Der Begriff Perspektive im Wörterbuch

Alles digital – Studierende übers Onlinesemester 2020 an der TUHH (Teil 1)

Mit zwei Wochen Verspätung sind Studierende der Technischen Universität Hamburg (TUHH) ins Sommersemester 2020 gestartet. Statt Vorlesungen in Hörsälen reihte sich eine Videokonferenz an die nächste. Im Beitrag Vier Wochen Onlinelehre – ein kurzer Einblick ins Seminar Wissenschaftliches Arbeiten haben wir aus Perspektive der Lehrenden bereits über die Umstellung unseres Seminars gesprochen. Der Beitrag Wissenschaftliches Arbeiten im Onlinesemester 2020 – Welche Inhalte, Faustregeln oder Ideen sind für Studierende wichtig? widmete sich weiteren Eindrücken zum Semesterende.

Doch viel interessanter ist doch eigentlich die Perspektive der Studierenden. Das Corona-Virus brachte mit einem Mal die Pläne für das anstehende Semester durcheinander. Viele fragten sich: Kann ich meine Prüfungen noch ablegen? Wie komme ich an Medien, die nur vor Ort in der Bibliothek eingesehen werden können? Was passiert mit meinen Lerngruppen?

In diesem ersten Beitrag schildern vier Studierende des – von der tub. durchgeführten – Bachelorseminars „Wissenschaftliches Arbeiten“ ihre Erfahrungen mit dem Onlinestudium 2020 zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Semester. Vielen Dank fürs Teilen!

Justin Busch gibt in seinem Beitrag unter anderem Einblicke in die anfängliche Euphorie, die das digitale Semester hervorrufte, bevor sich Schattenseiten wie die fehlende soziale Komponente zeigten, die das Hochschulleben in Präsenzzeiten auszeichnen:

Meine Erfahrungen mit dem Online-Semester an der TUHH

von Justin Busch

Seit dem 20.04.2020 läuft mein sechstes und hoffentlich auch letztes Semester meines Bachelorstudienganges Maschinenbau. Jedoch ist dieses gefühlt auch irgendwie wie ein „neues“ erstes Semester. Denn die Universität hat beschlossen, aufgrund der aktuellen Situation rund um COVID-19 dieses Semester rein digital ablaufen zu lassen. Etwas was für alle beteiligten Personen etwas ganz Neues ist. Einer meiner ersten Gedanken war: „Das ist ja super! Nicht mehr jeden Tag zwei Stunden Bahn fahren und Universität in der Unterhose haben können!“. Und mit diesem Gedanken begann ich mein letztes/neues erstes Semester am 20.04. Die ersten paar Tage waren sehr angenehm. Vorlesung um 9:00 Uhr, bedeutet für mich aufstehen um 8:45 Uhr, schnell was anziehen und ran an meinen Computer. Selbst die Vorlesungen empfand ich angenehmer als in der Universität, man kann nebenbei Musik hören oder wenn es sehr langweilig wurde ein Video gucken, ohne dass es auffällt.

Nach knapp einer Woche merkte ich jedoch, dass nicht alles was glänzt auch Gold ist. Ja, ich spare mir Fahrzeit, aber das war auch das einzig wirklich Positive. Ich empfand die Vorlesungen weniger produktiv, geschuldet durch die zahlreichen Möglichkeiten der Ablenkung. Viele Übungsgruppen, die früher Standard waren, fanden nicht statt. Das reine Online-Lernen benötigt eine Selbstdisziplin die für mich sehr neu und ungewohnt war. Vor allem stellte ich fest, dass „Uni in Unterhose“ etwas war, was die Produktivität noch weiter hemmte. Denn zeitig aufstehen und sich vernünftig fertig machen, wie als wenn ich echt zur Uni fahren würde, half mir sehr, frischer und produktiver in der Vorlesung oder in Meetings zu sein. Was mir jedoch am meisten fehlte und was auch keine Zoom-Konferenz ersetzen kann, ist das Miteinander mit meinen Freunden und Kommilitonen. Sei es zusammen in der Vorlesung sitzen, in der Übung zusammen Aufgaben und Probleme lösen oder zusammen in der Mensa Mittag essen und Gespräche über alles Mögliche führen. Diese soziale Komponente, die durch den Treffpunkt Universität entsteht, fehlt nun völlig. Das genau ist der Grund, warum ich seit dem Ende der ersten Woche kein Fan des reinen Online-Semester bin.

