Gedanken zum Semesterstart. Nicht perfekt. Nicht alles wissen. Aber anfangen. Zum Beispiel mit Zotero, OpenAlex, Free Writing und eigenen Ideen.
Gedanken, Ideen und Materialien zu Offenheit in Wissenschaft, Forschung und Lehre
Das neue Semester steht vor der Tür. Und ich frage mich einmal mehr: Welche Dinge hätte ich mir gewünscht, früh zu wissen? Einfach und ohne lange Erklärungen.
Der Semesterstart an der Uni hat immer etwas Widersprüchliches. Einerseits: Aufbruchsstimmung. Neue Kurse, neue Themen, vielleicht sogar neue Vorsätze. Andererseits: dieses leise Gefühl, dass alle anderen irgendwie wissen, wie das hier funktioniert. Nur man selbst nicht so ganz. Zumindest fühlt es sich oft so an.
Ich arbeite seit einigen Jahren im Umfeld von Lehre und Bibliothek und begegne diesem Gefühl regelmäßig. Bei Studierenden, aber ehrlich gesagt auch bei mir selbst in verschiedenen Phasen. Deshalb schreibe ich das hier nicht als Ratgeber, sondern eher als das, was ich mir damals gewünscht hätte, einfach mal gesagt zu bekommen.
Zwölf konkrete Tipps für den (Ersti-)Semesterstart habe ich übrigens schon mal aufgeschrieben. Du findest sie im Beitrag „Wenn ich nochmal Ersti wäre …“. Heute geht es mir um etwas anderes.
Das klingt nach einem dieser Motivationssätze, die man auf vielen Webseiten oder Postkarten findet. Fast hätte ich ihn deshalb gestrichen. Aber es ist eher eine praktische Beobachtung.
Viele warten im Studium darauf, „fertig gedacht“ zu haben, bevor sie anfangen zu schreiben. Ein mögliches Problem: Das Denken passiert oft erst beim Schreiben. Ein erster Entwurf darf unrund sein. Vielleicht soll er das sogar. Wer das verinnerlicht, schreibt schneller, klarer und mit deutlich weniger Blockaden.
Dasselbe gilt für Fragen stellen. Nicht zu wissen, wie eine Literaturrecherche „richtig“ funktioniert, ist keine Schande. Es ist ein Ausgangspunkt. Viele haben das nie systematisch gelernt, tun aber trotzdem so, als wäre es selbstverständlich. Das führt dazu, dass man lieber schweigt, als nachzufragen. Dabei wäre die Frage oft der schnellste Weg nach vorne.
Wer eine Quelle nennt, sagt damit: Diese Idee stammt nicht von mir. Das ist nicht nur Formalität oder Bestandteil der Guten Wissenschaftlichen Praxis, sondern Respekt. Respekt gegenüber den Menschen, deren Arbeit man nutzt sowie gegenüber den Lesenden. Und auch gegenüber uns selbst. Denn nach ein paar Monaten haben auch wir, oder zumindest ich, oft schon vergessen, woher eine Information kam. Wer den Sinn dahinter versteht, hat automatisch weniger Stress mit Zitierstilen. Denn dann geht es nicht mehr ums Regelwerk, sondern ums Prinzip.
Wenn du tiefer in das Thema Zitieren einsteigen möchtest:
Google Scholar ist ein Anfang. Aber nur ein Anfang. Wer früh lernt, wie Datenbankrecherche funktioniert, welche Suchbegriffe helfen und wie man Quellen bewertet, spart sich später viel Zeit. Und noch mehr Nerven.
Was ich dabei selbst lange unterschätzt habe: wie viel leichter es ist, wenn man überhaupt erstmal weiß, wo man suchen kann. Abseits der bekannten Suchmaschinen. Angebote wie OpenAlex gab es zu meiner Studienzeit noch nicht. Oder ich kannte zumindest nichts Vergleichbares. Aber ich wünschte, es hätte sie gegeben. Mit OpenAlex kannst du heute ohne Zugangshürden einfach mal schauen, was in bestimmten Themenbereichen oder an deiner eigenen Hochschule eigentlich in der Forschung passiert.
