werden. Sie sollte eine Schwierigkeit aufweisen, die den Studierenden zeigt, dass man sich regelmäßig vorbereiten muss. Und am wichtigsten: Onlinelehre heißt nicht, dass Studierende alleine gelassen werden. Tutorien in kleinen Gruppen bleiben wichtig.

Ich musste feststellen, dass – wenn sich die gesamte Lehre schnell und gezwungenermaßen umstellen muss – solche Fehler nicht ausbleiben. In Mathe 4 z.B wurde lediglich ein Skript ohne zusätzliche Erläuterungen, wie es sie in einer Vorlesung gäbe, ausgehändigt. Es gibt hier auch keine Übungsgruppen, nur die Aufgaben. Ich habe keine Möglichkeit hier direkt Fragen zu stellen oder eine Erklärung aus der (anderen) Perspektive des Tutors zu bekommen. Wirklich sehr schade. Summa summarum hat aber bei meinen Vorlesungen der Wechsel in die Onlinewelt gut funktioniert. Es gibt auch einige wirklich toll umgesetzte Vorlesungen, wie z.B. Elektrische Maschinen mit einem Online-Wiki, regelmäßigen Tests und interaktiven Inhalten.

Eines ist mir allerdings gerade in den späteren Tagen dieses Semesters bewusst geworden. Digitales Lernen mit seinen innovativen Konzepten und die – durch Corona hervorgerufene – Situation an den Hochschulen ist nicht unbedingt das gleiche. Es fehlt mir mittlerweile der Austausch mit den anderen Studierenden. Die bloße Präsenz von interessierten Mitmenschen ist für mich eine große Motivationsquelle und die Selbstisolation geht nicht spurlos an der Psyche vorbei. Am Ende des Tages sind die angebotenen Inhalte nur dann effektiv, wenn man sie selbst auch wahrnimmt, und das fällt mir manchmal ohne Ansporn von außen etwas schwer. Ich denke mit den Gedanken bin ich nicht allein.Zusammenfassend freue ich mich wieder auf ein normales Semester, bei dem man im realen Leben zusammenkommt. Trotzdem hat Corona auch seine positiven Seiten. Ich hoffe und bin davon überzeugt, dass innovative Lehrkonzepte jetzt auch an deutschen Hochschulen angekommen sind und deren Struktur ein wenig modernisiert wird.

Anja Müller berichtet unter anderem von der Ungewissheit, die die Corona-Pandemie zunächst vor allem im Hinblick auf viele organisatorische Fragen im Studium aufgeworfen hat, Herausforderungen beim Umgang mit den bereitgestellten digitalen Werkzeugen und „echte Semesterferien“:

Studieren in Zeiten von Corona – Eindrücke des Online-Semesters

von Anja Müller

COVID-19 hat in so ziemlich allen Bereichen unseres Lebens Veränderungen hervorgerufen – sei es unser Umgang mit sozialen Kontakten, unser Arbeitsalltag, die Abläufe des dienstäglichen Wocheneinkaufs, der Konsum lokaler und globaler Medien, der Austausch mit Familie und Freunden oder unser Freizeitverhalten. Und so, wie zahlreiche Arbeitnehmer ins Homeoffice gegangen sind, müssen die meisten Studierenden dieses Semester – zumindest die erste Zeit – von Zuhause aus lernen.

Das erste Mal musste ich mir Gedanken über die Uni im Zusammenhang mit Corona machen, als es Mitte März plötzlich hieß, meine Klausur, die ich drei Tage später hätte schreiben sollen, würde abgesagt. Es war kurz vor dem Wochenende und es blieben zunächst viele Fragen offen: Ganz abgesagt? Ohne Nachschreibtermin? Für die ganze noch ausstehende Klausurenphase? Oder kommt in einer Woche die Nachricht, dass sie doch noch geschrieben wird? Ganz kurzfristig? Soll man weiter lernen? Oder lieber die unverhofften Ferien genießen?

Ich hatte mich, als es mit „Corona“ los ging, mit meinem Freund zusammen bei seinen Eltern in deren großem Haus auf dem Land einquartiert. Und nachdem ich das Wochenende mit weiterem Lernen und vielen unbeantwortbaren Fragen verbracht hatte, beschloss ich, die unverhoffte freie Zeit zu genießen. Da mein Freund an einer Fachhochschule studiert, hatten wir immer sehr unterschiedliche Semesterferien und es noch nie wirklich geschafft, zusammen frei zu haben. Diese Gelegenheit musste genutzt werden. Zum ersten Mal überhaupt brachte er mich dazu, mit ihm zusammen Computerspiele zu spielen – von morgens bis spät in die Nacht. Als das langweilig wurde, holten wir uns Material aus dem Baumarkt, um eine Hebeeinheit für einen Monitor zu bauen, der auf Knopfdruck im Schreibtisch versinken oder hervorkommen sollte. Außerdem hatte ich wieder Zeit fürs Malen und Zeichnen gefunden. Aber auch für die Uni wurde ab und an etwas gearbeitet: das ein oder andere Projekt oder Fach musste vorbereitet oder bearbeitet werden. Nach einiger Zeit kam dann die Nachricht, dass der Beginn des Sommersemesters um knapp drei Wochen nach hinten verschoben werden und bald hieß es, das Semester würde online stattfinden, vollständig ohne Anwesenheit in der Uni – klasse!

Ich habe von meinem Wohnheim einen Weg von exakt einer Stunde mit der S-Bahn in die Uni. Die Motivation, dorthin zu fahren, sinkt in Anbetracht dieses Aufwandes, wenn man nur ein oder zwei Vorlesungen am Tag hat, wenn mehrere Vorlesungen mit großen Pausen über den ganzen Tag verteilt sind oder wenn die Vorlesungen schlichtweg langweilig sind und man sie eh damit verbringen würde, mit Kommilitonen zu tratschen. Dieses Problem würde ich im Online-Semester nicht mehr haben. Zudem war ich auch vorher schon davon überzeugt, dass aufgezeichnete Vorlesungen wesentlich besser für mich zum Lernen geeignet sind. Die Vorteile liegen auf der Hand: Man kann zurückspulen, pausieren und das naheliegendste: die Vorlesung anschauen, wann und wo man möchte. Selbst wenn ich in der jeweiligen Vorlesung anwesend war, habe ich sie mir oft noch einmal im Nachhinein online angesehen. Einfach, weil ich da wesentlich konzentrierter und motivierter bei der Sache bin. Ich habe mich demzufolge also sehr auf das anstehende Semester gefreut. Nicht zuletzt auch, weil das bedeutete, dass mein Freund und ich das Semester über größtenteils gemeinsam bei seinen Eltern verbringen würden, während wir sonst eine Wochenendbeziehung führen, da er gute 100 Kilometer von mir entfernt wohnt und studiert. Aber sein Semester sollte nun ebenfalls online stattfinden.