Mitte/ Ende der zweiten Woche stellte sich dann auch eine gewisse Müdigkeit und Genervtheit in Bezug auf Zoom-Meetings und Vorlesungen ein. Ich empfand es nun eher anstrengend meinen Professoren, jede Woche wieder aufs Neue nur per Zoom zuhören zu können. Auch Besprechungen für Projekte in Zoom und generell Online-Meetings fühlten sich eher lästig an.

Was lässt sich jetzt zum Abschluss über die ersten zwei Wochen Online-Universität sagen? Die Zeitersparnis durch das Wegfallen der Fahrt zur und von der Uni sehe ich als sehr positiv. Aber bis auf den Punkt wäre eine reine Online-Universität nichts für mich, da mir das zusammen studieren mit meinen Freunden und Kommilitonen ein wichtiger Aspekt ist. Dieser fehlt, wenn alles nur Online ist, jedoch komplett.

Adrian Pustelnik berichtet von den Herausforderungen, die die Ungewissheit des weiteren Studienverlaufes ausübte und die Selbstorganisation der Studierenden in digitalen Lerngruppen:

Eindrücke und Erfahrungen des digitalen Lernens an der TUHH

von Adrian Pustelnik

In der jetzigen Situation ist es schwer den Alltag, wie wir ihn kennen, beizubehalten. Dies betrifft neben unseren üblichen Freizeitaktivitäten, vor allem auch den Alltag in der Universität. Dieses Semester wäre mein letztes Semester im Bachelor gewesen. Da ich bereits im achten Semester studiere, war ich froh, dass endlich ein Ende in Sicht ist. Allerdings wurde meine Freude schnell getrübt, nachdem ich erfahren habe, dass die ersten Klausuren vom letzten Wintersemester abgesagt wurden. Für mich war das zunächst ein großer Schock. Abgesehen von der umfangreichen Vorbereitung auf meine Prüfungen, musste nun auch meine Bachelorarbeit warten. Es war in den ersten Wochen nicht leicht, an ein Thema für die Arbeit heranzukommen. Meine bisherigen potenziellen Betreuer der Arbeit meldeten sich nicht. Unternehmen, die in einigen Arbeiten kooperierten, waren auch nicht anzusprechen. Es war für mich, als würde der sonst hektische Alltag für einen Moment stehen bleiben. Ich habe mich zu Beginn der Corona-Pandemie viel geärgert.

Ich musste nach einiger Zeit einsehen, dass nicht alles schlecht war. Zumindest hatte ich so zunächst mehr Zeit für die Dinge, die ich aufgrund von Zeitmangel, nicht hätte machen können. Dennoch hat mich die Ungewissheit innerlich in den Wahnsinn getrieben. Werde ich meinen Bachelor dieses Jahr noch machen können? Wie wird es mit dem Studium überhaupt weitergehen? Es war wahrscheinlich für uns alle eine neue Erfahrung, unsere Arbeit weitestgehend digital auszuüben. In dem Kurs „Wissenschaftliches Arbeiten“ war es für mich zum Beispiel das erste Mal, dass ich an einem Seminar online in einem Chat teilgenommen habe. Anfangs war ich noch sehr skeptisch und fragte mich wie das funktionieren soll. Jedoch erwies sich der Chat in Kombination mit den auf StudIP bereitgestellten Material als sehr nützlich. Ich bin ein Mensch, der gelegentlich was vergisst und während eines Seminares mit dem Schreiben nicht immer hinterherkommt. Dadurch, dass das Material immer abrufbar ist, konnte ich die Chats nachlesen, wenn ich es benötige.

Das Arbeiten war eine größere Herausforderung als sonst. Gewöhnlicherweise arbeite ich, um meine Motivation zu steigern, in Lerngruppen. Da ich jedoch in dem Seminar niemanden kannte, arbeitete ich allein. Das Kennenlernen neuer Kommilitonen war über den Chat nicht so einfach, beziehungsweise meine Hemmschwelle die Kommilitonen direkt anzuschreiben zu hoch. Vielleicht wäre im Nachhinein eine Veranstaltung zum aktiven Kennenlernen hier von Vorteil. In anderen Lerngruppen funktionierte das digitale Treffen recht gut, vorausgesetzt man verfügte über eine stabile Internetverbdingung. Über die Plattform Discord konnte ich über einen Videochat mit meinen Kommilitonen sprechen. Auch das Teilen des Computerbildschirmes zum Klären der Fragen funktionierte prima. Wir machten unsere Aufzeichnungen schriftlich auf einem Notizprogramm. So konnte jeder sehen, wie man auf dem geteilten Bildschirm Notizen macht. Diese konnten praktischerweise direkt als PDF exportiert und später nochmal angesehen werden.

