Geben, nehmen, lernen: Peer-Feedback mit der „2 Sterne & 1 Wunsch“-Methode
Texte zu schreiben ist schwer. Doch sie zu verbessern, ist oft genauso herausfordernd. Oft sehen wir unsere eigenen „blinden Flecken“ nicht. Genau hier setzt Peer-Feedback an: Studierende können sich gegenseitig konstruktive Rückmeldungen geben und dabei lernen, kritischer auf Texte zu schauen – auch auf die eigenen.
In unserem Seminar „Wissenschaftliches Arbeiten“ haben wir Peer-Feedback mit der „2 Sterne & 1 Wunsch“-Methode ausprobiert. Hier berichten wir von unseren Eindrücken.
Der Beitrag ist in folgende Abschnitte unterteilt:
- Was ist Peer-Feedback?
- Warum Peer-Feedback im Seminar?
- Die „2 Sterne & 1 Wunsch“-Methode
- Durchführung im Seminar
- Arbeitsblatt zu Peer-Feedback
- Erkenntnisse und Feedback
- Fazit
Was ist Peer-Feedback?
Wie auch in der Wikipedia (eine Inspirationsquelle für diesen Blogbeitrag) beschrieben, unterstützt Peer-Feedback selbstständiges Lernen und die Reflexion über eigene und fremde Texte. Im hochschulischen Kontext können Studierende sich dabei gegenseitig Rückmeldungen zu ihren Arbeiten geben.
„Das Peer-Feedback ist eine Methode zur Stützung des selbstständigen Lernens und des Umgangs mit eigenen und fremden Texten, bei der ein Student einem Mitstudenten ein Feedback gibt. Ein Peer-Feedback beinhaltet Korrekturen, Meinungen, Vorschläge und Ideen des Feedback-Partners.“ (Peer-Feedback 2025)
Warum Peer-Feedback im Seminar?
Für uns gibt es mehrere gute Gründe, Peer-Feedback nach Möglichkeit bereits früh im Studium zu üben:
Andere Perspektive:
Wir sehen unsere eigenen blinden Flecken (bspw. Schreibfehler oder Lücken im roten Faden) nicht, andere hingegen schon.
Kritisches Lesen üben:
Beim Feedback geben entwickeln Studierende ihre inneren „Lektor*innen“ weiter. Eine Kompetenz, die auch beim eigenen Lesen und Notieren wissenschaftlicher Texte hilft.
Qualitätsbewusstsein:
Was man bei anderen sieht, erkennt man später auch bei sich selbst.
Realität der Wissenschaft:
Die meisten Publikationsformen in der Wissenschaft (auch abhängig von der Publikationskultur im jeweiligen Fach) durchlaufen Peer-Review-Prozesse. Peer-Feedbacks schaffen zumindest im kleineren Rahmen ein erstes Gefühl dafür.
In der Hochschuldidaktik wird betont, dass Peer-Feedback nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern auch metakognitive Fähigkeiten fördert. Studierende werden so zu aktiveren Lernenden. Zudem ist Feedback von Peers oft weniger bedrohlich als Rückmeldungen von Lehrenden, was eine offenere Lernhaltung begünstigt (vgl. Centre for Teaching and Learning 2024).
Die „2 Sterne & 1 Wunsch“-Methode
Die Methode ist bewährt und einsteigerfreundlich: Studierende benennen zwei Stärken eines Textes und formulieren dann einen konkreten Verbesserungsvorschlag. Das Besondere daran: Der Fokus liegt zunächst auf dem Positiven, was eine konstruktive und wertschätzende Feedbackkultur fördert.
Beispiel:
- Stern 1: „Die Forschungsfrage ist klar formuliert.“
- Stern 2: „Die Struktur ist logisch aufgebaut.“
- Wunsch: „Ich wünsche mir mehr Quellenangaben zur Untermauerung der Argumente.“
Wichtig dabei: Konkret und respektvoll bleiben!
Durchführung im Seminar
Im Seminar hatten wir dieses Jahr etwa 20 Minuten für die Übung eingeplant. Die Methode funktioniert in vier Schritten:
- Studierende lesen zunächst einen wissenschaftlichen Beispieltext aufmerksam durch (5 Min).
- Sie notieren dann zwei Stärken und einen konkreten Verbesserungsvorschlag (3 Min).
- Anschließend tauschen sie sich in Paaren über ihre Beobachtungen aus (6 Min).
- Eine abschließende Blitzrunde im Plenum (6 Min) ermöglicht den Austausch im gesamten Seminar.