Bevor das Semester beginnen sollte, galt es einige Vorbereitungen zu treffen: Kopfhörer, eine bessere Internetverbindung im ganzen Haus, ein großer Schreibtisch mit zwei Schreibtischstühlen für den gemeinsamen Lernplatz, Webcams – solche Dinge mussten vorhanden sein. Und dann ging es los, das Online-Semester. Und damit auch die ewig andauernde Diskussion, ob es nun besser oder schlechter sei als zuvor.

Zunächst lief es sehr gut. Meine Vorlesungen sollten live (über Zoom oder Medialink) stattfinden, jedoch aufgezeichnet und zumindest für einen kurzen Zeitraum zur Verfügung gestellt werden. Ich war sehr motiviert, arbeitete mit, machte Notizen und bearbeitete ausstehende Aufgaben eigenständig nach der Vorlesung, ging Skripte und Übungen durch. In einem Modul, das ich aus dem vorherigen Jahr wiederholen musste, verbesserten sich die Lernbedingungen um ein Vielfaches: Wo vorher in den Hörsaalübungen hastig und viel zu schnell schlecht lesbare Tafelanschriebe (meist fehlerhaft) abgeschrieben wurden, ohne dass Zeit blieb, um Fragen zu stellen, wurden nun ausführlich ausgearbeitete Musterlösungen zur Verfügung gestellt und online Foren gebildet, in denen man Fragen stellen konnte, die gesammelt und in der anschließenden Woche gebündelt beantwortet wurden. Gerade bei diesem Modul war ich sehr erleichtert über das neue Konzept.Dann gingen jedoch Gruppenübungen in einem anderen Modul los. Die Aufgaben sollten mithilfe von OneNote bearbeitet werden und vom Tutor und den Gruppenmitgliedern eingesehen werden können. Ich kam trotz Hilfe nicht mit diesem Tool zurecht. Zudem widerstrebte es mir, in einer Zoom- Session mit anderen, fremden Gruppenmitgliedern zusammengesteckt zu werden, damit wir gemeinsam Aufgaben rechnen sollten. Bei Übungen hat es sich für mich bewährt, diese im Voraus allein oder mit Kommilitonen zu bearbeiten, um in der Übung dem Tutor die Fragen zu stellen, die noch offen geblieben waren. Das war nun nicht mehr ohne Weiteres möglich. Auch wenn die Übungen eine tolle Möglichkeit boten, mit anderen Studierenden in Kontakt zu kommen und diese kennenzulernen, mochte ich das Konzept nicht und entschied, die Aufgaben im Alleingang zu bearbeiten – die Lösungen wurden ja wöchentlich hochgeladen. Das erschwerte mir das Lernen für dieses Modul um einiges. Dennoch konnte ich mich nicht überwinden, die Übungen über Zoom wahrzunehmen. Die Erfahrung mit dieser Übung dämpfte meine Freude über das Online-Semester um einiges. Kannte ich doch sonst kaum jemanden, der das Modul ebenfalls machte und den ich bei Schwierigkeiten hätte fragen können. Ich wurde in dem Modul immer weiter abgehängt – größtenteils, weil ich ein sehr zeitaufwändiges Konstruktionsprojekt zu bearbeiten hatte, aber zu einem nicht unerheblichen Teil auch wegen der mangelnden Kommunikation mit Kommilitonen, die die gleichen oder ähnliche Probleme hatten wie ich.

Und da war ja auch noch eine Klausur, die nachgeholt werden musste. Wenige Wochen nach Semesterbeginn kam die Nachricht, dass die abgesagten Klausuren aus dem März in der ersten Juniwoche nachgeholt würden. Von da an galt es, sich auch für Klausuren mitten im Semester vorzubereiten. Zum Glück hatte ich nur eine davon. Mehr hätte ich sicher nicht geschafft. Ich vertiefte mich ganz und gar in mein Konstruktionsprojekt und in die Klausurvorbereitung. Ich verdrängte, dass ich am Ende des Semesters noch andere Klausuren schreiben würde und dass ich in diesen Modulen wichtige Vorlesungen hatte. Meine gesamte Zeit und Energie steckte ich in das Konstruktionsprojekt, an dem ich im Jahr zuvor gescheitert war und in die Klausur im Juni, die ich mit so viel Zeit zur Vorbereitung in jedem Fall gut bestehen wollte. Mit der Zeit rückte das Bewusstsein, dass man Vorlesungen, Hausaufgaben und Übungen hatte, in den Hintergrund. Nach und nach wurden Vorlesungen und Sprechstunden vergessen und verpasst. Es fehlten die Erinnerungen von Kommilitonen, dass hier und dort noch Veranstaltungen ausstehen. Es fehlten die Fragen, wo man denn gewesen sei, wenn man nicht wie sonst zu einer Vorlesung oder Übung erschienen ist. Und es fehlten eben diese Mitstudierenden, die einem ihre Aufzeichnungen zur Verfügung stellten, falls man doch mal etwas verpasst hatte.An dieser Stelle soll nicht der Eindruck entstehen, dass meine Mitarbeit und mein Engagement in den vorherigen 5 Semestern nicht nach ein paar Wochen nachgelassen hätten. Das ist definitiv nicht der Fall: In jedem Semester stellte sich bisher nach wenigen Wochen eine gewisse Nachlässigkeit ein. Die uninteressanten Vorlesungen wurden gerne mal ausgelassen und die Übungsaufgaben, die teilweise liegen geblieben sind, wurden auch nicht nachgeholt – natürlich nur solange, wie die Klausur in weiter Ferne lag. Und an diesem Punkt kommt es zu einem auffälligen Unterschied zwischen „normalem“ und „online“- Semester. Die Klausuren sind mittlerweile in Sichtweite und viele Modulinhalte wollen noch bearbeitet und gelernt werden. Doch statt, wie üblich, in Panik zu verfallen, hektisch Kommilitonen um Hilfe zu bitten und schlaflose Nächte damit zu verbringen, mich zu fragen, wie ich das alles schaffen soll, bin ich in diesem Semester sehr zuversichtlich. Mir stehen sämtliche Unterlagen zur Verfügung. Es sind zu vielen Übungen ausführliche Lösungen vorhanden. In den Foren stehen gut geordnet und meist recht übersichtlich ein Haufen Fragen, von denen ich sicher bin, dass ich mir diese bei der Klausurvorbereitung ebenfalls stellen werde – beantwortet von wissenschaftlichen Mitarbeitern, Tutoren und den Professoren höchst selbst. Zudem werden Fragen, die man selbst in den Foren stellt, meist innerhalb 24 Stunden beantwortet – auch nach der Vorlesungszeit. Wie könnten die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Klausurvorbereitung besser sein?

