Texte zu schreiben ist schwer. Doch oft liegt die eigentliche Hürde noch davor: Worüber soll ich überhaupt schreiben?
In unserem Seminar „Wissenschaftliches Arbeiten“ begleiten wir Studierende durch den gesamten Prozess einer wissenschaftlichen Arbeit: Vom Finden einer Themenidee über Exposé, Recherche, Literaturverwaltung und Zitieren bis hin zum fertigen Text und der Präsentation der Ergebnisse. Gerade der Anfang ist dabei oft besonders herausfordernd.
Wir geben zwar zur Anregung ausgewählte Themen als Orientierung vor, möchten Studierende aber vor allem motivieren, eigene Themen zu entwickeln. Unsere Erfahrung: Wenn echtes Interesse vorhanden ist, fällt der Einstieg leichter, und oft entstehen dabei die besseren Arbeiten. Das gilt besonders dann, wenn viele Aspekte wissenschaftlichen Arbeitens zum ersten Mal erprobt werden. In der Vergangenheit hatten wir so schon sehr unterschiedliche und spannende Themen: vom Schiedsrichterdasein im Kreisklassenfußball über die Konsistenz von Zimtsternen bis zur Analyse von Trashfilmen, aber genauso fachlich näherliegende Themen an der TUHH wie KI-generierter Code im Vergleich zu menschlichem Code, klimaneutrales Bauen oder Wasserstoff als alternative Antriebsform.
Der Beitrag ist in folgende Abschnitte unterteilt:
Ein häufiges Bild zu Seminarbeginn: Manche Studierende wissen grob, in welchem Themenfeld sie sich bewegen möchten, aber nicht, wie sie daraus eine konkrete Frage entwickeln sollen. Andere haben noch gar keine Vorstellung, worüber sie schreiben wollen. In beiden Fällen zeigt sich: Das Problem liegt oft nicht an mangelnder Kreativität, sondern daran, dass konkrete Werkzeuge fehlen, um aus einem Gefühl (oder dem kompletten Fehlen eines solchen) ein Thema zu machen.
Ideenfindung als Methode
Im Sommersemester 2026 haben wir die Einheit zur Ideenfindung angepasst und erweitert. Dazu inspiriert haben uns unter anderem Rückmeldungen aus vergangenen Semestern. Nach einer kurzen Einführung in theoretische Aspekte wissenschaftlichen Arbeitens und einer gemeinsamen Plenumserfahrung mit Ansätzen wie Clustern und Strukturbaum (mehr dazu auch in einem früheren Beitrag zur Ideenfindung) haben wir drei weitere Methoden eingeführt, die Studierende individuell mithilfe eines Arbeitsblattes ausprobieren konnten:
„Ärger und Lücken“: vom eigenen Unmut zum Thema
W-Fragen-Technik: Neugier systematisch erzeugen
Bekanntes und Fremdes kombinieren: ungewöhnliche Verknüpfungen herstellen
Ziel: In knapp 15 Minuten zu einer ersten, vorläufigen Forschungsfrage kommen.
Warum diese drei Ansätze?
Die drei Methoden verfolgen bewusst unterschiedliche Zugänge:
persönlich-emotional (Was stört mich?)
neugierig-analytisch (Was verstehe ich noch nicht?)
kreativ-kombinatorisch (Was passiert, wenn ich zwei Dinge verbinde, die sonst wenig bis nichts miteinander zu tun haben?)
So werden verschiedene Lerntyp*innen angesprochen und es wird deutlich: Ideen müssen nicht zufällig entstehen, sondern können auch durch gezielte Perspektivwechsel geweckt werden.
Durchführung im Seminar
Die Übung war eingebettet in eine Einheit zu Methoden der Ideenfindung, in der wir zuvor gemeinsam verschiedene Ansätze im Plenum ausprobiert hatten. Der Ablauf:
Kurze Vorstellung der drei Methoden im Plenum (ca. 3 Min.)
Individuelle Bearbeitung des Arbeitsblattes (ca. 10–15 Min.)
Austausch zu ersten Eindrücken (ca. 5 Min.)