Wir haben dieses Semester nicht die eigenen Texte der Studierenden verwendet, sondern einen neutralen Beispieltext zum Thema „Literaturverwaltungssysteme im Studium“. Das senkt die Hemmschwelle für den ersten Versuch erheblich. Zudem waren die Texte im Seminar zu diesem Zeitpunkt noch in sehr unterschiedlichen Bearbeitungsphasen.
Arbeitsblatt zu Peer-Feedback
Im GitLab-Repository von tub.torials steht das Arbeitsblatt in verschiedenen Formaten gemeinsam mit dem Blogbeitrag zum Download bereit.
Das Arbeitsblatt dient als strukturierende Unterstützung für die Feedbackphase.
- Lizenz: CC BY 4.0, Florian Hagen
- Download: Link zum Arbeitsblatt
Erkenntnisse und Feedback
Der Input zum Thema Peer-Feedback war im Vergleich zu anderen Themenblöcken wesentlich kürzer, um ausreichend Zeit für eine praktische Übung zu haben.
Erste Eindrücke
Die Studierenden fanden die Aufgabe ungewöhnlich, aber durchaus hilfreich. Die Reaktionen bzgl. des genutzten Textes waren gemischt: Einigen war es lieber, die Methode zunächst an einem fremden Text auszuprobieren. Dies würde den Druck ein wenig aus der Situation nehmen. Andere äußerten, dass es für sie spannender gewesen wäre, die Methode direkt an den individuell geschriebenen Texten anzuwenden.
Learning: Für zukünftige Lehrveranstaltungen würden wir diese Präferenz zeitlich früher mit den Studierenden abklären oder möglicherweise beide Varianten anbieten: Erst die Übung an einem Beispieltext, dann die Anwendung auf die eigenen Arbeiten.
Was gut funktioniert hat
Der zeitliche Rahmen von 20 Minuten war realistisch und gut machbar. Bei einer Erweiterung der Aufgabe muss hier aber auch mehr Zeit eingeplant werden. Des Weiteren:
- Die strukturierte Methode gab klare Orientierung. Es wurde explizit erwähnt, dass der Ablauf auf dem Arbeitsblatt für den Einstieg sehr hilfreich ist.
- Der Austausch in Paaren war grundsätzlich etwas, was dieses Semester bei verschiedenen Übungen im Feedback der Veranstaltung sehr positiv hervorgehoben wurde.
- Studierende erkannten, wie unterschiedlich derselbe Text wahrgenommen werden kann (wobei fairerweise gesagt werden muss, dass auch Feedback der Lehrenden dazu mit beigetragen hat).
Was wir beim nächsten Mal anders machen würden
- Vorab früher klären: Beispieltext, eigene Texte, ggf. beide Varianten?
- Eventuell eine zweite Runde einplanen, um die Methode zu vertiefen.
- Mehr Raum für die Reflexion im Plenum einplanen, hier wäre auch so schon ein Puffer von weiteren 5 Minuten sinnvoll.
Ausblick und Variationen
Die „2 Sterne & 1 Wunsch“-Methode lässt sich flexibel anpassen und einsetzen, um bestimmte Prozesse des wissenschaftlichen Arbeitens nochmals zu thematisieren:
- Bei mehr Zeit kann bspw. problemlos auf: „3 Sterne und 2 Wünsche“ für detaillierteres Feedback gewechselt werden.
- Für verschiedene Texttypen: Essay, Exposé, Hausarbeit oder Präsentationen.
- Für unterschiedliche Schwerpunkte: Fokus auf Argumentation, Arbeit mit Quellen oder Schreibstil.
Die Methode eignet sich besonders gut als niedrigschwelliger Einstieg in das Thema Peer-Feedback/Peer Review, kann schrittweise umfangreicher gestaltet werden und als Anknüpfungspunkt an bereits besprochene Aspekte des Wissenschaftlichen Arbeitens genutzt werden.
Fazit
Über Rückmeldungen, das Teilen eigener Erfahrungen aus Studium und Lehre oder andere Erfahrungsberichte sowie möglicherweise Anpassungen „unseres“ Ansatzes für das Thema Peer-Feedback freuen wir uns natürlich sehr! Teilt gerne eure Erfahrungen in den Kommentaren!
Literatur
- Peer-Feedback. (2025). In Wikipedia. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Peer-Feedback&oldid=257489808
- Centre for Teaching and Learning, University of Oxford. (2024). Peer feedback. https://www.ctl.ox.ac.uk/peer-feedback

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