Wenn du mehr über die Literaturrecherche mit OpenAlex erfahren möchtest:
Das hat mich lange beschäftigt. Die Idee, dass man erst denkt und dann schreibt, klingt logisch. Funktioniert aber (bei mir) selten so. Oft entsteht Klarheit erst durch das Schreiben selbst.
Free Writing ist dafür eine einfache Methode: einfach drauflosschreiben, ohne zu werten, ohne zu korrigieren. Was dabei rauskommt, ist selten perfekt. Aber es ist ein Anfang. Und der zählt.
Wenn du dich näher mit Free Writing oder deinen eigenen Schreibgewohnheiten beschäftigen möchtest:
Es gibt Tools, die man irgendwann entdeckt und denkt: Warum hat mir das niemand früher gezeigt? Zotero gehört für mich dazu. Zotero ist kostenlos, open source und hilft dir dabei, Literatur zu verwalten. Klingt erstmal nach etwas, das erst kurz vor der Abschlussarbeit relevant wird. Ist es aber nicht.
Literatur sammelt sich an. Leise, aber stetig. Ein Paper hier, ein Buchkapitel da, ein Link, den du schnell irgendwo abspeicherst und drei Wochen später nicht mehr wiederfindest. Was ich lange gemacht habe: mir Dinge selbst per Mail zu schicken oder dutzende Tabs offen zu lassen. Funktioniert kurzfristig. Aber nicht über Wochen. Bei mir entwickelte sich dann immer eine Art Druckgefühl.
Mit Zotero geht das deutlich einfacher. Mit wenigen Klicks kannst du Quellen direkt aus dem Browser speichern: strukturiert, wiederauffindbar und ohne Umwege. Und es sind genau diese kleinen Dinge, die den Unterschied machen: keine Texte mehr selbst irgendwo hinschicken, keine Tabs „für später“ offen lassen. Dinge landen direkt da, wo du sie später auch wiederfindest.
Was viele auch nicht wissen: Mit der Zotero-App (Zotero for mobile) kannst du die ISBN von Büchern scannen. Die bibliografischen Daten landen direkt in deiner Zotero-Sammlung. Synchronisiert über alle Geräte. Kein Abtippen, kein schnelles Foto mehr, das später in der sowieso schon viel zu schnell wachsenden Fotosammlung untergeht.
Das klingt nach Komfort. Und das ist es auch. Dabei habe ich hier nur ein paar der Features angesprochen. Zotero steckt voller kleiner und größerer Funktionen, die das Arbeiten mit Literatur deutlich erleichtern. Aber das Wichtigste bleibt: Wer seine Literatur im Griff hat, kann sich mehr auf das konzentrieren, was eigentlich zählt: das Lesen, Denken und Schreiben.
Wenn du mehr über die Grundlagen und weitere Funktionen von Zotero erfahren möchtest:
Die Universitätsbibliothek TUHH bietet freitags in der Zeit von 09:00 bis 09:30 Uhr auch eine Sprechstunde zum Thema Literaturverwaltung an. Diese wird per Zoom angeboten.
Zugangsdaten:
Wenn du Zotero lieber einmal live und kompakt kennenlernen möchtest: Am 6. Mai 2026 biete ich bei der Langen Nacht des Lernens in der Universitätsbibliothek der TUHH einen Crashkurs an. Das Wichtigste in zwanzig Minuten. Alle Details zu den Sessions gibt es nach Ostern in einem eigenen Blogbeitrag der Universitätsbibliothek.
Der Semesterstart ist kein Moment, in dem man schon alles wissen muss. Er ist ein Moment, in dem man anfangen kann. Mit dem Schreiben, mit den Fragen, mit den Tools, die einem das Arbeiten leichter machen.
Viele der Werkzeuge und Materialien, die dir dabei helfen können, sind frei zugänglich. Ganz im Sinne verschiedener Openness-Bewegungen wie Open Educational Resources, Open Access oder Open Source. Sie sind offen, nachnutzbar und darauf ausgelegt, Wissen zugänglich zu machen. Für alle, nicht nur für die, die Zugang haben.