Das digitale Arbeiten macht uns wesentlich flexibler und ermöglicht so zum Beispiel relativ spontane Treffen. Umso wichtiger ist es meiner Meinung nach, weiterhin selbst Struktur in seinen Alltag zu bringen und sich seine Zeit so einzuteilen, dass man einerseits produktiv arbeiten und andererseits am Ende des Tages abschalten kann, um sich von dem Arbeitstag zu erholen. Ich hatte zum Beispiel häufig den Druck dauerhaft verfügbar zu sein. Ich hoffe, dass wir nicht allzu lange unter diesen Umständen so leben müssen. Dennoch bin ich der Ansicht, dass uns mehr Digitalisierung in Arbeit und Lehre nicht schaden würde.

Anil Ölmez gibt Einblicke in die das Gefühl, sich „umsonst“ auf – um ein ganzes Semester verschobene – Klausurphasen vorbereitet zu haben. Er beschreibt organisatorische Herausforderungen zum Semesterstart und eigene Motivationsprobleme:

Vier Wochen Online-Lehre und Online-Lernen

von Anil Ölmez

Mit dem Entschluss des Hamburger Senats, die Präsenzlehre in den Hochschulen bis auf Weiteres zu unterbinden und so den Semesterbeginn nach hinten zu versetzen, um die Ausbreitung des Corona-Virus entgegenzuwirken, wurden sowohl die Hochschulmitarbeiter und Dozenten als auch die Studenten mit einer neuen Herausforderung konfrontiert. In diesem Beitrag möchte ich meine Erfahrungen aus ungefähr vier Wochen mitteilen und meine Sichtweise auf diese Situation schildern.

Mitte März: Immer noch in der Klausurphase bereitete ich mich mit Kommilitonen auf die letzte anstehende Klausur vor. Das Lernen in der Gruppe entweder direkt an der TUHH oder meistens in der Staatsbibliothek gehörte für uns zur alltäglichen Routine. Doch mit der Zunahme an Infizierten in Hamburg sowie in ganz Deutschland brach unsererseits die Ungewissheit auf, ob die Klausurphase bis Ende März überhaupt durchgeführt wird. Wenige Tage später wurden die Vermutungen zur Realität: Alle Klausuren der letzten zwei Wochen wurden abgesagt – „umsonst gelernt“. Obwohl ich den Entschluss der Regierung nachvollzogen habe, hat mich diese Nachricht im ersten Moment doch geärgert, da die Klausuren natürlich in die nächste Prüfungsphase fallen würden. Andererseits war diese Zeit für viele die erste wirklich lange Freizeit im Studium, was zur Abwechslung auch gut getan hat, allerdings später doch schnell langweilig wurde. Außerdem konnte ich mich durch den späten Semesterstart auf das neue Semester besser vorbereiten – auf Kosten der verkürzten Klausurphase.

Zu Beginn des Sommersemesters 2020 war die Lage zunächst chaotisch: Jede Menge E-Mails, StudIP-Ankündigungen und eine Vielzahl an IDs und Passwörtern für verschiedenste Online-Veranstaltungen, die nach intensiver Organisation gebändigt werden konnten. Die gesamte erste Woche war für mich fast eine reine Organisationswoche statt einer Vorlesungswoche. Viele Veranstaltungen dienten nur zum Testen der digitalen Lehrstruktur, als kurzer Einstieg in das Vorlesungsthema oder fielen komplett aus, da die Dozenten ein wenig mehr Zeit für ihre eigene Organisation und Planung der Lehre benötigten. So verbrachte ich die meiste Zeit vor allem auf StudIP, um mich in Veranstaltungen einzutragen und Ankündigungen durchzulesen. Nebenbei wurden Notizen zu anstehenden Terminen gemacht und Zugangsdaten für Online-Lehrveranstaltungen in einer Liste gebündelt, um die Übersicht nicht zu verlieren. Äußerst problematisch war der Zugang zu StudIP in der ersten Woche. Dadurch, dass der Andrang extrem hoch war und mehrere hunderte Studenten und Mitarbeiter auf die Internetplattform parallel zugriffen, war die Seite sehr schnell überlastet, was sich aber ab der darauffolgenden Woche deutlich gebessert hat. Ehrlicherweise war meine Vorstellung des Semesterstarts nicht anders, jedoch hat sich die gesamte Lage schneller als gedacht beruhigt, und Struktur sowie Organisation waren wieder Bestandteil des Alltags.