Das Arbeitsblatt diente dabei als strukturierende Unterstützung mit einem klaren Ergebnisfeld am Ende: der vorläufigen Forschungsfrage.
Arbeitsblatt zur Ideenfindung
Im GitLab-Repository von tub.torials steht das Arbeitsblatt in verschiedenen Formaten gemeinsam mit dem Blogbeitrag zum Download bereit.
Im anschließenden Austausch wurde deutlich, wie unterschiedlich die Methoden ankommen. Angesichts der verschiedenen Lerntyp*innen in einer Seminargruppe ist dies natürlich wenig überraschend.
Was gut funktioniert hat
Methode 1: „Ärger und Lücken“ Diese wurde als besonders niedrigschwellig beschrieben. „Man kommt gut rein, da es wirklich einiges gibt, das mir dann direkt in den Kopf kam.“ Viele Studierende berichteten, dass sie bei diesem Ansatz schnell bei Themen aus ihrem eigenen Studienalltag landeten und direkt „ins Doing“ kamen.
Methode 2: W-Fragen-Technik Methode 2 hatte ebenfalls Befürworter*innen, während andere die vorgegebenen Fragen als zu einengend empfanden. Darüber hinaus wurde die Einstiegsformulierung „grobes Interessengebiet“ von einigen als zu vage empfunden. Dies ist nachvollziehbar, da ein unklares Interessengebiet genau das Problem ist, das die Methode eigentlich lösen soll.
Methode 3: „Bekanntes und Fremdes kombinieren“ Diesen Ansatz konnten viele Studierende aufgrund der knappen Zeit nicht adäquat ausprobieren. Dennoch wurde er im Plenum vereinzelt als „spannend“ beschrieben, da die freie Kombination aus persönlichem Interesse, Fachbegriff und aktuellen Entwicklungen beim kurzen Ausprobieren bereits ungewohnte Denkwege anzustoßen scheint. Damit könnten genau jene Querverbindungen angeregt werden, aus denen auch originelle Themen entstehen.
Positiv hervorgehoben wurde zudem der Abschluss des Arbeitsblattes: Dass am Ende eine vorläufige Forschungsfrage stehen soll, gab der Übung eine klare Richtung.
Was wir beim nächsten Mal anpassen würden
Für Methode 2 würden wir die Einstiegsformulierung anpassen und deutlicher machen, dass die vorgegebenen Fragen als Anregung gedacht sind. Eigene Fragen, die besser zum jeweiligen Interessengebiet passen, sind ausdrücklich erwünscht. Ergänzend wäre ein konkretes Durchlaufbeispiel hilfreich, das den Einstieg erleichtert. Die Einstiegsformulierung im hier bereitgestellten Arbeitsblatt ist bereits entsprechend angepasst.
Für Methode 3 (oder die komplette Einheit) würden wir mehr Zeit einplanen, damit der Ansatz wirklich ausprobiert werden kann. Das Feedback deutete an, dass hier noch einiges an Potenzial liegt und der Zeitrahmen insgesamt etwas großzügiger sein könnte. Da der Seminarplan bereits eng getaktet ist, wäre eine Option, die Übung künftig in den Do-Sessions weiterzuführen. In diesen können Studierende frei an ihren Themen arbeiten. Alternativ könnte der theoretische Input zugunsten solcher praktischen Übungen mit direktem Plenumsaustausch reduziert werden.
Fazit
Unsere Eindrücke aus dieser Einheit und dem Feedback vergangener Semester: Studierende tun sich selten aufgrund mangelnder Kreativität mit der Themenfindung schwer. Eher scheint es, dass es hilft, konkrete Werkzeuge und Ansätze nicht nur zu kennen, sondern sie auch aktiv einmal auszuprobieren und so aus vagen Interessen greifbare Themen zu entwickeln. Ideenfindung ist damit weniger eine Frage von Kreativität als von geeigneten Methoden.
Grundsätzlich wurde die Übung positiv aufgenommen. Mehrere Studierende äußerten, dass sie sich so besser ausgestattet fühlen, wenn es darum geht, aus einem Interesse eine Frage oder zumindest eine Themenidee für eine wissenschaftliche Arbeit zu entwickeln.
