Worüber soll ich eigentlich schreiben? 3 Methoden zur Ideenfindung für wissenschaftliche Arbeiten

Texte zu schreiben ist schwer. Doch oft liegt die eigentliche Hürde noch davor: Worüber soll ich überhaupt schreiben?

In unserem Seminar „Wissenschaftliches Arbeiten“ begleiten wir Studierende durch den gesamten Prozess einer wissenschaftlichen Arbeit: Vom Finden einer Themenidee über Exposé, Recherche, Literaturverwaltung und Zitieren bis hin zum fertigen Text und der Präsentation der Ergebnisse. Gerade der Anfang ist dabei oft besonders herausfordernd.

Wir geben zwar zur Anregung ausgewählte Themen als Orientierung vor, möchten Studierende aber vor allem motivieren, eigene Themen zu entwickeln. Unsere Erfahrung: Wenn echtes Interesse vorhanden ist, fällt der Einstieg leichter, und oft entstehen dabei die besseren Arbeiten. Das gilt besonders dann, wenn viele Aspekte wissenschaftlichen Arbeitens zum ersten Mal erprobt werden. In der Vergangenheit hatten wir so schon sehr unterschiedliche und spannende Themen: vom Schiedsrichterdasein im Kreisklassenfußball über die Konsistenz von Zimtsternen bis zur Analyse von Trashfilmen, aber genauso fachlich näherliegende Themen an der TUHH wie KI-generierter Code im Vergleich zu menschlichem Code, klimaneutrales Bauen oder Wasserstoff als alternative Antriebsform.

Der Beitrag ist in folgende Abschnitte unterteilt:

Was ist die Herausforderung?

Ein häufiges Bild zu Seminarbeginn: Manche Studierende wissen grob, in welchem Themenfeld sie sich bewegen möchten, aber nicht, wie sie daraus eine konkrete Frage entwickeln sollen. Andere haben noch gar keine Vorstellung, worüber sie schreiben wollen. In beiden Fällen zeigt sich: Das Problem liegt oft nicht an mangelnder Kreativität, sondern daran, dass konkrete Werkzeuge fehlen, um aus einem Gefühl (oder dem kompletten Fehlen eines solchen) ein Thema zu machen.

Ideenfindung als Methode

Im Sommersemester 2026 haben wir die Einheit zur Ideenfindung angepasst und erweitert. Dazu inspiriert haben uns unter anderem Rückmeldungen aus vergangenen Semestern. Nach einer kurzen Einführung in theoretische Aspekte wissenschaftlichen Arbeitens und einer gemeinsamen Plenumserfahrung mit Ansätzen wie Clustern und Strukturbaum (mehr dazu auch in einem früheren Beitrag zur Ideenfindung) haben wir drei weitere Methoden eingeführt, die Studierende individuell mithilfe eines Arbeitsblattes ausprobieren konnten:

  1. „Ärger und Lücken“: vom eigenen Unmut zum Thema
  2. W-Fragen-Technik: Neugier systematisch erzeugen
  3. Bekanntes und Fremdes kombinieren: ungewöhnliche Verknüpfungen herstellen

Ziel: In knapp 15 Minuten zu einer ersten, vorläufigen Forschungsfrage kommen.

Warum diese drei Ansätze?

Die drei Methoden verfolgen bewusst unterschiedliche Zugänge:

  • persönlich-emotional (Was stört mich?)
  • neugierig-analytisch (Was verstehe ich noch nicht?)
  • kreativ-kombinatorisch (Was passiert, wenn ich zwei Dinge verbinde, die sonst wenig bis nichts miteinander zu tun haben?)

So werden verschiedene Lerntyp*innen angesprochen und es wird deutlich: Ideen müssen nicht zufällig entstehen, sondern können auch durch gezielte Perspektivwechsel geweckt werden.

Durchführung im Seminar

Die Übung war eingebettet in eine Einheit zu Methoden der Ideenfindung, in der wir zuvor gemeinsam verschiedene Ansätze im Plenum ausprobiert hatten. Der Ablauf:

  1. Kurze Vorstellung der drei Methoden im Plenum (ca. 3 Min.)
  2. Individuelle Bearbeitung des Arbeitsblattes (ca. 10–15 Min.)
  3. Austausch zu ersten Eindrücken (ca. 5 Min.)

Das Arbeitsblatt diente dabei als strukturierende Unterstützung mit einem klaren Ergebnisfeld am Ende: der vorläufigen Forschungsfrage.