Und noch etwas: Das Impostor-Gefühl, also das Gefühl, weniger zu wissen als alle anderen, ist weiter verbreitet, als man denkt. Vielleicht hilft es, das einfach mal laut zu sagen. Wenn du bei Recherche, beim Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten oder bei der Literaturverwaltung nicht weiterkommst: Genau dafür sind wir als Universitätsbibliothek da.

Was wäre deine ehrliche Ansage an dich selbst zu Semesterbeginn? Ich bin gespannt auf eure Gedanken in den Kommentaren, per Mail oder auch über Mastodon (@flohnsen@openbiblio.social).

Was wäre, wenn ein Buch zum Thema Kreativität uns etwas über OER und wissenschaftliches Arbeiten beibringen könnte? Alle paar Jahre greife ich immer mal wieder zu „Steal Like an Artist“. Ein Buch, das man nicht einmal liest, sondern immer wieder.
Mal, um einfach den Kopf frei zu bekommen. Mal, um mich wieder daran zu erinnern, dass man Dinge auch anders denken kann. Und vielleicht auch sollte. In der Schule und im Studium. In der Lehre und in der Forschung. Oder in forschungsnahen Services. Selbst in Bereichen, die auf den ersten Blick nicht unbedingt als „kreativ“ gelten. Denn Kreativität zeigt sich, denke ich, nicht nur im künstlerischen Tun.
Sie zeigt sich auch darin, wie wir zum Beispiel Probleme formulieren, wie wir Lehre gestalten, wie wir Forschung oder Forschungsunterstützung strukturieren, wie wir das Studium organisieren oder wie wir bestehende Materialien neu denken.
Beim erneuten Lesen wurde mir klar: Kleons zehn kreative Prinzipien lassen sich erstaunlich gut auf wissenschaftliches Arbeiten und Open Educational Resources (OER) übertragen (ehrlich gesagt schwirrte mir diese Idee schon eine Weile im Kopf rum, als ich mir vornahm, das Buch mal wieder in die Hand zu nehmen).
Nachfolgend schaue ich mir die zehn Prinzipien an und versuche diese auf wissenschaftliches Arbeiten und OER zu übertragen.
Inhalt:
Kleon meint damit nicht: kopieren. Er meint: Ideen aufnehmen, verstehen, verändern und neu zusammensetzen. Neue Ideen entstehen selten im luftleeren Raum. Kreativität ist nach ihm keine Schöpfung aus dem Nichts, sondern eher eine Art Remix: Jede neue Idee ist eine Weiterentwicklung, Kombination oder Neuinterpretation bestehender Gedanken (Kleon, 2012, S. 9). Und vielleicht liegt genau darin etwas sehr Entlastendes: Was wir „Originalität“ nennen, ist oft weniger ein radikaler Neuanfang als ein neuer Blick auf Bekanntes.
In der wissenschaftlichen Praxis passiert genau das ständig. Eine Literaturübersicht ist im Grunde nichts anderes als ein strukturierter Umgang mit vorhandenen Ideen. Forschende greifen bestehende Theorien auf, prüfen sie, kombinieren sie oder wenden sie auf neue Kontexte an.
Auch OER leben davon. Materialien werden übersetzt, gekürzt, kombiniert oder an andere Zielgruppen angepasst. Das Ziel ist nicht Originalität um jeden Preis, sondern Weiterentwicklung.
„We learn by copying. We’re talking about practice […], not plagiarism“ (Kleon, 2012, S. 33). Kleon sagt: Warte nicht darauf, „bereit“ zu sein.
In der wissenschaftlichen Praxis wäre man sonst nie fertig. Forschung beginnt oft mit Ideen, offenen Fragen oder unfertigen Gedanken. Entwürfe, Diskussionen oder frühe Präsentationen sind kein Zeichen von Unausgereiftheit, sondern Teil des Prozesses.
Auch OER entstehen in der Regel nicht als perfekte Lehr-Lernmaterialien. Viele Materialien werden zunächst in einer einfachen Version veröffentlicht und später weiterentwickelt oder mit anderen Ideen kombiniert und erweitert: Durch Feedback, eigene Erkenntnisse, neue Anforderungen und Perspektiven.
„What did they miss? What didn’t they make? What could’ve been made better?“ (Kleon, 2012, S. 48). Kleon fordert dazu auf, das zu schaffen, was man selbst vermisst.