Wir sind gespannt, welche Erfahrungen andere mit ähnlichen Ansätzen gemacht haben: Welche Methoden oder Übungen nutzt ihr, um Studierende beim Finden eines Themas zu unterstützen? Und was hat euch selbst geholfen, als Studierende oder Lehrende? Teilt gerne eure Erfahrungen in den Kommentaren, per Mail oder auch über Mastodon (@flohnsen@openbiblio.social).
Was wäre, wenn ein Buch zum Thema Kreativität uns etwas über OER und wissenschaftliches Arbeiten beibringen könnte? Alle paar Jahre greife ich immer mal wieder zu „Steal Like an Artist“. Ein Buch, das man nicht einmal liest, sondern immer wieder.
Mal, um einfach den Kopf frei zu bekommen. Mal, um mich wieder daran zu erinnern, dass man Dinge auch anders denken kann. Und vielleicht auch sollte. In der Schule und im Studium. In der Lehre und in der Forschung. Oder in forschungsnahen Services. Selbst in Bereichen, die auf den ersten Blick nicht unbedingt als „kreativ“ gelten. Denn Kreativität zeigt sich, denke ich, nicht nur im künstlerischen Tun.
Sie zeigt sich auch darin, wie wir zum Beispiel Probleme formulieren, wie wir Lehre gestalten, wie wir Forschung oder Forschungsunterstützung strukturieren, wie wir das Studium organisieren oder wie wir bestehende Materialien neu denken.
Beim erneuten Lesen wurde mir klar: Kleons zehn kreative Prinzipien lassen sich erstaunlich gut auf wissenschaftliches Arbeiten und Open Educational Resources (OER) übertragen (ehrlich gesagt schwirrte mir diese Idee schon eine Weile im Kopf rum, als ich mir vornahm, das Buch mal wieder in die Hand zu nehmen).
Nachfolgend schaue ich mir die zehn Prinzipien an und versuche diese auf wissenschaftliches Arbeiten und OER zu übertragen.
Kleon meint damit nicht: kopieren. Er meint: Ideen aufnehmen, verstehen, verändern und neu zusammensetzen. Neue Ideen entstehen selten im luftleeren Raum. Kreativität ist nach ihm keine Schöpfung aus dem Nichts, sondern eher eine Art Remix: Jede neue Idee ist eine Weiterentwicklung, Kombination oder Neuinterpretation bestehender Gedanken (Kleon, 2012, S. 9). Und vielleicht liegt genau darin etwas sehr Entlastendes: Was wir „Originalität“ nennen, ist oft weniger ein radikaler Neuanfang als ein neuer Blick auf Bekanntes.
In der wissenschaftlichen Praxis passiert genau das ständig. Eine Literaturübersicht ist im Grunde nichts anderes als ein strukturierter Umgang mit vorhandenen Ideen. Forschende greifen bestehende Theorien auf, prüfen sie, kombinieren sie oder wenden sie auf neue Kontexte an.
Auch OER leben davon. Materialien werden übersetzt, gekürzt, kombiniert oder an andere Zielgruppen angepasst. Das Ziel ist nicht Originalität um jeden Preis, sondern Weiterentwicklung.
2. Don’t wait until you know who you are to start making things
„We learn by copying. We’re talking about practice […], not plagiarism“ (Kleon, 2012, S. 33). Kleon sagt: Warte nicht darauf, „bereit“ zu sein.
In der wissenschaftlichen Praxis wäre man sonst nie fertig. Forschung beginnt oft mit Ideen, offenen Fragen oder unfertigen Gedanken. Entwürfe, Diskussionen oder frühe Präsentationen sind kein Zeichen von Unausgereiftheit, sondern Teil des Prozesses.
Auch OER entstehen in der Regel nicht als perfekte Lehr-Lernmaterialien. Viele Materialien werden zunächst in einer einfachen Version veröffentlicht und später weiterentwickelt oder mit anderen Ideen kombiniert und erweitert: Durch Feedback, eigene Erkenntnisse, neue Anforderungen und Perspektiven.