Ein weiterer Vorteil am Onlinesemester, den ich hier hervorheben möchte, ist der Effekt, dass man dazu neigt, eher mehr als weniger für die Uni zu arbeiten. In einem „normalen“ Semester verwendet man Zeit dafür, sich auf den Weg in die Uni zu machen. Man bereitet sich vor, packt vielleicht etwas zu essen ein, fährt oder läuft zur Uni, wartet auf Professoren, hört sich die Vorlesung(en) an und geht wieder nach Hause. Dort angekommen, macht man zunächst einmal Pause. Vielleicht geht man zum Sport, zum Einkaufen oder besucht jemanden. Erst danach widmet man sich dem Gedanken, ob etwas für die Uni zu tun ist. Ganz nach dem Motto: ich habe heute ja schon etwas getan. Man war ja immerhin dort und hat den Professoren mehr oder weniger seine Aufmerksamkeit gewidmet. Das alles fällt in diesem „Corona-Semester“ weg. Wenn die Vorlesung kurz nach dem Aufstehen noch im Schlafanzug mit einer Tasse Kaffee in der Hand verfolgt wird, um es überspitzt darzustellen, stellt sich nicht das Gefühl ein, bereits gearbeitet zu haben. Daher zeigt sich eine höhere Bereitschaft, Vorlesungen vor- und nachzubereiten und sich im Anschluss an die Vorlesungen noch mit den behandelten Themen auseinanderzusetzen. Dazu trägt sicherlich auch die Tatsache bei, dass sich momentan weniger Gelegenheiten bieten, sich von der Uni ablenken zu lassen. Es wird in dieser Zeit generell weniger unternommen und weniger Zeit außerhalb von Zuhause und mit anderen Leuten verbracht. Es stellt sich ab und an ein gewisser Grad an Langeweile ein, der dazu beitragen könnte, zum Lernen zu motivieren.
Doch jede Motivation bringt nichts, wenn man schlicht daran gehindert wird, zu lernen und zu arbeiten. Ich habe gleich zu Beginn der Corona-Krise die Möglichkeit genutzt, außerhalb meines Studierendenwohnheims unterzukommen. Dort brach regelmäßig die Internetverbindung zusammen und stunden- oder gar tagelang bestand keine Möglichkeit, das WLAN zu nutzen. Das ist selbstverständlich nicht besser geworden, seit knapp hundert Studierende ihre Zeit größtenteils dort verbringen, da Universitäten und Bibliotheken geschlossen haben und Freizeitaktivitäten auf ein Minimum reduziert werden sollen. Und dann geht es nicht darum, abends keinen Film streamen zu können, sondern darum, tagsüber keine Vorlesungen verfolgen zu können. Seitens der Verwaltung wurde uns Studierenden empfohlen, Vorlesungen, etc. nicht tagsüber zu streamen, sondern doch lieber abends oder sehr früh morgens. Ungünstig für die Studierenden, deren Vorlesungen nicht aufgezeichnet und im Nachhinein zur Verfügung gestellt werden. Zusätzlich zum nervenaufreibenden Vorhandensein oder eben Nichtvorhandensein einer stabilen Internetverbindung, kommt auch die Schwierigkeit hinzu, in einem kleinen Zimmer (10 bis 15 Quadratmeter) auf einem Flur mit durchschnittlich 8 Bewohnern die Ruhe und den Platz zu finden, sich voll und ganz auf seine Unterlagen konzentrieren und effektiv lernen zu können. Ich bin froh, dass ich die Möglichkeit hatte, dem entweichen zu können.

Um meine Erfahrungen und Gedanken zu diesem Thema zusammenzufassen, kann ich nur sagen, dass so ein Online-Semester in Zeiten von Corona durchaus funktionieren kann und durchaus auch Vorteile mit sich bringen kann – wenn die Voraussetzungen stimmen. Ich habe in diesem Semester so viel für die Uni gemacht wie in keinem Semester zuvor. Das liegt sicherlich an den Projekten und Modulen, die nun mal sehr anspruchsvoll und zeitaufwändig sind. Jedoch hätte ich in einem normalen Semester mit Präsenzvorlesungen garantiert weniger gemacht und im Hinblick auf die Klausuren einen höheren Druck verspürt. Das Online-Semester funktioniert für mich größtenteils gut – bis jetzt. Aber auch nur, weil gewisse Voraussetzungen erfüllt sind.Es braucht für ein stressfreies Online-Lernen einfach die Gewissheit einer störungsfreien Internetverbindung – obwohl zwei Studierende teilweise zeitgleich Vorlesungen streamen und parallel dazu jemand im Haus im Homeoffice arbeitet. Es braucht auch genügend Platz, sich ausbreiten zu können mit seinen Unterlagen und dennoch auf Abstand dazu gehen zu können. Zumindest ich muss ab und an die Tür zumachen können und den Rest des Tages abseits des Schreibtisches verbringen können – ohne Laptop, Monitor und Berge an Zetteln sehen zu müssen. Aber gerade das ist in einer Stadt wie Hamburg, in der Studierende gerne die kleinsten und günstigsten Zimmer mieten, oft unmöglich.

Und dennoch, ich finde es sehr spannend, dieses Semester zu erleben – das doch ganz anders ist als alle zuvor. Ich hatte endlich einmal echte Semesterferien, ohne Lernen und anstehende Klausuren. Ich freue mich immer noch über die Zeit, die ich sonst in der S-Bahn verbringen würde und so ganz wundervoll nutzen kann. Ich genieße die Vorlesungen, die ich im Garten in der Sonne anschauen kann und freue mich über die Musterlösungen von Übungsaufgaben, die sonst so schwer zu bekommen sind. Aber ob das schöner ist als der persönliche Kontakt mit Kommilitonen? Das Grillen auf dem Campus im Sommer? Das Beisammensitzen vor dem Hörsaal? Der gemeinsame Austausch im Hörsaal?