Was jedoch höchstwahrscheinlich bis Ende des Semesters nicht Bestandteil des Alltags sein wird, ist der persönliche Kontakt zu Dozenten, Kommilitonen und Tutoren. Natürlich ist eine Konferenz mit Audio und Video eine Option, aber keinesfalls ein adäquater Ersatz für eine Interaktion von Angesicht zu Angesicht. Dennoch werden viele Wege für das Austauschen und Fragenklären genutzt. Beispielsweise über die Foren der StudIP-Veranstaltungen, über den Chat im jeweiligen Konferenz-Programm oder über explizite Online-Fragerunden.

In solchen Zeiten führt, wie man bisher gemerkt hat, kein Weg an der digitalen Kommunikation vorbei. Das Online-Lehrmaterial muss dementsprechend so breit wie möglich angeboten werden, um den Studenten einen ansatzweisen Ersatz zu ermöglichen. Mehr Vorlesungen und Hörsaalübungen als in Normalfall werden als Aufzeichnungen von den Dozenten im Internet abgespeichert, wodurch ein wiederholtes Anschauen und Nachvollziehen des Stoffes für die Studenten gewährleistet wird. Auch vorab des Online-Semesters erachtete ich die Aufzeichungen als besonders effektiv. Mitschriften aus der Vorlesung können so durch Pausieren oder durch Zurückspulen besser und einfacher übernommen werden, wobei auch die Wiedergabegeschwindigkeit oder das Vorspulen ausgenutzt werden können, falls schon bereits bekannter Vorlesungsstoff thematisiert wird. Außerdem sind die Aufzeichungen unerlässlich, falls man eine Überschneidung zwischen zwei zeitlich parallel stattfindenden Veranstaltungen hat und keine Informationen verpassen will, was in diesem Fall auch auf mich in diesem Semester zutrifft. In dieser Situation wurde mir auch nochmal klar, wie gut es ist, dass die Bibliothek eine große Auswahl an digitalen Büchern und Artikeln besitzt und ein VPN zum Intranet der Universität existiert, um so auf noch mehr Bücher zuzugreifen, Software herunterzuladen und bei Perinorm nach Normen zu suchen. Ein meiner Meinung nach großes Problem bestand und besteht dennoch bis heute – meine Motivation.

Eine fehlende eineinhalbstündige Fahrt zur Universität, ein gemütliches Zuhause und kaum körperliche Aktivität, da ich sowieso fast den gesamten Tag am Computer verbringe, sorgen dafür, dass meine Motivation und Produktivität ein Tief erreichen. Obwohl ich durch das Online-Semester viel Zeit durch Pendeln und Warten einspare, sank meine effektive Lernzeit, was eigentlich ziemlich paradox klingt. Das Fehlen eines strikten Zeitplans und einer Routine sind die Hauptgründe dafür. Um die Motivation hochzuhalten und einen halbwegs ordentlichen Zeitplan zu haben, habe ich mit Kommilitonen verschiedenste Termine in der Woche eingeplant, um zusammen zusätzlich Aufgaben zu wiederholen oder für Klausuren zu lernen. So habe ich immer etwas zu tun und das Lernen zusammen ist immer angenehmer und weniger langweilig für mich, was meine Motivation deutlich steigert. Dennoch ist einiges an Verbesserung möglich.

Das Online-Semester hat wie bei allen Dingen im Leben seine Vor- und Nachteile. Man spart die Zeit zur Uni und ist deutlich flexibler, was Terminplanung betrifft. Allerdings ist der „Uni-Alltag“ weniger persönlich und die fehlende Motivation kann für den einen oder anderen zum Problem werden, was sich aber leicht eindämmen lässt. Zusammenfassend ist das Semester für mich sowie für alle anderen Betroffenen eine ganz neue Erfahrung. Meiner Meinung nach ist vieles richtig umgesetzt worden, wobei natürlich immer noch Optimierungsbedarf besteht – auch meinerseits.

Lukas Joritz gibt in „Online-Lehre“ Einblicke in seinen Studienalltag und reflektiert, ob Vorlesungen in den heimischen vier Wänden in der Praxis wirklich so sind, wie Studierende sich diese oftmals vorstellen:

Online-Lehre

von Lukas Joritz

Ausschlafen, Zeit sparen, produktives Arbeiten in gewohnter, entspannter Umgebung. Von Vorlesungen auf dem heimischen Balkon oder vielleicht sogar im eigenen Garten hat doch jeder Student schon einmal geträumt. Aber ist der Alltag „Online-Lehre“ in der Praxis wirklich so toll, wie man ihn sich vorstellt?