3. Write the book you want to read
„What did they miss? What didn’t they make? What could’ve been made better?“ (Kleon, 2012, S. 48). Kleon fordert dazu auf, das zu schaffen, was man selbst vermisst.
Im wissenschaftlichen Arbeiten beginnt Forschung oft genau so: Man merkt, dass eine Frage unbeantwortet ist, dass bestehende Ansätze nicht ausreichen oder dass es ein Problem gibt, das sich beispielsweise technisch lösen lässt.
Im Bereich OER zeigt sich das ähnlich: Viele offene Materialien entstehen, weil Lehrende kein passendes Lehrmaterial für eigene Lehrangebote finden. Also entwickeln sie es selbst. Aber auch fehlende finanzielle Mittel können ein Ausgangspunkt sein. Gerade dann, wenn vorhandene Materialien zu teuer, zu unflexibel oder schlicht nicht offen genug sind, entsteht der Wunsch oder die Notwendigkeit, selbst etwas zu schaffen. Bei OER zeigt sich diese kreative Freiheit zum Beispiel konkret darin, dass Lehrende Materialien an ihre Kurse anpassen, eigene Übungen oder Erklärvideos entwickeln oder verschiedene Ressourcen zu neuen Lernpfaden kombinieren. Manchmal zeigt sich das auch im Nachhinein: Studierende, die in einem Seminar ein Material kennengelernt haben, kommen einige Semester später wieder, weil sie es beispielsweise in eigene Veranstaltungen einbinden möchten.
4. Use your hands
Kleon betont: Kreativität braucht mehr als Bildschirmarbeit. Computer sind gut darin, Ideen zu verfeinern und zu veröffentlichen. Aber weniger gut darin, sie zu erzeugen (Kleon, 2012, S. 58).
Auch das Denken rund ums wissenschaftliche Arbeiten ist, je nach Disziplin, selten linear. Skizzen, Cluster, Mindmaps oder Modellzeichnungen helfen, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Manchmal hilft es mehr, Kärtchen auf einem Tisch hin- und herzuschieben als Stunden vor einem Dokument zu sitzen. Ein Prinzip, das auch hinter dem Zettelkasten (Methode zum nicht-linearen Denken und Verknüpfen von Ideen) steckt. Und wer vereinfacht, denkt oftmals klarer. Für konkrete Methoden rund um das wissenschaftliche Arbeiten lohnt sich ein Blick in diesen Beitrag. Für einen persönlichen Einblick in Zettelkasten-Workflows lohnt sich ein Blick in die Beiträge Wie soll ich mir das bloß alles merken? und Geschichte und Gegenwart meiner Notizen der „Notizschreibwochen2020“-Beitragsreihe.
In OER bedeutet das: Lernen ist nicht nur digital. Offene Materialien können auch Arbeitsblätter, Workshopformate oder physische Methoden enthalten. Kreativität zeigt sich hier nicht nur im aufwendigen H5P oder Erklärvideo. Manchmal entsteht das eine auch aus dem anderen: aus der Kartenübung wird ein Workshopformat, aus dem Handout ein digitales Lernmaterial.
5. Side projects and hobbies are important
Nebenprojekte und Hobbies ermöglichen Freiräume. Oder wie Kleon es nennt: „productive procrastination“ (Kleon, 2012, S. 65).
In der Wissenschaft entstehen neue Ideen auch außerhalb von Hauptprojekten. Dort, wo kein Drittmittelantrag wartet, keine Erwartungen und kein Abgabedatum. Genau deshalb entstehen in Nebenprojekten manchmal interessante Fragen, oder zumindest die ehrlichsten. Pilotstudien, explorative Ansätze oder disziplinübergreifende Gespräche sind oft der eigentliche Ursprung von etwas Neuem. Manchmal ist es auch einfacher als das: Studierende, die im Seminar ein Thema frei wählen dürfen, entdecken dabei nicht selten ein Interesse, das sie später in eine Abschlussarbeit tragen.
In der OER-Praxis sieht man das deutlich: Viele Materialien haben einen unscheinbaren Ursprung. Ein Workshop oder Austausch, der eigentlich nur intern gedacht war. Ein Erklärvideo oder -text, die spontan entstanden sind. Ein H5P, das man für sich selbst gebaut hat und dann geteilt hat.
