OER Puzzle

OER: Was steckt dahinter und was es dir wirklich bringt

Eine ganz alltägliche Situation

Du bereitest dich auf ein Referat vor. Du findest online eine wirklich gute Erklärfolie zu deinem Thema: übersichtlich und gut strukturiert. Also genau das, was du gesucht hast. Du lädst sie herunter, baust sie in deine Präsentation ein und zeigst sie in einer Lehrveranstaltung.

War das okay?

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Es kommt darauf an, unter welcher Lizenz die Folie veröffentlicht wurde. Und bis man das einmal gesagt bekommt, haben viele von uns das noch nie bewusst überprüft.

Dies ist einer der Ausgangspunkte von Open Educational Resources, kurz OER.

Was sind OER und was unterscheidet sie von anderen Materialien?

OER sind Bildungsmaterialien, die bewusst zur freien Nutzung freigegeben wurden. Das können zum Beispiel Folien, Texte, Videos, Aufgaben, Podcasts oder ganze Kurse sein. Also alles, was zum Lernen und Lehren genutzt wird.

Der entscheidende Unterschied zu einem „normalen“ Suchmaschinentreffer ist die Lizenz. Viele Inhalte im Internet sind urheberrechtlich geschützt, auch wenn sie frei zugänglich erscheinen. OER hingegen stehen unter offenen Lizenzen, meist Creative-Commons-Lizenzen (CC). Diese regeln klar, was erlaubt ist.

Ein Beispiel:

Eine Folie mit dem Vermerk „CC BY 4.0“ darf heruntergeladen, verändert, in eigene Materialien eingebaut und weiterverbreitet werden, solange die Urheber*innen genannt und die Lizenz angegeben wird. Ein Dokument ohne Lizenzangabe darf das im Zweifel nicht, auch wenn es frei im Netz steht.

OER sind also nicht einfach „kostenlose Materialien“. Es sind Materialien mit einer ausdrücklich erteilten Nutzungserlaubnis. Die UNESCO definiert OER entsprechend so:

[L]earning, teaching and research materials […] that permit no-cost access, re-use, re-purpose, adaptation and redistribution by others.

(UNESCO, Recommendation on OER, 2019)

Vereinfacht gesagt bedeutet das: OER sind Materialien, die frei genutzt und angepasst werden dürfen, solange die Lizenzbedingungen eingehalten werden.

Aber was bringt mir das konkret?

Für Studierende

  • Du kannst OER legal herunterladen, ausdrucken, verändern und weitergeben.
  • Du findest auf Plattformen wie HOOU, twillo oder OERSI frei zugängliche Lehr-Lern-Materialien aus Hochschulen.
  • Du kannst Materialien anpassen, um sie besser zu verstehen oder für Prüfungen aufzubereiten.

Gerade der letzte Punkt ist zentral: Wenn du zum Beispiel ein Skript schwer verständlich findest, darfst du es bei OER umformulieren, ergänzen und die verbesserte Version weitergeben. Dies ist bei OER ausdrücklich erwünscht.

Für (zukünftige) Tutor*innen

Wer später Tutorien begleitet, Mentoring anbietet oder selbst Lehrmaterialien erstellt, merkt schnell: Eigene Materialien sind automatisch urheberrechtlich geschützt, solange keine Lizenz angegeben wird. Doch was möchte ich anderen eigentlich erlauben?

Mit einer offenen Lizenz kannst du bewusst festlegen, dass andere deine Materialien nutzen, verändern und weiterentwickeln dürfen. Zum Beispiel Erklärvideos, Skripte, Handouts oder Aufgabensammlungen. Das unterstützt nachhaltige Lehrpraxis und gemeinsames Arbeiten an Wissen.

Hinweis:
Einen praktischen Einstieg ins Erstellen und Lizenzieren eigener Materialien bietet der freie Online-Kurs OERientation der HOOU.

Für Forschende

Offenheit ist in der Wissenschaft kein neues Konzept: Open Access, Open Data und Open Source werden unter dem Begriff Open Science zusammengefasst. OER ist das Pendant dazu im Lehr- und Lernkontext.

Wissen entfaltet Wirkung, wenn es geteilt wird. Mehr dazu auch im Beitrag Was bedeutet eigentlich Open Science?

Ein konkretes Beispiel: Die Foliensätze im Seminar „Wissenschaftliches Arbeiten“

Die Materialien in unserem Seminar „Wissenschaftliches Arbeiten“ an der TUHH sind selbst OER. Sie stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz.

Das bedeutet konkret:

  • Du darfst die Folien herunterladen und behalten.
  • Du darfst sie in anderen Kontexten verwenden, z. B. als Tutor*in.
  • Du darfst sie verändern und weiterentwickeln.
  • Du darfst deine Versionen dieses Materials weitergeben.