Nach dem ersten Blick auf dem Stundenplan hat sich das mit dem richtig Ausschlafen schon einmal erledigt. Montags sowie dienstags gleich um 8:00 Uhr Vorlesung. Also doch um 7:30 Uhr aufstehen, damit man nicht vollkommen verschlafen vor dem Bildschirm hängt. Aber zum Vergleich, immer noch deutlich besser, als um 6:00 Uhr aufzustehen, damit man den Zug bekommt. Wobei man dann am Bahnhof noch ungewollt in den Kampf um den letzten freien Sitzplatz im völlig überfüllten Zug gerissen wird und jetzt so langsam bereut, nicht doch eine Stunde früher schlafen gegangen zu sein.

Zeitersparnis, alleine dadurch, dass man nicht jeden Tag zur Uni fahren muss, ist also ein großer Faktor. Gerade für Studenten wie mich, die weiter weg wohnen. Ein weiterer Vorteil, auch aus dieser Kategorie, ist mir bei der Zusammenstellung meines Semesterplans aufgefallen. In vorherigen Semestern war es immer ärgerlich große Pausen zwischen Veranstaltungen zu haben. Eine Vorlesung morgens und die nächste erst wieder am Nachmittag. Kommilitonen, die im Umfeld des Campus wohnen, fahren in dieser Situation nach Hause. Glück gehabt, wenn der Freundeskreis auch von weiter weg kommt und sich die Zeit schnell überbrücken lässt. Zwingend produktiver nutzt man die Pause dadurch aber nicht. Da ist es jetzt deutlich effektiver. Dinge, die man sonst noch nach der Uni Zuhause hätte erledigen müssen, macht man nun in den freien Slots.

Nun aber zum wahrscheinlich wichtigsten Teil des Vergleichs, der eigentlichen Lehre. Dazu möchte ich gleich mal folgendes Szenario beschreiben. Hörsaalübung Baustatik oder besser gesagt, 90 min abschreiben bis die Hand krampft, wer absetzt hat verloren. Ich glaube jeder Student hat oder hatte schon diese Veranstaltung, wo einfach viel zu viel Stoff in deutlich zu wenig Zeit durchgenommen werden muss. Ein bisschen, wie das Garagenparadoxon, nur dass es nicht aufgeht. Zum Nachdenken, Fragenstellen oder Atmen bleibt da keine Zeit. Und die Wahl, den Inhalt lieber zu verstehen und nicht auf Krampf versuchen alles mitzuschreiben, hat man nicht wirklich, weil aufgezeichnet wird nichts und der Anschrieb im Nachhinein auch nicht hochgeladen. Verstehen muss man den Inhalt dann später mithilfe seiner Notizen. Dieses Szenario gibt es jetzt quasi nicht mehr. Einige Veranstaltungen werden als Video hochgeladen und die, die live sind, werden häufig parallel aufgezeichnet oder der Anschrieb im Nachhinein veröffentlicht. Ist ja auch kein großer Mehraufwand, Inhalte sind ohnehin schon in digitaler Fassung. Habe ich Zusammenhänge in einer Vorlesung nicht direkt verstanden, spule ich einfach kurz zurück oder versuche mir die aufgetretene Frage gleich mithilfe anderer Quellen zu beantworten, bevor ich weiterschaue. Das kostet aber auch Zeit und eine Vorlesung kann dann gerne mal doppelt so lange, wenn nicht länger dauern, aber am Ende habe ich den Inhalt auch wirklich verstanden und muss nicht noch Nacharbeiten. Damit ist das eh immer so eine Sache, man macht sich im Hörsaal eine Notiz an einer Stelle im Skript, die man später Zuhause noch aufarbeiten möchte, letztendlich ist das am Ende des Tages aber leicht wieder vergessen. Demnach ist es zurzeit keine Seltenheit, dass ich erst abends den Computer ausmache, wo ich bei gleichem Vorlesungspensum vorher schon längst wieder Zuhause gewesen wäre, mit dem Kopf bei allem anderen außer der Uni.

