Die Open Access Week 2025 steht unter dem Motto „Wem gehört unser Wissen?“. Diese Frage geht weit über Urheberrechte oder Zugangsmodelle hinaus. Sie berührt die Grundidee von Wissenschaft selbst: Wissen entsteht in Gemeinschaft, wird durch Austausch größer und sollte allen zugutekommen.
Doch wer bestimmt heute wirklich, wer Wissen sehen, nutzen und verbreiten darf? Und was passiert, wenn Akteur*innen den offenen Charakter von Wissenschaft ausnutzen, um daraus ein Geschäftsmodell zu machen? Ein besonders drastisches Beispiel dafür sind sogenannte Predatory Journals.
Predatory Publishing: Wenn Wissen zur Ware wird
Predatory Journals und räuberische Konferenzen geben vor, Teil der offenen Wissenschaft zu sein. Sie werben mit Schlagworten wie „Open Access“, „schnelle Veröffentlichung“ oder „weltweite Sichtbarkeit“. Doch dahinter stehen häufig rein kommerzielle Interessen. Forschende zahlen hohe Publikationsgebühren, ohne dafür echte Gegenleistungen zu erhalten. Wissenschaftliche Qualität oder Verantwortung bleiben auf der Strecke, da die gewohnten Verfahren zur Sicherung wissenschaftlicher Qualität fehlen. Damit verlieren Forschende Einfluss auf den wissenschaftlichen Kontext, die Qualität und die Integrität ihrer Arbeit.
Bereits im Rahmen der vergangenen Open Access Week haben wir im Beitrag „Wissenschaftliche Integrität in Gefahr: Ein Blick auf Predatory Publishing und Conferences“ die Mechanismen und Risiken von Predatory-Angeboten beleuchtet. Während das damalige Motto „Community over Commercialization“ den Fokus auf die Kommerzialisierung wissenschaftlicher Kommunikation legte, geht das diesjährige Thema einen Schritt weiter: „Wem gehört unser Wissen?“ fragt auch danach, wie Forschende die Kontrolle über ihr Wissen behalten oder zurückgewinnen können und was geschieht, wenn sie diese verlieren.
Exkurs: Kontrollverlust auch bei Closed-Access-Publikationen
Der Kontrollverlust über Wissen zeigt sich auch in anderer Form: Bei Closed-Access-Publikationen, selbst in renommierten Fachzeitschriften, verschwindet Forschung hinter Paywalls. Forschende müssen zudem häufig ihre Nutzungsrechte abtreten und können daher nicht frei über die Nutzung oder Weitergabe ihrer Arbeiten entscheiden. Wissen wird so zu einem Gut, das man sich leisten können muss, anstatt allen zugänglich zu sein. Während Closed-Access-Journale Qualitätssicherung und Reputation bieten, bleibt der Zugang eingeschränkt – Open-Access-Modelle hingegen verbinden diese Qualitätsstandards mit freiem Zugang und größerer Sichtbarkeit.
Kleiner Praxis-Hinweis zu kumulativen Dissertationen
Wer eine kumulative Dissertation plant, sollte bei der Wahl der Zeitschriften berücksichtigen, ob die Artikel später Open Access eingebunden werden dürfen. Closed-Access-Publikationen erschweren dies oft, da Rechte abgetreten werden müssen, während seriöse Open-Access-Journals oder Preprints den Zugang und die Kontrolle über die eigene Forschung erleichtern.
Kontrollverlust in der Praxis
Gerade bei Predatory Journals ist der Verlust besonders sichtbar:
- Artikel erscheinen ohne echtes Peer Review und sind damit wissenschaftlich kaum überprüfbar.
- Veröffentlichungen lassen sich kaum zurückziehen oder korrigieren.
- Forschung wird mit pseudowissenschaftlichen Inhalten vermischt und verliert an Glaubwürdigkeit.
- Vertragsbedingungen sind oft intransparent oder widersprüchlich.
- Der Reputationsschaden kann ganze wissenschaftliche Karrieren beeinträchtigen.
Damit verlieren Forschende nicht nur die Kontrolle über ihre Publikation, sondern die gesamte wissenschaftliche Gemeinschaft und die Gesellschaft verlieren Vertrauen in die Verlässlichkeit des Wissens. Wissen wird von kommerziellen Akteur*innen vereinnahmt, zirkuliert zwar sichtbar, bleibt aber unzuverlässig und verliert seinen Wert sowohl für die Forschung als auch für gesellschaftliche Entscheidungen.
Wissen als Gemeinschaftsgut: Wege zur Selbstbestimmung
Die gute Nachricht: Es gibt Wege, die Kontrolle zu behalten. Die Antwort auf das Motto „Wem gehört unser Wissen?“ kann also nicht lauten: „Den Verlagen, den Plattformen oder den Algorithmen“, sie muss heißen: „Unser Wissen gehört uns allen“. Wir tragen gemeinsam Verantwortung dafür, es offen, überprüfbar und vertrauenswürdig zu halten.
Dazu gehört auch, sich aktiv gegen unseriöse Publikationsangebote zu schützen. Folgende Tools können dabei helfen:
- Think. Check. Submit.: Internationale Checkliste, um seriöse Journale zu erkennen.
- Compass to Publish: Online-Tool der Universität Lüttich, das Schritt für Schritt hilft, die Authentizität von Open-Access-Zeitschriften zu beurteilen.
- Infoseite der TUB: Informationen und Ressourcen zum Thema Predatory Publishing.
Diese Ressourcen stärken Forschende in ihrer Selbstbestimmung und helfen, bewusste Entscheidungen zu treffen. So bleibt Wissen dort, wo es wissenschaftlich geprüft und langfristig auffindbar ist.
Unsere Recherchearbeit in der Praxis
In der Praxis erreichen uns in der TUB regelmäßig Anfragen von Forschenden, die Einladungen zu Konferenzen oder Journals erhalten haben und eine zweite Meinung zur Seriosität einholen möchten. Genau hier setzt unsere Recherchearbeit an: Wir prüfen Angebote gezielt und entlasten so Forschende, die sich auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren können.
Unsere Prüfungen umfassen:
- Überprüfung der Historie von Zeitschriften und Konferenzen auf Predatory-Tendenzen.
- Kontrolle, ob beworbene Forschende tatsächlich involviert sind.
- Kontaktaufnahme zu existierenden Personen: Wissen sie von ihrer angeblichen Beteiligung?
- Analyse der tatsächlichen Umsetzung der angekündigten Leistungen.
Unser Open-Access-Team berät Sie außerdem zu:
- Nutzung von Tools wie Think. Check. Submit. und Compass to Publish.
- Auswahl geeigneter Publikationsstrategien und Lizenzen.
- Fragen zur Open-Access-Förderung.
So unterstützen wir Sie dabei, informierte Entscheidungen über Ihre Publikationen zu treffen.
Fazit
Die Open Access Week 2025 erinnert uns daran, dass Wissen ein gemeinschaftliches Gut ist, kein kommerzielles Produkt. Predatory Journals zeigen, wie leicht diese Idee unterwandert werden kann – und wie dringend wir kritische Prüfung, Transparenz und kollektive Verantwortung brauchen, für die Forschung und die Gesellschaft. Wissen gehört uns allen. Aber nur, wenn wir es gemeinsam schützen und gestalten.