Im wissenschaftlichen Arbeiten beginnt Forschung oft genau so: Man merkt, dass eine Frage unbeantwortet ist, dass bestehende Ansätze nicht ausreichen oder dass es ein Problem gibt, das sich beispielsweise technisch lösen lässt.
Im Bereich OER zeigt sich das ähnlich: Viele offene Materialien entstehen, weil Lehrende kein passendes Lehrmaterial für eigene Lehrangebote finden. Also entwickeln sie es selbst. Aber auch fehlende finanzielle Mittel können ein Ausgangspunkt sein. Gerade dann, wenn vorhandene Materialien zu teuer, zu unflexibel oder schlicht nicht offen genug sind, entsteht der Wunsch oder die Notwendigkeit, selbst etwas zu schaffen. Bei OER zeigt sich diese kreative Freiheit zum Beispiel konkret darin, dass Lehrende Materialien an ihre Kurse anpassen, eigene Übungen oder Erklärvideos entwickeln oder verschiedene Ressourcen zu neuen Lernpfaden kombinieren. Manchmal zeigt sich das auch im Nachhinein: Studierende, die in einem Seminar ein Material kennengelernt haben, kommen einige Semester später wieder, weil sie es beispielsweise in eigene Veranstaltungen einbinden möchten.
Kleon betont: Kreativität braucht mehr als Bildschirmarbeit. Computer sind gut darin, Ideen zu verfeinern und zu veröffentlichen. Aber weniger gut darin, sie zu erzeugen (Kleon, 2012, S. 58).
Auch das Denken rund ums wissenschaftliche Arbeiten ist, je nach Disziplin, selten linear. Skizzen, Cluster, Mindmaps oder Modellzeichnungen helfen, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Manchmal hilft es mehr, Kärtchen auf einem Tisch hin- und herzuschieben als Stunden vor einem Dokument zu sitzen. Ein Prinzip, das auch hinter dem Zettelkasten (Methode zum nicht-linearen Denken und Verknüpfen von Ideen) steckt. Und wer vereinfacht, denkt oftmals klarer. Für konkrete Methoden rund um das wissenschaftliche Arbeiten lohnt sich ein Blick in diesen Beitrag. Für einen persönlichen Einblick in Zettelkasten-Workflows lohnt sich ein Blick in die Beiträge Wie soll ich mir das bloß alles merken? und Geschichte und Gegenwart meiner Notizen der „Notizschreibwochen2020“-Beitragsreihe.
In OER bedeutet das: Lernen ist nicht nur digital. Offene Materialien können auch Arbeitsblätter, Workshopformate oder physische Methoden enthalten. Kreativität zeigt sich hier nicht nur im aufwendigen H5P oder Erklärvideo. Manchmal entsteht das eine auch aus dem anderen: aus der Kartenübung wird ein Workshopformat, aus dem Handout ein digitales Lernmaterial.
Nebenprojekte und Hobbies ermöglichen Freiräume. Oder wie Kleon es nennt: „productive procrastination“ (Kleon, 2012, S. 65).
In der Wissenschaft entstehen neue Ideen auch außerhalb von Hauptprojekten. Dort, wo kein Drittmittelantrag wartet, keine Erwartungen und kein Abgabedatum. Genau deshalb entstehen in Nebenprojekten manchmal interessante Fragen, oder zumindest die ehrlichsten. Pilotstudien, explorative Ansätze oder disziplinübergreifende Gespräche sind oft der eigentliche Ursprung von etwas Neuem. Manchmal ist es auch einfacher als das: Studierende, die im Seminar ein Thema frei wählen dürfen, entdecken dabei nicht selten ein Interesse, das sie später in eine Abschlussarbeit tragen.
In der OER-Praxis sieht man das deutlich: Viele Materialien haben einen unscheinbaren Ursprung. Ein Workshop oder Austausch, der eigentlich nur intern gedacht war. Ein Erklärvideo oder -text, die spontan entstanden sind. Ein H5P, das man für sich selbst gebaut hat und dann geteilt hat.