Natürlich gibt es neben den für mich vielen Vorteilen auch gewisse Nachteile. Der Kontakt zu befreundeten Kommilitonen trotz Skype und anderen Plattformen ist nicht zu vergleichen mit dem persönlichen Treffen. Zudem denke ich, dass es gerade als Lehrende/ Lehrender am Anfang doch sehr ungewohnt ist, gegen einen Bildschirm zu sprechen, mit nur sehr begrenztem Kontakt, gerade weil in großen Veranstaltungen die Studierenden Ihre Kamera aus haben und somit etwaige nonverbale Kommunikation gänzlich entfällt. Mit laufender Zeit und etwas Routine bin ich aber positiv gestimmt, dass die virtuelle Kommunikation zwischen Lehrenden und Studenten immer besser und natürlicher werden kann. Das Veranstaltungen aktiver und innovativer gestaltet werden können und somit eine Lehre in vielen Bereichen auf gleichwertigem, wenn nicht sogar höherem Niveau stattfinden können. Alles in allem bin ich ein großer Freund der Online-Lehre und hoffe, dass wir einige Ansätze aus dieser unwirklichen Zeit in der Zukunft in die uns vertraute Lehre übernehmen werden.

Interesse an weiteren Eindrücken zum Online-Semester? In der kommenden Woche folgen die nächsten Beiträge unserer Studierenden auf tub.torials. Fragen und Anmerkungen sind wie immer herzlich willkommen 🙂

 

CC BY 4.0
Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: Alles digital – Studierende übers Onlinesemester 2020 an der TUHH (Teil 1)“ von Justin Busch, Adrian Pustelnik, Adrian Pustelnik, Lukas Joritz und Florian Hagen, Lizenz: CC BY 4.0. Beitragsbild „Perspektive“ von Florian Hagen (CC BY 4.0). Der Beitrag steht im Markdownformat zum Download zur Verfügung.

Wie komme ich an Ideen für meine Abschlussarbeit? Vier Ansätze zur Unterstützung bei der Ideenfindung

Langsam neigt sich das Studium dem Ende entgegen. Der Abschluss rückt in greifbare Nähe. Letzte Hürde Abschlussarbeit. Doch – wie vielleicht schon von Hausarbeiten gewohnt – macht sich Druck bemerkbar. Denn schon vor Beginn der eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit lauert die erste Herausforderung: Wir brauchen eine Idee. Aus ihr entwickelt sich in vielen kleinen Schritten die gesamte Arbeit. Einfacher gesagt als getan. Nicht selten löst schon der Gedanke an die Ideen- und Themenfindung unwohlsein aus. Wo fange ich an? Wie gehe ich vor? Es gibt unterschiedlichste Wege, um zu einem Thema zu kommen. Im Rahmen von Seminaren gibt es nicht selten einige grobe Themenvorschläge zur Anregung. Und auch ein Blick auf die Institutsseiten von Hochschulen oder in Profile der Dozierenden kann inspirieren. Sollte all das nicht helfen, kann spontanes Brainstorming, bei dem wir ungeordnet Ideen aufschreiben, zum Ziel führen.

Wenn es jedoch möglichst früh schon etwas mehr Struktur bei der Ideenfindung sein darf, dann gibt es auch hier einige Ansätze, mit denen sich anstehende Schreibprojekte stressfreier beginnen lassen. In diesem Beitrag stellen wir mit dem wissenschaftlichen Ideenjournal, Cluster, Strukturbaum sowie Fragen als Auslöser der Ideenfindung vier Ansätze vor, die auch Bestandteil unseres im Jahr 2019 neu konzeptionierten Bachelorseminars Wissenschaftliches Arbeiten sind.

Ideenfindung mit Struktur

Auch Ideenfindung kann mit Struktur unterstützt werden.

1. Wissenschaftliches Ideenjournal

Eine Möglichkeit langfristig strukturiert vorzugehen, ist das wissenschaftliche Ideenjournal (nicht zu verwechseln mit wissenschaftlichen Journals, in denen Fachbeiträge veröffentlicht werden). Im Idealfall fangen wir bereits früh im Studium mit der Führung des Journals an. Die Form ist dabei nicht fest vorgegeben:

Ideenjournal

Beispiele wissenschaftlicher Ideenjournals.