Kilian Makswit gibt in seinem Beitrag Einblicke in die persönlichen Semestervorbereitungen und hebt neben positiven Auswirkungen auf das Lernen vor allem die Herausforderung Bachelorarbeit hervor, die in Zeiten der Pandemie nicht uneingeschränkt auf die gewohnte Hochschulinfrastruktur bauen kann:

Onlinelehre und Onlinelernen – Eine erste Bilanz nach zwei Wochen

von Kilian Makswit

In meinem Studienalltag begannen mich die Maßnahmen – bedingt durch das Corona-Virus – mit der Rundmail der Entscheidungen des Krisenstabes der TUHH ab dem 13. März 2020 zu treffen. Zunächst einmal waren die Maßnahmen für mich gar nicht so schlecht, schließlich bedeuteten letztere, dass ich statt knappen zwei Wochen fünf Wochen frei haben würde. Dieser kurzfristig eher guten Nachricht stand jedoch entgegen, dass ich auch eine Klausur nicht schreiben konnte. Kurzgefasst investierte ich die fünf Wochen, um ein eigenes Projekt massiv voranzutreiben: den Bau einer CNC-Fräse. Tatsächlich war es ein gutes Gefühl auch einmal ein paar „Freizeit-Baustellen“ ein Stück weit zu schließen, woraufhin ich relativ entspannt in das neue Semester starten konnte.

Prinzipiell habe ich einen guten Start in das Online-Semester gefunden. Vorbereitet habe ich mich hauptsächlich durch ein aufgeräumtes Zimmer, schließlich musste sich dieses in den zahlreichen folgenden Videokonferenzen zeigen lassen. Die technischen Voraussetzungen zur Umsetzung der Online-Lehre hatte ich glücklicherweise schon. Zunächst einmal erstellte ich mir einen Wochenplan, um mir trotz fehlender Veranstaltungen und wenigen zeitlichen Referenzen einen strukturierten Alltag zu schaffen. Dies hat bislang gut funktioniert. Da es sich jedoch um die ersten beiden Semesterwochen handelte, musste an der einen oder anderen Stelle noch einmal eine Umstrukturierung stattfinden.

Die Veranstaltungen, die ich dieses Semester belege, sind online gut aufbereitet. Meistens handelt es sich einfach um aufgezeichnete Vorlesungen, teils wurden auch eigene Wikis mit den Inhalten angelegt. Zur Einführung gab es teils sogar Live-Streams. Es gibt jeweils wöchentliche Updates, welche Aufgaben zu bearbeiten sind bzw. wo man inhaltlich stehen sollte. Besonders spannend fand ich den Einsatz von Programmen, um Videokonferenzen abzuhalten, besonders wenn diese in einem größeren Rahmen stattfanden.

Das Lernen von Zuhause aus habe ich als sehr produktiv empfunden. Zum einen fallen die Fahrwege weg, zum anderen erfährt man deutlich weniger Ablenkung als auf dem Uni-Campus. Dazu kommt, dass viele sonst angesetzte kleine Pausenzeiten, wie die zwischen den einzelnen Vorlesungen, einfach wegfallen. Die Online-Vorlesung bietet weiterhin den Vorteil, dass man sich die Vorlesung zeitlich passend zur Nachbereitung anschauen kann. Auch hat man die Möglichkeit zwischendurch einmal zu pausieren oder bestimmte Abschnitte zu beschleunigen bzw. gezielt zu überspringen. Auch dies bot das Potential viel Zeit zu sparen und ein bisschen effektiver zu arbeiten. Dennoch bleiben auch ein paar Nachteile zu nennen. So ist es schade, dass in meinem Fall dieses Semester keine Gruppenübungen mehr stattfinden. Wir erhalten lediglich die Übungsblätter und sind aufgefordert diese wöchentlich zu bearbeiten. Hierbei entfällt natürlich die Möglichkeit spontane Rückfragen zu stellen oder sich einmal mit dem Sitznachbarn abzusprechen. Diese Option entfällt auch in den Vorlesungen.

Leider hat dieses Semester jedoch nicht nur das Lernen eine wichtige Bedeutung für mein Studium, auch starte ich aktuell mit dem Schreiben meiner Bachelorarbeit. Die aktuellen Einschränkungen lassen leider keine Forschung am Institut zu, sodass ich den ursprünglich geplanten Versuchsaufbau nicht realisieren kann. Dies stellt mich vor die große Herausforderung trotz der eingeschränkten Forschungsmöglichkeiten wissenschaftliche Ergebnisse in meine Arbeit mit einfließen zu lassen. Dies ist mit der größte Nachteil, den das Online-Studium dieses Semester für mich bringt.

Neben dem veränderten Lernen an sich, haben mir in den letzten zwei Wochen besonders die sozialen Kontakte gefehlt. Dies war auf der einen Seite wie oben bereits geschrieben gut, da hiermit weniger Ablenkungsmöglichkeiten bestanden. Auf der anderen Seite sind gerade dies die Begegnungen, welche den Studienalltag ein wenig auflockern. Vor diesem Hintergrund haben mir besonders die Videokonferenzen gut gefallen, da man hierdurch einmal wieder ein paar Gesichter sehen konnte. Ansonsten habe ich das Glück in einer Wohngemeinschaft zu wohnen, sodass ich zumindest die Möglichkeit hatte mich mit ein paar Kommilitonen austauchen bzw. etwas unternehmen zu können.

Tatsächlich fehlten mir irgendwann auch ein bisschen die Fahrwege bzw. die Strecken, welche man im regulären Alltag zurücklegt. So boten diese immer eine gute Möglichkeit, mal andere Dinge als die eigenen vier Wände zu sehen bzw. einfach einmal an die frische Luft zu kommen. Um hier ein wenig Abhilfe zu schaffen, habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, täglich eine kleine Runde spazieren zu gehen. Auch das Essen in der Mensa habe ich immer als sehr praktisch empfunden, so musste man in der Woche nicht selber Kochen. Möglicherweise ist dies aber auch nicht nur schlecht, so bot sich hier für mich einmal die Möglichkeit selbst ein wenig Kochen zu üben.