Ein Beispiel aus unserer eigenen Praxis: In einem Seminar zum wissenschaftlichen Arbeiten war eigentlich ein fixer Input-Part zu Peer Review und Peer Feedback geplant. Stattdessen entstand spontan ein kleines Übungsblatt. Und daraus direkt ein Blogbeitrag, der das Thema praktischer und zugänglicher macht als jeder geplante Input es vielleicht hätte sein können.
Unterschiedliche Camp-Formate wie Barcamps und OERcamps funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip: kein festes Programm, keine Hierarchie. Stattdessen Menschen, die etwas ausprobieren wollen und andere finden, die dasselbe suchen oder vermissen. Aus solchen Begegnungen entstehen Ideen, Projekte, Kollaborationen und Materialien, die vorher niemand genau so geplant hatte. Nebenprojekte haben keine Angst vor dem Scheitern. Der Druck fehlt und das ist etwas, das sie besonders produktiv machen kann.
Kleon betont: Gute Arbeit allein reicht nicht. Sie muss sichtbar werden (Kleon, 2012, S. 79).
In der Wissenschaft gilt dies seit jeher. Vielleicht nicht immer aus den „ursprünglichen“ Gründen. Forschung entfaltet erst durch Veröffentlichung Wirkung. Gleichzeitig hat sich eine Kultur entwickelt, die unter dem Begriff „Publish or Perish“ bekannt ist: Wer nicht veröffentlicht, verliert. Karrieren hängen an Publikationslisten, Impactfaktoren und Zitierhäufigkeiten. Teilen wird so vom Wunsch nach Wirkung, Zusammenarbeit und Austausch zur Pflicht, vom Prinzip zur Metrik. Open Access versucht, den ursprünglichen Gedanken zurückzuholen: Wissen entsteht in Gemeinschaft, wird durch Austausch größer und sollte allen zugutekommen. Und zwar nicht nur denen, die sich teure Journals leisten können. Doch auch Open Access hat seine Herausforderungen: Wer unter Druck steht zu veröffentlichen, wird anfälliger für sogenannte Predatory Journals, die den offenen Gedanken für kommerzielle Interessen missbrauchen. Mehr dazu in diesem Beitrag aus der Open Access Week 2025.
Rund um OER gilt dasselbe, noch direkter: Ein Material wird erst dann zu einer offenen Bildungsressource, wenn es zugänglich gemacht wird. Mit einer offenen Lizenz, an einem Ort, den andere finden können. Ein tolles Arbeitsblatt auf dem eigenen Laufwerk ist kein OER. Teilen ist kein Bonus, sondern der eigentliche Schritt. Sharing is caring, wie es in OER-Kreisen oft heißt. Auch wenn dazu manchmal diese Ungewissheit gehört, dass man etwas nun so frei gibt, dass man nicht mehr kontrollieren kann, was andere damit machen. Und teilen heißt nicht „perfekt sein“. Es heißt: sichtbar werden und damit anderen die Möglichkeit geben, weiterzumachen oder ein Thema aus anderen Perspektiven zu betrachten. So zumindest habe ich es für mich definiert und seitdem fällt es mir oft leichter, Dinge nicht dauerhaft in der Schublade verschwinden zu lassen.
Ideen sind nicht mehr ortsgebunden (Kleon, 2012, S. 87-97).
Forschung ist immer stärker international vernetzt. Das verändert die alltägliche Praxis. So spielt beispielsweise in unseren Literaturverwaltungsworkshops wie „No Stress, No Mess“ kollaboratives Arbeiten eine immer größere Rolle: Gruppen teilen Bibliotheken über Institutionen und Ländergrenzen hinweg, kommentieren gemeinsam, bauen aufeinander auf. Preprints, Open-Access-Publikationen und Repositorien machen Forschungsergebnisse weltweit zugänglich, oft lange bevor sie in einem Journal erscheinen.