Ein Beispiel aus unserer eigenen Praxis: In einem Seminar zum wissenschaftlichen Arbeiten war eigentlich ein fixer Input-Part zu Peer Review und Peer Feedback geplant. Stattdessen entstand spontan ein kleines Übungsblatt. Und daraus direkt ein Blogbeitrag, der das Thema praktischer und zugänglicher macht als jeder geplante Input es vielleicht hätte sein können.
Unterschiedliche Camp-Formate wie Barcamps und OERcamps funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip: kein festes Programm, keine Hierarchie. Stattdessen Menschen, die etwas ausprobieren wollen und andere finden, die dasselbe suchen oder vermissen. Aus solchen Begegnungen entstehen Ideen, Projekte, Kollaborationen und Materialien, die vorher niemand genau so geplant hatte. Nebenprojekte haben keine Angst vor dem Scheitern. Der Druck fehlt und das ist etwas, das sie besonders produktiv machen kann.
6. Do good work and share it
Kleon betont: Gute Arbeit allein reicht nicht. Sie muss sichtbar werden (Kleon, 2012, S. 79).
In der Wissenschaft gilt dies seit jeher. Vielleicht nicht immer aus den „ursprünglichen“ Gründen. Forschung entfaltet erst durch Veröffentlichung Wirkung. Gleichzeitig hat sich eine Kultur entwickelt, die unter dem Begriff „Publish or Perish“ bekannt ist: Wer nicht veröffentlicht, verliert. Karrieren hängen an Publikationslisten, Impactfaktoren und Zitierhäufigkeiten. Teilen wird so vom Wunsch nach Wirkung, Zusammenarbeit und Austausch zur Pflicht, vom Prinzip zur Metrik. Open Access versucht, den ursprünglichen Gedanken zurückzuholen: Wissen entsteht in Gemeinschaft, wird durch Austausch größer und sollte allen zugutekommen. Und zwar nicht nur denen, die sich teure Journals leisten können. Doch auch Open Access hat seine Herausforderungen: Wer unter Druck steht zu veröffentlichen, wird anfälliger für sogenannte Predatory Journals, die den offenen Gedanken für kommerzielle Interessen missbrauchen. Mehr dazu in diesem Beitrag aus der Open Access Week 2025.
Rund um OER gilt dasselbe, noch direkter: Ein Material wird erst dann zu einer offenen Bildungsressource, wenn es zugänglich gemacht wird. Mit einer offenen Lizenz, an einem Ort, den andere finden können. Ein tolles Arbeitsblatt auf dem eigenen Laufwerk ist kein OER. Teilen ist kein Bonus, sondern der eigentliche Schritt. Sharing is caring, wie es in OER-Kreisen oft heißt. Auch wenn dazu manchmal diese Ungewissheit gehört, dass man etwas nun so frei gibt, dass man nicht mehr kontrollieren kann, was andere damit machen. Und teilen heißt nicht „perfekt sein“. Es heißt: sichtbar werden und damit anderen die Möglichkeit geben, weiterzumachen oder ein Thema aus anderen Perspektiven zu betrachten. So zumindest habe ich es für mich definiert und seitdem fällt es mir oft leichter, Dinge nicht dauerhaft in der Schublade verschwinden zu lassen.
7. Geography is no longer our master
Ideen sind nicht mehr ortsgebunden (Kleon, 2012, S. 87-97).
Forschung ist immer stärker international vernetzt. Das verändert die alltägliche Praxis. So spielt beispielsweise in unseren Literaturverwaltungsworkshops wie „No Stress, No Mess“ kollaboratives Arbeiten eine immer größere Rolle: Gruppen teilen Bibliotheken über Institutionen und Ländergrenzen hinweg, kommentieren gemeinsam, bauen aufeinander auf. Preprints, Open-Access-Publikationen und Repositorien machen Forschungsergebnisse weltweit zugänglich, oft lange bevor sie in einem Journal erscheinen.