Zusammenfassend werte ich die letzten beiden Wochen (wahrscheinlich auch noch die folgende Zeit) als eine interessante Erfahrung. So konnte man einen guten Eindruck bekommen, wie ein Fernstudium so aussehen könnte. Auch wurde man angehalten den eigenen Alltag noch selbstständiger zu planen bzw. zu gestalten. Mein eigenes Fazit der letzten beiden Wochen ist jedoch, dass ich ein Präsenzstudium dem Fernstudium vorziehe. Zwar fördert das Fernstudium tendenziell das produktivere Lernen, jedoch bleiben die so wertvollen sozialen Kontakte und das Herauskommen aus der eigenen Wohnung aus, wodurch wiederum sehr viel verloren geht.

Welche Erfahrungen habt ihr im vergangenen Semester als Lernende oder Lehrende gesammelt? Was sind eure Dos and Don’ts für das kommende Wintersemester? Wir freuen uns auf den Austausch mit euch 🙂

Rechner im Home Office vor dem Fenster

Wie arbeitet und lernt ihr im Homeoffice? Teilt es uns gerne in den Kommentaren mit (Abbildung: Jan Shields, CC BY 4.0).

 

CC BY 4.0
Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: Alles digital – Studierende übers Onlinesemester 2020 an der TUHH (Teil 2)“ von Simon Stahl, Anja Müller, Kilian Makswit und Florian Hagen, Lizenz: CC BY 4.0. Beitragsbild „Perspektive“ von Florian Hagen (CC BY 4.0). Der Beitrag steht als Markdown-, DOCX- und PDF-Datei zur Verfügung.
Der Begriff Perspektive im Wörterbuch

Alles digital – Studierende übers Onlinesemester 2020 an der TUHH (Teil 1)

Mit zwei Wochen Verspätung sind Studierende der Technischen Universität Hamburg (TUHH) ins Sommersemester 2020 gestartet. Statt Vorlesungen in Hörsälen reihte sich eine Videokonferenz an die nächste. Im Beitrag Vier Wochen Onlinelehre – ein kurzer Einblick ins Seminar Wissenschaftliches Arbeiten haben wir aus Perspektive der Lehrenden bereits über die Umstellung unseres Seminars gesprochen. Der Beitrag Wissenschaftliches Arbeiten im Onlinesemester 2020 – Welche Inhalte, Faustregeln oder Ideen sind für Studierende wichtig? widmete sich weiteren Eindrücken zum Semesterende.

Doch viel interessanter ist doch eigentlich die Perspektive der Studierenden. Das Corona-Virus brachte mit einem Mal die Pläne für das anstehende Semester durcheinander. Viele fragten sich: Kann ich meine Prüfungen noch ablegen? Wie komme ich an Medien, die nur vor Ort in der Bibliothek eingesehen werden können? Was passiert mit meinen Lerngruppen?

In diesem ersten Beitrag schildern vier Studierende des – von der tub. durchgeführten – Bachelorseminars „Wissenschaftliches Arbeiten“ ihre Erfahrungen mit dem Onlinestudium 2020 zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Semester. Vielen Dank fürs Teilen!

Justin Busch gibt in seinem Beitrag unter anderem Einblicke in die anfängliche Euphorie, die das digitale Semester hervorrufte, bevor sich Schattenseiten wie die fehlende soziale Komponente zeigten, die das Hochschulleben in Präsenzzeiten auszeichnen:

Meine Erfahrungen mit dem Online-Semester an der TUHH

von Justin Busch

Seit dem 20.04.2020 läuft mein sechstes und hoffentlich auch letztes Semester meines Bachelorstudienganges Maschinenbau. Jedoch ist dieses gefühlt auch irgendwie wie ein „neues“ erstes Semester. Denn die Universität hat beschlossen, aufgrund der aktuellen Situation rund um COVID-19 dieses Semester rein digital ablaufen zu lassen. Etwas was für alle beteiligten Personen etwas ganz Neues ist. Einer meiner ersten Gedanken war: „Das ist ja super! Nicht mehr jeden Tag zwei Stunden Bahn fahren und Universität in der Unterhose haben können!“. Und mit diesem Gedanken begann ich mein letztes/neues erstes Semester am 20.04. Die ersten paar Tage waren sehr angenehm. Vorlesung um 9:00 Uhr, bedeutet für mich aufstehen um 8:45 Uhr, schnell was anziehen und ran an meinen Computer. Selbst die Vorlesungen empfand ich angenehmer als in der Universität, man kann nebenbei Musik hören oder wenn es sehr langweilig wurde ein Video gucken, ohne dass es auffällt.

Nach knapp einer Woche merkte ich jedoch, dass nicht alles was glänzt auch Gold ist. Ja, ich spare mir Fahrzeit, aber das war auch das einzig wirklich Positive. Ich empfand die Vorlesungen weniger produktiv, geschuldet durch die zahlreichen Möglichkeiten der Ablenkung. Viele Übungsgruppen, die früher Standard waren, fanden nicht statt. Das reine Online-Lernen benötigt eine Selbstdisziplin die für mich sehr neu und ungewohnt war. Vor allem stellte ich fest, dass „Uni in Unterhose“ etwas war, was die Produktivität noch weiter hemmte. Denn zeitig aufstehen und sich vernünftig fertig machen, wie als wenn ich echt zur Uni fahren würde, half mir sehr, frischer und produktiver in der Vorlesung oder in Meetings zu sein. Was mir jedoch am meisten fehlte und was auch keine Zoom-Konferenz ersetzen kann, ist das Miteinander mit meinen Freunden und Kommilitonen. Sei es zusammen in der Vorlesung sitzen, in der Übung zusammen Aufgaben und Probleme lösen oder zusammen in der Mensa Mittag essen und Gespräche über alles Mögliche führen. Diese soziale Komponente, die durch den Treffpunkt Universität entsteht, fehlt nun völlig. Das genau ist der Grund, warum ich seit dem Ende der ersten Woche kein Fan des reinen Online-Semester bin.

Mitte/ Ende der zweiten Woche stellte sich dann auch eine gewisse Müdigkeit und Genervtheit in Bezug auf Zoom-Meetings und Vorlesungen ein. Ich empfand es nun eher anstrengend meinen Professoren, jede Woche wieder aufs Neue nur per Zoom zuhören zu können. Auch Besprechungen für Projekte in Zoom und generell Online-Meetings fühlten sich eher lästig an.