OER gehen vom Prinzip her noch einen Schritt weiter: Materialien können nicht nur geteilt, sondern auch angepasst werden. Letzteres ist ein fester Bestandteil des OER-Gedankens, der diese auch von vielen anderen offenen Materialien unterscheidet. Eine Ressource, die in Deutschland entwickelt wurde, kann in anderen Teilen der Welt weitergenutzt, übersetzt oder für einen anderen Kontext umgeschrieben werden. Dass das kein theoretisches Szenario ist, zeigte sich in der TUB ganz konkret: Eine Kollegin, die bei uns hospitiert hat, fragte an, ob sie unsere Tutorials als Übersetzung in ihrem Land weiternutzen dürfe. Genau das macht Offenheit so wirkungsvoll. Sie kann nicht nur geografische, sondern auch institutionelle und sprachliche Grenzen überwinden.
Wie solche Begegnungen konkret aussehen können, zeigen zwei Beiträge aus unserem Blog der Universitätsbibliothek der TUHH: ein Gespräch mit einer Kollegin aus Brasilien und ein Erfahrungsbericht von Kolleginnen aus der Slowakei, die uns im Rahmen von Erasmus+ besucht haben.
Zusammenarbeit basiert auf Vertrauen. Und Vertrauen entsteht nicht durch Regeln, sondern durch Haltung.
In der Wissenschaft zeigt sich das im Umgang mit Feedback, Kritik und Anerkennung. Peer Review funktioniert zum Beispiel nur dann, wenn alle Beteiligten fair und konstruktiv agieren. Zitieren ist nicht nur eine formale Pflicht, sondern eine Form von Respekt: die Anerkennung, dass Ideen immer auf anderen aufbauen. Gleichzeitig gibt es Schattenseiten: Konkurrenzdruck, fehlende Kooperation oder Gatekeeping, das Wissen zurückhält statt es zu teilen.
In OER-Kontexten ist „Be nice“ strukturell verankert: durch Lizenzbedingungen, die Attribution vorschreiben. Aber die eigentliche Idee geht weiter: Wer Materialien offen teilt, gibt etwas her, ohne zu wissen, was daraus wird. Das erfordert Großzügigkeit und ein gewisses Vertrauen in die Community. Und wer fremde OER nutzt, trägt Verantwortung. Nicht nur rechtlich, sondern auch im Sinne einer Kultur des gegenseitigen Respekts.
„Be nice“ klingt simpel. Aber es ist vielleicht mit das schwierigste Prinzip, weil es nicht regeln, sondern überzeugen muss. Eine CC-Lizenz kann beispielsweise vorschreiben, dass du den Namen nennst. Sie schreibt aber nicht vor, dass du jemandem für seine Arbeit dankst, sein Material weiterempfiehlst oder Feedback gibst. Das ist der Teil, der nicht erzwungen werden kann, und der trotzdem den Unterschied machen kann zwischen bloßer Nutzung und echter Wertschätzung.
„Be boring“ klingt wie das langweiligste Prinzip. Aber Kleon meint damit etwas Wichtiges: Auch Kreativität braucht stabile Strukturen als Fundament. Verlässliche Routinen sind die Grundlage für kreative Arbeit und Ideen (Kleon, 2012, S. 116-130). Wer seine Energie nicht für Chaos, fehlende Strukturen oder vergessene Entscheidungen verschwendet, hat mehr Kapazität für das, was eigentlich zählt.
Übertragen auf wissenschaftliches Arbeiten zeigt sich dies unter anderem in sauberer Methodik, nachvollziehbarer Dokumentation und konsequentem Datenmanagement. Es klingt vielleicht unspektakulär. Aber Forschung, die nicht reproduzierbar ist, ist keine. Die sogenannte Reproduzierbarkeits- bzw. Replikationskrise, fehlende Rohdaten und intransparente Analyseschritte zeigen: Viele Herausforderungen in der Wissenschaft sind keine inhaltlichen Probleme, sondern strukturelle. Es fehlen Routinen.
Im OER-Feld ist es ähnlich: Lizenzen, Metadaten und Versionierung wirken bürokratisch. Aber ein Material ohne klare Lizenz kann nicht weitergenutzt werden. Denn niemand weiß, was mit dem Material nun eigentlich gemacht werden darf und was nicht. Und auch die Wahl der Lizenz macht einen Unterschied: Komplexere, restriktivere oder auch unklare Lizenzen können die Verbreitung und Nutzung unbeabsichtigt einschränken, manchmal sogar Szenarien verhindern, die Autor*innen gar nicht ausschließen wollten (Universitätsbibliothek TUHH 2025).