OER gehen vom Prinzip her noch einen Schritt weiter: Materialien können nicht nur geteilt, sondern auch angepasst werden. Letzteres ist ein fester Bestandteil des OER-Gedankens, der diese auch von vielen anderen offenen Materialien unterscheidet. Eine Ressource, die in Deutschland entwickelt wurde, kann in anderen Teilen der Welt weitergenutzt, übersetzt oder für einen anderen Kontext umgeschrieben werden. Dass das kein theoretisches Szenario ist, zeigte sich in der TUB ganz konkret: Eine Kollegin, die bei uns hospitiert hat, fragte an, ob sie unsere Tutorials als Übersetzung in ihrem Land weiternutzen dürfe. Genau das macht Offenheit so wirkungsvoll. Sie kann nicht nur geografische, sondern auch institutionelle und sprachliche Grenzen überwinden.
Zusammenarbeit basiert auf Vertrauen. Und Vertrauen entsteht nicht durch Regeln, sondern durch Haltung.
In der Wissenschaft zeigt sich das im Umgang mit Feedback, Kritik und Anerkennung. Peer Review funktioniert zum Beispiel nur dann, wenn alle Beteiligten fair und konstruktiv agieren. Zitieren ist nicht nur eine formale Pflicht, sondern eine Form von Respekt: die Anerkennung, dass Ideen immer auf anderen aufbauen. Gleichzeitig gibt es Schattenseiten: Konkurrenzdruck, fehlende Kooperation oder Gatekeeping, das Wissen zurückhält statt es zu teilen.
In OER-Kontexten ist „Be nice“ strukturell verankert: durch Lizenzbedingungen, die Attribution vorschreiben. Aber die eigentliche Idee geht weiter: Wer Materialien offen teilt, gibt etwas her, ohne zu wissen, was daraus wird. Das erfordert Großzügigkeit und ein gewisses Vertrauen in die Community. Und wer fremde OER nutzt, trägt Verantwortung. Nicht nur rechtlich, sondern auch im Sinne einer Kultur des gegenseitigen Respekts.
„Be nice“ klingt simpel. Aber es ist vielleicht mit das schwierigste Prinzip, weil es nicht regeln, sondern überzeugen muss. Eine CC-Lizenz kann beispielsweise vorschreiben, dass du den Namen nennst. Sie schreibt aber nicht vor, dass du jemandem für seine Arbeit dankst, sein Material weiterempfiehlst oder Feedback gibst. Das ist der Teil, der nicht erzwungen werden kann, und der trotzdem den Unterschied machen kann zwischen bloßer Nutzung und echter Wertschätzung.
9. Be boring
„Be boring“ klingt wie das langweiligste Prinzip. Aber Kleon meint damit etwas Wichtiges: Auch Kreativität braucht stabile Strukturen als Fundament. Verlässliche Routinen sind die Grundlage für kreative Arbeit und Ideen (Kleon, 2012, S. 116-130). Wer seine Energie nicht für Chaos, fehlende Strukturen oder vergessene Entscheidungen verschwendet, hat mehr Kapazität für das, was eigentlich zählt.
Übertragen auf wissenschaftliches Arbeiten zeigt sich dies unter anderem in sauberer Methodik, nachvollziehbarer Dokumentation und konsequentem Datenmanagement. Es klingt vielleicht unspektakulär. Aber Forschung, die nicht reproduzierbar ist, ist keine. Die sogenannte Reproduzierbarkeits- bzw. Replikationskrise, fehlende Rohdaten und intransparente Analyseschritte zeigen: Viele Herausforderungen in der Wissenschaft sind keine inhaltlichen Probleme, sondern strukturelle. Es fehlen Routinen.
Im OER-Feld ist es ähnlich: Lizenzen, Metadaten und Versionierung wirken bürokratisch. Aber ein Material ohne klare Lizenz kann nicht weitergenutzt werden. Denn niemand weiß, was mit dem Material nun eigentlich gemacht werden darf und was nicht. Und auch die Wahl der Lizenz macht einen Unterschied: Komplexere, restriktivere oder auch unklare Lizenzen können die Verbreitung und Nutzung unbeabsichtigt einschränken, manchmal sogar Szenarien verhindern, die Autor*innen gar nicht ausschließen wollten (Universitätsbibliothek TUHH 2025).