Was lässt sich jetzt zum Abschluss über die ersten zwei Wochen Online-Universität sagen? Die Zeitersparnis durch das Wegfallen der Fahrt zur und von der Uni sehe ich als sehr positiv. Aber bis auf den Punkt wäre eine reine Online-Universität nichts für mich, da mir das zusammen studieren mit meinen Freunden und Kommilitonen ein wichtiger Aspekt ist. Dieser fehlt, wenn alles nur Online ist, jedoch komplett.

Adrian Pustelnik berichtet von den Herausforderungen, die die Ungewissheit des weiteren Studienverlaufes ausübte und die Selbstorganisation der Studierenden in digitalen Lerngruppen:

Eindrücke und Erfahrungen des digitalen Lernens an der TUHH

von Adrian Pustelnik

In der jetzigen Situation ist es schwer den Alltag, wie wir ihn kennen, beizubehalten. Dies betrifft neben unseren üblichen Freizeitaktivitäten, vor allem auch den Alltag in der Universität. Dieses Semester wäre mein letztes Semester im Bachelor gewesen. Da ich bereits im achten Semester studiere, war ich froh, dass endlich ein Ende in Sicht ist. Allerdings wurde meine Freude schnell getrübt, nachdem ich erfahren habe, dass die ersten Klausuren vom letzten Wintersemester abgesagt wurden. Für mich war das zunächst ein großer Schock. Abgesehen von der umfangreichen Vorbereitung auf meine Prüfungen, musste nun auch meine Bachelorarbeit warten. Es war in den ersten Wochen nicht leicht, an ein Thema für die Arbeit heranzukommen. Meine bisherigen potenziellen Betreuer der Arbeit meldeten sich nicht. Unternehmen, die in einigen Arbeiten kooperierten, waren auch nicht anzusprechen. Es war für mich, als würde der sonst hektische Alltag für einen Moment stehen bleiben. Ich habe mich zu Beginn der Corona-Pandemie viel geärgert.

Ich musste nach einiger Zeit einsehen, dass nicht alles schlecht war. Zumindest hatte ich so zunächst mehr Zeit für die Dinge, die ich aufgrund von Zeitmangel, nicht hätte machen können. Dennoch hat mich die Ungewissheit innerlich in den Wahnsinn getrieben. Werde ich meinen Bachelor dieses Jahr noch machen können? Wie wird es mit dem Studium überhaupt weitergehen? Es war wahrscheinlich für uns alle eine neue Erfahrung, unsere Arbeit weitestgehend digital auszuüben. In dem Kurs „Wissenschaftliches Arbeiten“ war es für mich zum Beispiel das erste Mal, dass ich an einem Seminar online in einem Chat teilgenommen habe. Anfangs war ich noch sehr skeptisch und fragte mich wie das funktionieren soll. Jedoch erwies sich der Chat in Kombination mit den auf StudIP bereitgestellten Material als sehr nützlich. Ich bin ein Mensch, der gelegentlich was vergisst und während eines Seminares mit dem Schreiben nicht immer hinterherkommt. Dadurch, dass das Material immer abrufbar ist, konnte ich die Chats nachlesen, wenn ich es benötige.

Das Arbeiten war eine größere Herausforderung als sonst. Gewöhnlicherweise arbeite ich, um meine Motivation zu steigern, in Lerngruppen. Da ich jedoch in dem Seminar niemanden kannte, arbeitete ich allein. Das Kennenlernen neuer Kommilitonen war über den Chat nicht so einfach, beziehungsweise meine Hemmschwelle die Kommilitonen direkt anzuschreiben zu hoch. Vielleicht wäre im Nachhinein eine Veranstaltung zum aktiven Kennenlernen hier von Vorteil. In anderen Lerngruppen funktionierte das digitale Treffen recht gut, vorausgesetzt man verfügte über eine stabile Internetverbdingung. Über die Plattform Discord konnte ich über einen Videochat mit meinen Kommilitonen sprechen. Auch das Teilen des Computerbildschirmes zum Klären der Fragen funktionierte prima. Wir machten unsere Aufzeichnungen schriftlich auf einem Notizprogramm. So konnte jeder sehen, wie man auf dem geteilten Bildschirm Notizen macht. Diese konnten praktischerweise direkt als PDF exportiert und später nochmal angesehen werden.

Das digitale Arbeiten macht uns wesentlich flexibler und ermöglicht so zum Beispiel relativ spontane Treffen. Umso wichtiger ist es meiner Meinung nach, weiterhin selbst Struktur in seinen Alltag zu bringen und sich seine Zeit so einzuteilen, dass man einerseits produktiv arbeiten und andererseits am Ende des Tages abschalten kann, um sich von dem Arbeitstag zu erholen. Ich hatte zum Beispiel häufig den Druck dauerhaft verfügbar zu sein. Ich hoffe, dass wir nicht allzu lange unter diesen Umständen so leben müssen. Dennoch bin ich der Ansicht, dass uns mehr Digitalisierung in Arbeit und Lehre nicht schaden würde.

Anil Ölmez gibt Einblicke in die das Gefühl, sich „umsonst“ auf – um ein ganzes Semester verschobene – Klausurphasen vorbereitet zu haben. Er beschreibt organisatorische Herausforderungen zum Semesterstart und eigene Motivationsprobleme:

Vier Wochen Online-Lehre und Online-Lernen

von Anil Ölmez

Mit dem Entschluss des Hamburger Senats, die Präsenzlehre in den Hochschulen bis auf Weiteres zu unterbinden und so den Semesterbeginn nach hinten zu versetzen, um die Ausbreitung des Corona-Virus entgegenzuwirken, wurden sowohl die Hochschulmitarbeiter und Dozenten als auch die Studenten mit einer neuen Herausforderung konfrontiert. In diesem Beitrag möchte ich meine Erfahrungen aus ungefähr vier Wochen mitteilen und meine Sichtweise auf diese Situation schildern.