Arbeitsblatt zur Ideenfindung

Im GitLab-Repository von tub.torials steht das Arbeitsblatt in verschiedenen Formaten gemeinsam mit dem Blogbeitrag zum Download bereit.

  • Arbeitsblatt

Erkenntnisse und Feedback

Im anschließenden Austausch wurde deutlich, wie unterschiedlich die Methoden ankommen. Angesichts der verschiedenen Lerntyp*innen in einer Seminargruppe ist dies natürlich wenig überraschend.

Was gut funktioniert hat

Methode 1: „Ärger und Lücken“
Diese wurde als besonders niedrigschwellig beschrieben. „Man kommt gut rein, da es wirklich einiges gibt, das mir dann direkt in den Kopf kam.“ Viele Studierende berichteten, dass sie bei diesem Ansatz schnell bei Themen aus ihrem eigenen Studienalltag landeten und direkt „ins Doing“ kamen.

Methode 2: W-Fragen-Technik
Methode 2 hatte ebenfalls Befürworter*innen, während andere die vorgegebenen Fragen als zu einengend empfanden. Darüber hinaus wurde die Einstiegsformulierung „grobes Interessengebiet“ von einigen als zu vage empfunden. Dies ist nachvollziehbar, da ein unklares Interessengebiet genau das Problem ist, das die Methode eigentlich lösen soll.

Methode 3: „Bekanntes und Fremdes kombinieren“
Diesen Ansatz konnten viele Studierende aufgrund der knappen Zeit nicht adäquat ausprobieren. Dennoch wurde er im Plenum vereinzelt als „spannend“ beschrieben, da die freie Kombination aus persönlichem Interesse, Fachbegriff und aktuellen Entwicklungen beim kurzen Ausprobieren bereits ungewohnte Denkwege anzustoßen scheint. Damit könnten genau jene Querverbindungen angeregt werden, aus denen auch originelle Themen entstehen.

Positiv hervorgehoben wurde zudem der Abschluss des Arbeitsblattes: Dass am Ende eine vorläufige Forschungsfrage stehen soll, gab der Übung eine klare Richtung.

Was wir beim nächsten Mal anpassen würden

Für Methode 2 würden wir die Einstiegsformulierung anpassen und deutlicher machen, dass die vorgegebenen Fragen als Anregung gedacht sind. Eigene Fragen, die besser zum jeweiligen Interessengebiet passen, sind ausdrücklich erwünscht. Ergänzend wäre ein konkretes Durchlaufbeispiel hilfreich, das den Einstieg erleichtert. Die Einstiegsformulierung im hier bereitgestellten Arbeitsblatt ist bereits entsprechend angepasst.

Für Methode 3 (oder die komplette Einheit) würden wir mehr Zeit einplanen, damit der Ansatz wirklich ausprobiert werden kann. Das Feedback deutete an, dass hier noch einiges an Potenzial liegt und der Zeitrahmen insgesamt etwas großzügiger sein könnte. Da der Seminarplan bereits eng getaktet ist, wäre eine Option, die Übung künftig in den Do-Sessions weiterzuführen. In diesen können Studierende frei an ihren Themen arbeiten. Alternativ könnte der theoretische Input zugunsten solcher praktischen Übungen mit direktem Plenumsaustausch reduziert werden.

Fazit

Unsere Eindrücke aus dieser Einheit und dem Feedback vergangener Semester: Studierende tun sich selten aufgrund mangelnder Kreativität mit der Themenfindung schwer. Eher scheint es, dass es hilft, konkrete Werkzeuge und Ansätze nicht nur zu kennen, sondern sie auch aktiv einmal auszuprobieren und so aus vagen Interessen greifbare Themen zu entwickeln. Ideenfindung ist damit weniger eine Frage von Kreativität als von geeigneten Methoden.

Grundsätzlich wurde die Übung positiv aufgenommen. Mehrere Studierende äußerten, dass sie sich so besser ausgestattet fühlen, wenn es darum geht, aus einem Interesse eine Frage oder zumindest eine Themenidee für eine wissenschaftliche Arbeit zu entwickeln.

Wir sind gespannt, welche Erfahrungen andere mit ähnlichen Ansätzen gemacht haben: Welche Methoden oder Übungen nutzt ihr, um Studierende beim Finden eines Themas zu unterstützen? Und was hat euch selbst geholfen, als Studierende oder Lehrende? Teilt gerne eure Erfahrungen in den Kommentaren, per Mail oder auch über Mastodon (@flohnsen@openbiblio.social).


CC BY 4.0
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