Ein Material ohne Metadaten wird vielleicht auch nicht gefunden. Die „langweilige“ Arbeit ist das, was Offenheit überhaupt erst funktionsfähig macht. Routine ist nicht das Gegenteil von Kreativität. Sie ist ihre Voraussetzung.
Das letzte Prinzip ist vielleicht das schwierigste, weil es gegen einen Instinkt geht. Kleon meint: Kreativität entsteht nicht durch Hinzufügen, sondern durch Weglassen. Erst Grenzen und Beschränkungen machen aus einer vagen Idee etwas Konkretes. Ein leeres Blatt ist keine Freiheit, es ist Lähmung. Ein leeres Blatt mit drei Regeln ist ein Anfang.
Beim wissenschaftlichen Arbeiten zeigt sich das in klarer Argumentation und fokussierter Fragestellung. Eine Forschungsfrage, die alles beantworten will, beantwortet nichts. Ein Paper, das jeden Gedanken abdecken möchte, verliert den inhaltlichen Hauptkern. Gute wissenschaftliche Arbeit ist auch Redaktionsarbeit: das Weglassen von dem, was zwar interessant ist, aber nicht hierher gehört. Und manchmal hilft es, sich selbst Grenzen zu setzen, um überhaupt erst in den Schreibfluss zu kommen. Zum Beispiel durch kreative Schreibtechniken wie Freewriting. Wer unter Schreibblockaden leidet, findet in diesem Beitrag zur „Most Dangerous Writing App“ und in diesem Fundstück „Mit Musik aus der Schreibblockade – typedrummer“ einige Ansätze.
Bei OER bedeutet dies: Weniger ist oft mehr. Ein kompakter Text oder ein Erklärvideo, das eine Sache wirklich klar macht, ist wertvoller als ein vollständiges, aber überladenes Lehrpaket. Materialien, die zu viel wollen, überfordern. Und oft werden diese schlicht nicht genutzt. Subtraction ist keine Schwäche, sondern eine „Designentscheidung“. Und vielleicht gilt das auch für diesen Blogbeitrag: Nicht jeder Gedanke muss rein. Manchmal ist der stärkste Satz der, den man gestrichen hat.
Kleon hat „Steal Like an Artist“ natürlich nicht für OER-Praktizierende oder Wissenschaftler*innen geschrieben. Und trotzdem, oder vielleicht genau deshalb, ist es so spannend, viele der Prinzipien in ähnlicher Form in diesen Bereichen wieder zu finden bzw. zu übertragen.
Manchmal braucht es einen Blick von außen, um zu sehen, was man selbst schon die ganze Zeit tut. Dass Forschen kreativ ist. Dass Teilen eine Haltung ist. Dass Routine und Kreativität keine Gegensätze sind.
Vielleicht liegt der eigentliche Wert des Buches nicht (nur) in den zehn Prinzipien selbst, sondern darin, dass es einen dazu bringt, die eigene Arbeit wieder mit neugierigen Augen zu betrachten.
Genau deshalb greife ich alle paar Jahre wieder danach. Wer ein kurzes, schnell lesbares Buch sucht, das beim Lesen zum Nachdenken anregt und sich auf ganz unterschiedliche Themen übertragen lässt, dem sei es auf jeden Fall empfohlen.
Das Buch steckt voller Sätze, die man sich am liebsten an die (Büro-)Wand hängen würde. Nicht einmal annähernd alle haben es in diesen Beitrag geschafft. Und das ist vielleicht auch ganz im Sinne von Prinzip 10: „Creativity is subtraction“.

Welche Prinzipien sprechen euch am meisten an? Oder habt ihr eigene Beispiele, wo Kreativität im wissenschaftlichen Arbeiten oder in OER eine Rolle gespielt hat? Teilt eure Gedanken doch gerne in den Kommentaren.
Kleon, A. (2012). Steal like an artist: 10 things nobody told you about being creative. Workman Publishing Company.
Universitätsbibliothek TUHH. (2025). Creative-Commons-Lizenzen im Überblick. Universitätsbibliothek TU Hamburg. https://www.tub.tuhh.de/publizieren/creative-commons/