Mitte März: Immer noch in der Klausurphase bereitete ich mich mit Kommilitonen auf die letzte anstehende Klausur vor. Das Lernen in der Gruppe entweder direkt an der TUHH oder meistens in der Staatsbibliothek gehörte für uns zur alltäglichen Routine. Doch mit der Zunahme an Infizierten in Hamburg sowie in ganz Deutschland brach unsererseits die Ungewissheit auf, ob die Klausurphase bis Ende März überhaupt durchgeführt wird. Wenige Tage später wurden die Vermutungen zur Realität: Alle Klausuren der letzten zwei Wochen wurden abgesagt – „umsonst gelernt“. Obwohl ich den Entschluss der Regierung nachvollzogen habe, hat mich diese Nachricht im ersten Moment doch geärgert, da die Klausuren natürlich in die nächste Prüfungsphase fallen würden. Andererseits war diese Zeit für viele die erste wirklich lange Freizeit im Studium, was zur Abwechslung auch gut getan hat, allerdings später doch schnell langweilig wurde. Außerdem konnte ich mich durch den späten Semesterstart auf das neue Semester besser vorbereiten – auf Kosten der verkürzten Klausurphase.

Zu Beginn des Sommersemesters 2020 war die Lage zunächst chaotisch: Jede Menge E-Mails, StudIP-Ankündigungen und eine Vielzahl an IDs und Passwörtern für verschiedenste Online-Veranstaltungen, die nach intensiver Organisation gebändigt werden konnten. Die gesamte erste Woche war für mich fast eine reine Organisationswoche statt einer Vorlesungswoche. Viele Veranstaltungen dienten nur zum Testen der digitalen Lehrstruktur, als kurzer Einstieg in das Vorlesungsthema oder fielen komplett aus, da die Dozenten ein wenig mehr Zeit für ihre eigene Organisation und Planung der Lehre benötigten. So verbrachte ich die meiste Zeit vor allem auf StudIP, um mich in Veranstaltungen einzutragen und Ankündigungen durchzulesen. Nebenbei wurden Notizen zu anstehenden Terminen gemacht und Zugangsdaten für Online-Lehrveranstaltungen in einer Liste gebündelt, um die Übersicht nicht zu verlieren. Äußerst problematisch war der Zugang zu StudIP in der ersten Woche. Dadurch, dass der Andrang extrem hoch war und mehrere hunderte Studenten und Mitarbeiter auf die Internetplattform parallel zugriffen, war die Seite sehr schnell überlastet, was sich aber ab der darauffolgenden Woche deutlich gebessert hat. Ehrlicherweise war meine Vorstellung des Semesterstarts nicht anders, jedoch hat sich die gesamte Lage schneller als gedacht beruhigt, und Struktur sowie Organisation waren wieder Bestandteil des Alltags.

Was jedoch höchstwahrscheinlich bis Ende des Semesters nicht Bestandteil des Alltags sein wird, ist der persönliche Kontakt zu Dozenten, Kommilitonen und Tutoren. Natürlich ist eine Konferenz mit Audio und Video eine Option, aber keinesfalls ein adäquater Ersatz für eine Interaktion von Angesicht zu Angesicht. Dennoch werden viele Wege für das Austauschen und Fragenklären genutzt. Beispielsweise über die Foren der StudIP-Veranstaltungen, über den Chat im jeweiligen Konferenz-Programm oder über explizite Online-Fragerunden.

In solchen Zeiten führt, wie man bisher gemerkt hat, kein Weg an der digitalen Kommunikation vorbei. Das Online-Lehrmaterial muss dementsprechend so breit wie möglich angeboten werden, um den Studenten einen ansatzweisen Ersatz zu ermöglichen. Mehr Vorlesungen und Hörsaalübungen als in Normalfall werden als Aufzeichnungen von den Dozenten im Internet abgespeichert, wodurch ein wiederholtes Anschauen und Nachvollziehen des Stoffes für die Studenten gewährleistet wird. Auch vorab des Online-Semesters erachtete ich die Aufzeichungen als besonders effektiv. Mitschriften aus der Vorlesung können so durch Pausieren oder durch Zurückspulen besser und einfacher übernommen werden, wobei auch die Wiedergabegeschwindigkeit oder das Vorspulen ausgenutzt werden können, falls schon bereits bekannter Vorlesungsstoff thematisiert wird. Außerdem sind die Aufzeichungen unerlässlich, falls man eine Überschneidung zwischen zwei zeitlich parallel stattfindenden Veranstaltungen hat und keine Informationen verpassen will, was in diesem Fall auch auf mich in diesem Semester zutrifft. In dieser Situation wurde mir auch nochmal klar, wie gut es ist, dass die Bibliothek eine große Auswahl an digitalen Büchern und Artikeln besitzt und ein VPN zum Intranet der Universität existiert, um so auf noch mehr Bücher zuzugreifen, Software herunterzuladen und bei Perinorm nach Normen zu suchen. Ein meiner Meinung nach großes Problem bestand und besteht dennoch bis heute – meine Motivation.

Eine fehlende eineinhalbstündige Fahrt zur Universität, ein gemütliches Zuhause und kaum körperliche Aktivität, da ich sowieso fast den gesamten Tag am Computer verbringe, sorgen dafür, dass meine Motivation und Produktivität ein Tief erreichen. Obwohl ich durch das Online-Semester viel Zeit durch Pendeln und Warten einspare, sank meine effektive Lernzeit, was eigentlich ziemlich paradox klingt. Das Fehlen eines strikten Zeitplans und einer Routine sind die Hauptgründe dafür. Um die Motivation hochzuhalten und einen halbwegs ordentlichen Zeitplan zu haben, habe ich mit Kommilitonen verschiedenste Termine in der Woche eingeplant, um zusammen zusätzlich Aufgaben zu wiederholen oder für Klausuren zu lernen. So habe ich immer etwas zu tun und das Lernen zusammen ist immer angenehmer und weniger langweilig für mich, was meine Motivation deutlich steigert. Dennoch ist einiges an Verbesserung möglich.

Das Online-Semester hat wie bei allen Dingen im Leben seine Vor- und Nachteile. Man spart die Zeit zur Uni und ist deutlich flexibler, was Terminplanung betrifft. Allerdings ist der „Uni-Alltag“ weniger persönlich und die fehlende Motivation kann für den einen oder anderen zum Problem werden, was sich aber leicht eindämmen lässt. Zusammenfassend ist das Semester für mich sowie für alle anderen Betroffenen eine ganz neue Erfahrung. Meiner Meinung nach ist vieles richtig umgesetzt worden, wobei natürlich immer noch Optimierungsbedarf besteht – auch meinerseits.