Merkheft, App, Mappe oder Ringordner – digital oder analog: wir entscheiden uns für die Notizumgebung, die uns ganz individuell am angenehmesten ist und notieren Hinweise, Fragen, Eindrücke, Aussagen aus Vorlesungen, Seminaren, Gesprächen und dem Studierendenalltag. Dies können beispielsweise sein:

  • Fragen aus der Forschung;
  • Hinweise auf Quellen und Literatur (Artikel, Videos, Statistiken, Autoren, Fachexperten);
  • eigene Funde in analogen und digitalen Medien (Zeitungen, Zeitschriften, Webseiten, etc.);
  • Aussagen, Zitate, Zahlen, Themen, Emotionen, die bei uns zu Interesse oder Beschäftigung mit einem wissenschaftlichen Inhalt geführt haben;
  • Hinweise auf Konferenzen und andere Veranstaltungen;

Zusammengefasst kann alles, was die wissenschaftliche Neugier auf irgendeine Art und Weise berührt, notiert werden. Auf diese Notizen kann je nach Zeit, Neugier oder Geistesblitz („Da war doch mal was?) zurückgegriffen werden. Nicht selten ist es ein unerwarteter Impuls in Bus, Bahn oder Urlaub, der uns die Chance gibt, eine bestimmte Idee weiterzuverfolgen und eine Verbindung zwischen von uns notierten älteren Gedanken und neuen Ideen ermöglicht. Frühere Ideen geraten so nicht in Vergessenheit und können auch später noch in Ergebnisse münden.

Darüber hinaus ist ein großer Vorteil für Schreibende, dass eigene Stärken, Schwächen und Vorlieben bewusst ausgemacht werden können. So wird beispielsweise das Wahrnehmen eigener Forschungsinteressen gezielt unterstützt. Langfristig ist so eine bessere Orientierung im Studium und darüber hinaus möglich (so kann ein Thema oder zumindest Forschungsfeld für wissenschaftliche Haus- und Abschlussarbeiten ohne großen Mehraufwand oder Zeitdruck ausgewählt werden).

2. Cluster

Das Clustern (englisch: Traube, Büschel) eignet sich auch für die kurzfristige Entwicklung von Ideen. Dabei werden aus zentralen Impulsen assoziativ weitere Ideen entwickelt. Um den zentralen Begriff bilden sich Ideennetze. Dabei besteht in der Regel keine logische, sondern eine intuitive Ordnung.

Vorgehen:

  • Eine Aussage, ein Wort, ein Wert, etc. wird ins Zentrum des Clusters gesetzt;
  • Alles was einem zu diesem Begriff spontan einfällt, wird ohne langes nachdenken oder Selbstzensur notiert und mit dem zentralen (übergeordneten) Begriff verbunden;
  • Jedes Wort beziehungsweise jede Idee wird dabei selbst zu einem neuen Kern innerhalb des Clusters;
  • Sobald eine Ideenkette erschöpft ist, wird vom Zentrum ausgehend die Entfaltung einer neuen Ideenkette gestartet;
  • Sobald die Ideenfindung ins stocken gerät, kann das Clusterverfahren abgeschlossen werden;
  • Ausgehend vom Cluster wird ein kurzer Clustertext formuliert (Fließtext auf Basis des Aspektes, der uns am meisten interessiert, am ungewöhnlichsten oder anregendsten erscheint). Diese abgeleitete Schreibidee kann zum Beispiel auf einer Ideenkette oder neu entdeckten Querverbindungen zwischen Begrifflichkeiten basieren.
Ideencluster

Beispiel-Cluster zum Thema „Lesen“.

Ähnlich wie ein Cluster können Mindmaps aufgebaut sein. Diese sortieren in der Regel aber bereits Inhalte, um das eigentliche Thema direkt strukturierter anzugehen. Während es beim Clustern also um die schnelle Entwicklung von Ideenketten geht, bremst man beim Erstellen einer Mindmap das Tempo, um Struktur und Übersicht vorab zu planen. Das Clustern kann durch das Weglassen zu kritischer Betrachtung somit ein guter Einstieg in den Ideenfindungs- und Schreibprozess sein.

Mehr zum Thema Cluster:
RICO, Gabriele L., 2004. Garantiert Schreiben Lernen: Sprachliche Kreativität
methodisch entwickeln. Ein Intensivkurs auf der Grundlage der modernen Gehirn-
forschung. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag. ISBN: 978-3-499-61685-3

3. Strukturbaum

Der Strukturbaum erinnert zunächst an das Clusterverfahren, ist aber eher vergleichbar mit dem Mindmapping. Auch hier bilden wir einen zentralen Begriff. Zusätzlich werden weitere Subkategorien angesetzt. Somit werden durch mehr Struktur verschiedene Facetten eines Zentralthemas betrachtet. Erst im Rahmen dieser Unterkategorien folgen wir den Assoziationsketten. Es lassen sich aber auch weitere Kategorien bilden, so das einer möglicherweise zu einseitigen Denkrichtung vorgebeugt wird. Die visuelle Darstellung soll das bewusste Verlassen einseitiger Denkansätze unterstützen. Hilfreich ist dieser Ansatz vor allem, wenn unter anderem das Clusterverfahren überwiegend einseitige Ideen ergibt.