Ein Material ohne Metadaten wird vielleicht auch nicht gefunden. Die „langweilige“ Arbeit ist das, was Offenheit überhaupt erst funktionsfähig macht. Routine ist nicht das Gegenteil von Kreativität. Sie ist ihre Voraussetzung.
10. Creativity is subtraction
Das letzte Prinzip ist vielleicht das schwierigste, weil es gegen einen Instinkt geht. Kleon meint: Kreativität entsteht nicht durch Hinzufügen, sondern durch Weglassen. Erst Grenzen und Beschränkungen machen aus einer vagen Idee etwas Konkretes. Ein leeres Blatt ist keine Freiheit, es ist Lähmung. Ein leeres Blatt mit drei Regeln ist ein Anfang.
Beim wissenschaftlichen Arbeiten zeigt sich das in klarer Argumentation und fokussierter Fragestellung. Eine Forschungsfrage, die alles beantworten will, beantwortet nichts. Ein Paper, das jeden Gedanken abdecken möchte, verliert den inhaltlichen Hauptkern. Gute wissenschaftliche Arbeit ist auch Redaktionsarbeit: das Weglassen von dem, was zwar interessant ist, aber nicht hierher gehört. Und manchmal hilft es, sich selbst Grenzen zu setzen, um überhaupt erst in den Schreibfluss zu kommen. Zum Beispiel durch kreative Schreibtechniken wie Freewriting. Wer unter Schreibblockaden leidet, findet in diesem Beitrag zur „Most Dangerous Writing App“ und in diesem Fundstück „Mit Musik aus der Schreibblockade – typedrummer“ einige Ansätze.
Bei OER bedeutet dies: Weniger ist oft mehr. Ein kompakter Text oder ein Erklärvideo, das eine Sache wirklich klar macht, ist wertvoller als ein vollständiges, aber überladenes Lehrpaket. Materialien, die zu viel wollen, überfordern. Und oft werden diese schlicht nicht genutzt. Subtraction ist keine Schwäche, sondern eine „Designentscheidung“. Und vielleicht gilt das auch für diesen Blogbeitrag: Nicht jeder Gedanke muss rein. Manchmal ist der stärkste Satz der, den man gestrichen hat.
Fazit
Kleon hat „Steal Like an Artist“ natürlich nicht für OER-Praktizierende oder Wissenschaftler*innen geschrieben. Und trotzdem, oder vielleicht genau deshalb, ist es so spannend, viele der Prinzipien in ähnlicher Form in diesen Bereichen wieder zu finden bzw. zu übertragen.
Manchmal braucht es einen Blick von außen, um zu sehen, was man selbst schon die ganze Zeit tut. Dass Forschen kreativ ist. Dass Teilen eine Haltung ist. Dass Routine und Kreativität keine Gegensätze sind.
Vielleicht liegt der eigentliche Wert des Buches nicht (nur) in den zehn Prinzipien selbst, sondern darin, dass es einen dazu bringt, die eigene Arbeit wieder mit neugierigen Augen zu betrachten.
Genau deshalb greife ich alle paar Jahre wieder danach. Wer ein kurzes, schnell lesbares Buch sucht, das beim Lesen zum Nachdenken anregt und sich auf ganz unterschiedliche Themen übertragen lässt, dem sei es auf jeden Fall empfohlen.
Das Buch steckt voller Sätze, die man sich am liebsten an die (Büro-)Wand hängen würde. Nicht einmal annähernd alle haben es in diesen Beitrag geschafft. Und das ist vielleicht auch ganz im Sinne von Prinzip 10: „Creativity is subtraction“.
„Steal Like an Artist“ steckt voller Sätze und Prinzipien, die man sich am liebsten an die Wand hängen möchte
Welche Prinzipien sprechen euch am meisten an? Oder habt ihr eigene Beispiele, wo Kreativität im wissenschaftlichen Arbeiten oder in OER eine Rolle gespielt hat? Teilt eure Gedanken doch gerne in den Kommentaren.
Literatur
Kleon, A. (2012). Steal like an artist: 10 things nobody told you about being creative. Workman Publishing Company.