Lukas Joritz gibt in „Online-Lehre“ Einblicke in seinen Studienalltag und reflektiert, ob Vorlesungen in den heimischen vier Wänden in der Praxis wirklich so sind, wie Studierende sich diese oftmals vorstellen:

Online-Lehre

von Lukas Joritz

Ausschlafen, Zeit sparen, produktives Arbeiten in gewohnter, entspannter Umgebung. Von Vorlesungen auf dem heimischen Balkon oder vielleicht sogar im eigenen Garten hat doch jeder Student schon einmal geträumt. Aber ist der Alltag „Online-Lehre“ in der Praxis wirklich so toll, wie man ihn sich vorstellt?

Nach dem ersten Blick auf dem Stundenplan hat sich das mit dem richtig Ausschlafen schon einmal erledigt. Montags sowie dienstags gleich um 8:00 Uhr Vorlesung. Also doch um 7:30 Uhr aufstehen, damit man nicht vollkommen verschlafen vor dem Bildschirm hängt. Aber zum Vergleich, immer noch deutlich besser, als um 6:00 Uhr aufzustehen, damit man den Zug bekommt. Wobei man dann am Bahnhof noch ungewollt in den Kampf um den letzten freien Sitzplatz im völlig überfüllten Zug gerissen wird und jetzt so langsam bereut, nicht doch eine Stunde früher schlafen gegangen zu sein.

Zeitersparnis, alleine dadurch, dass man nicht jeden Tag zur Uni fahren muss, ist also ein großer Faktor. Gerade für Studenten wie mich, die weiter weg wohnen. Ein weiterer Vorteil, auch aus dieser Kategorie, ist mir bei der Zusammenstellung meines Semesterplans aufgefallen. In vorherigen Semestern war es immer ärgerlich große Pausen zwischen Veranstaltungen zu haben. Eine Vorlesung morgens und die nächste erst wieder am Nachmittag. Kommilitonen, die im Umfeld des Campus wohnen, fahren in dieser Situation nach Hause. Glück gehabt, wenn der Freundeskreis auch von weiter weg kommt und sich die Zeit schnell überbrücken lässt. Zwingend produktiver nutzt man die Pause dadurch aber nicht. Da ist es jetzt deutlich effektiver. Dinge, die man sonst noch nach der Uni Zuhause hätte erledigen müssen, macht man nun in den freien Slots.

Nun aber zum wahrscheinlich wichtigsten Teil des Vergleichs, der eigentlichen Lehre. Dazu möchte ich gleich mal folgendes Szenario beschreiben. Hörsaalübung Baustatik oder besser gesagt, 90 min abschreiben bis die Hand krampft, wer absetzt hat verloren. Ich glaube jeder Student hat oder hatte schon diese Veranstaltung, wo einfach viel zu viel Stoff in deutlich zu wenig Zeit durchgenommen werden muss. Ein bisschen, wie das Garagenparadoxon, nur dass es nicht aufgeht. Zum Nachdenken, Fragenstellen oder Atmen bleibt da keine Zeit. Und die Wahl, den Inhalt lieber zu verstehen und nicht auf Krampf versuchen alles mitzuschreiben, hat man nicht wirklich, weil aufgezeichnet wird nichts und der Anschrieb im Nachhinein auch nicht hochgeladen. Verstehen muss man den Inhalt dann später mithilfe seiner Notizen. Dieses Szenario gibt es jetzt quasi nicht mehr. Einige Veranstaltungen werden als Video hochgeladen und die, die live sind, werden häufig parallel aufgezeichnet oder der Anschrieb im Nachhinein veröffentlicht. Ist ja auch kein großer Mehraufwand, Inhalte sind ohnehin schon in digitaler Fassung. Habe ich Zusammenhänge in einer Vorlesung nicht direkt verstanden, spule ich einfach kurz zurück oder versuche mir die aufgetretene Frage gleich mithilfe anderer Quellen zu beantworten, bevor ich weiterschaue. Das kostet aber auch Zeit und eine Vorlesung kann dann gerne mal doppelt so lange, wenn nicht länger dauern, aber am Ende habe ich den Inhalt auch wirklich verstanden und muss nicht noch Nacharbeiten. Damit ist das eh immer so eine Sache, man macht sich im Hörsaal eine Notiz an einer Stelle im Skript, die man später Zuhause noch aufarbeiten möchte, letztendlich ist das am Ende des Tages aber leicht wieder vergessen. Demnach ist es zurzeit keine Seltenheit, dass ich erst abends den Computer ausmache, wo ich bei gleichem Vorlesungspensum vorher schon längst wieder Zuhause gewesen wäre, mit dem Kopf bei allem anderen außer der Uni.

Natürlich gibt es neben den für mich vielen Vorteilen auch gewisse Nachteile. Der Kontakt zu befreundeten Kommilitonen trotz Skype und anderen Plattformen ist nicht zu vergleichen mit dem persönlichen Treffen. Zudem denke ich, dass es gerade als Lehrende/ Lehrender am Anfang doch sehr ungewohnt ist, gegen einen Bildschirm zu sprechen, mit nur sehr begrenztem Kontakt, gerade weil in großen Veranstaltungen die Studierenden Ihre Kamera aus haben und somit etwaige nonverbale Kommunikation gänzlich entfällt. Mit laufender Zeit und etwas Routine bin ich aber positiv gestimmt, dass die virtuelle Kommunikation zwischen Lehrenden und Studenten immer besser und natürlicher werden kann. Das Veranstaltungen aktiver und innovativer gestaltet werden können und somit eine Lehre in vielen Bereichen auf gleichwertigem, wenn nicht sogar höherem Niveau stattfinden können. Alles in allem bin ich ein großer Freund der Online-Lehre und hoffe, dass wir einige Ansätze aus dieser unwirklichen Zeit in der Zukunft in die uns vertraute Lehre übernehmen werden.

Interesse an weiteren Eindrücken zum Online-Semester? In der kommenden Woche folgen die nächsten Beiträge unserer Studierenden auf tub.torials. Fragen und Anmerkungen sind wie immer herzlich willkommen 🙂

 

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Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: Alles digital – Studierende übers Onlinesemester 2020 an der TUHH (Teil 1)“ von Justin Busch, Adrian Pustelnik, Adrian Pustelnik, Lukas Joritz und Florian Hagen, Lizenz: CC BY 4.0. Beitragsbild „Perspektive“ von Florian Hagen (CC BY 4.0). Der Beitrag steht im Markdownformat zum Download zur Verfügung.
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