Strukturbaum

Beispiel eines Strukturbaumes.

Es kommt bei dieser Sammlung an Begrifflichkeiten nicht auf eine klare Kategorientrennung an. In erster Linie steht das Ausschliessen einer vorschnellen Einengung des eigenen Blicks im Vordergrund.

Mehr zum Thema Strukturbaum:
Roth, Richard: Arbeits- und Präsentationstechniken 3 : SS 2014. – Stand: 2014
https://www.thm.de/wi/images/user/roth-65/Downloads/APT_3_SS_2014.pdf.
– Abruf: 2020-08-26

4. Fragen als Auslöser der Ideenfindung

Pro- und Contra-Listen sind fester Bestandteil unseres Alltags. Neuer Job, ja oder nein? Fange ich eine längere Weiterbildung an? Welcher Studiengang ist der richtige für mich und ist der Umzug wirklich eine gute Idee? Wohl kaum eine andere Methode wird so häufig für alltägliche Entscheidungen genutzt und so ist auch ein Einsatz für die Themenfindung einer wissenschaftlichen Arbeit denkbar, wenn bereits eine grobe Idee vorhanden ist:

Pro Contra Bemerkungen
– umfassende Literatur vorhanden – Aktualität der Forschung – Trendthema oder langfristig von Bedeutung?
– Fachexperten für das Thema bereits identifiziert – Verfügbarkeit für Interviews unklar – Machbarkeit hinsichtlich Datenauswertung/ Abgabefrist?
– Partner für praktische Umsetzung vorhanden – Gefahr externer Abhängigkeit – Kontaktperson bzgl. Verfügbarkeit im Bearbeitungszeitraum kontaktieren

Auch eine individuelle Abwägung des Themas kann über einen Fragenkatalog erfolgen. So können wir für uns abwägen, was wirklich für und/ oder gegen ein Thema spricht (gerade wenn das Thema noch abgegrenzt werden muss oder Potential für eine inhaltliche Schwerpunktverschiebung vorhanden ist):

  • Was interessiert mich am Thema bzw. was spricht dafür?
  • Was ist mir unklar bzw. was verwirrt mich?

Diesen Ansatz können wir am Beispiel „Marketing für öffentliche Einrichtungen“ durchspielen:

Was fasziniert mich Was ist mir unklar? Bemerkungen
– Marketing fasziniert mich im Alltag – Abgrenzung nötig, da zahlreiche Marketingformen existieren – Schreiben aktuell Kommilitonen an dem Thema, kann dies bei Abgrenzung berücksichtigt werden
– Marketing kann unterschiedlich aufgefasst werden – Gibt es in der Praxis aktuelle Beispiele Exaktere Abgrenzung, dann Best-Practice-Recherche
– Durch Informationsüberfluss und digitalen Wandel immer wieder neue Forschung nötig – Wo genau bekomme ich aktuelle Informationen? – Je nach Form, also vorher weiter abgrenzen oder erst generellen Überblick durch umfassende Einarbeitung?

Und wie geht es weiter?

Wenn wir eine Idee beziehungsweise ein konkretes Thema haben, so lohnt sich das Nachdenken über eine erste Übersicht zum anstehenden Schreibprojekt. In dieser können wir unter anderem die Grundidee, Ziele und angedachte Arbeitsschritte festhalten, um unsere Planung zu erleichtern. Einen Einstieg dazu bieten die Beiträge Kurz erklärt – was ist eigentlich ein Exposé? und Aller Anfang ist schwer – eine kleine Starthilfe für das Verfassen eines Exposés.

Was macht ihr, wenn sich der Geistesblitz bei der Ideenfindung einfach nicht einstellt? Setzt ihr bekannte Methoden ein? Oder sind es vielleicht Gespräche mit Freunden, Bekannten, Kolleg:Innen oder Kommilitonen, die Kreativität und Einfallsreichtum bei euch wieder ankurbeln? Teilt es uns gerne in den Kommentaren mit.

 

CC BY 4.0
Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: Wie komme ich an Ideen für meine Abschlussarbeit? Vier Ansätze zur Unterstützung bei der Ideenfindung“ von Florian Hagen, Lizenz: CC BY 4.0. Der Beitrag kann als Markdowndatei, docx oder PDF runtergeladen werden.
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