Diese Offenheit ist bewusst gewählt: Lehr-Lern-Materialien, die mit öffentlichen Mitteln entstehen, sollen unserer Ansicht nach weiter genutzt und verbessert werden können.

Fünf Rechte: Das 5R-Framework

Das 5R-Framework (nach David Wiley) beschreibt die grundlegenden Freiheiten offener Materialien:

  • Retain: behalten
  • Reuse: wiederverwenden
  • Revise: bearbeiten
  • Remix: neu zusammenstellen
  • Redistribute: weitergeben

Von der einfachen Nutzung bis zur Weiterverbreitung eigener Anpassungen:

Je mehr dieser Rechte erlaubt sind, desto offener ist ein Material.

Der erste Schritt: Creative-Commons-Lizenzen verstehen und erkennen

Creative-Commons-Lizenzen bestehen aus vier Bausteinen:

  • BY: Namensnennung
  • SA: Weitergabe unter gleichen Bedingungen
  • NC: Nur nicht-kommerzielle Nutzung
  • ND: Keine Bearbeitung erlaubt

Ein Material mit „CC BY“ erlaubt alle fünf 5R-Rechte unter der Bedingung der Namensnennung. „CC BY-NC-ND“ hingegen ist deutlich eingeschränkter und darf zum Beispiel nicht verändert oder kommerziell genutzt werden.

Ohne Lizenzangabe gilt automatisch: alle Rechte vorbehalten.

Weitere Informationen zu den CC-Lizenzen und den jeweiligen Modulen haben wir auch auf einer Creative-Commons-Informationsseite der Universitätsbibliothek TUHH zusammengefasst.

Teste dein Wissen direkt in den folgenden Quiz-Aufgaben.

Fragen zu Aufbau und Bedeutung von Creative-Commons-Lizenzen

Wenn du online ein Bild, eine Folie oder ein Skript findest, entscheidet die Lizenz darüber, was du damit machen darfst. Im folgenden Quiz kannst du testen, wie gut du die Creative-Commons-Kürzel bereits kennst.

Freie Lizenzen und Urheberrecht

Freie Lizenzen schaffen die rechtliche Grundlage dafür, dass Materialien genutzt, verändert und weitergegeben werden können. Im folgenden Quiz überprüfst du dein Wissen zu freien Lizenzen und zentralen Begriffen verschiedener Offenheitsbewegungen.

Weitere Informationen zu diesen H5P-Elementen haben wir im Beitrag „Lizenzen spielerisch verstehen: H5P-Elemente zur Auseinandersetzung mit Creative Commons“ aufgeschrieben.

Für Lehrende: Warum dieser Input im Seminar?

Das Thema OER ist kein Zusatzmodul, sondern Teil des Konzepts des Seminars „Wissenschaftliches Arbeiten“. Es ist aus dem HOOU-Projekt „Wissenschaftliches Arbeiten öffnen“ hervorgegangen und von Beginn an auf Offenheit ausgelegt.

Studierende sollen die Chance haben früh zu lernen:

  • wie Lizenzfragen den Umgang mit Wissen beeinflussen
  • wie sie selbst Materialien verantwortungsvoll nutzen und teilen
  • welche Rolle Offenheit in Studium, Lehre und Forschung spielt

Wer selbst in einem Seminar lernt, das OER konsequent einsetzt, erlebt das Prinzip unmittelbar. Nicht als bloße Theorie, sondern als gelebte Praxis.

Arbeitsblatt für die eigene Lehre:
Wer das Thema in eigenen Lehrveranstaltungen aufgreifen möchte, kann das folgende Arbeitsblatt direkt einsetzen oder anpassen. Es enthält Reflexionsaufgaben, eine Einführung in das 5R-Framework sowie Aufgaben zu Creative-Commons-Lizenzen und steht als OER zur Verfügung.

So setzen wir das Thema im Seminar um

Die folgende OER-Impulseinheit ist fest in das Seminar „Wissenschaftliches Arbeiten“ integriert und wird semesterweise durchgeführt. Sie verbindet einen kurzen fachlichen Input mit einer aktiven Auseinandersetzung in Einzel- und Gruppenarbeit.

Rahmen der Einheit

  • Format: OER-Impulseinheit im Seminar „Wissenschaftliches Arbeiten“ (disziplinübergreifend)
  • Zielgruppe: Bachelor-Studierende aller Fachrichtungen an der TU Hamburg
  • Einbettung: Fester Bestandteil des Seminars. OER-Prinzipien werden dabei nicht nur thematisiert, sondern im Material selbst angewendet
  • Turnus: Semesterweise, in jedem Durchgang des Seminars
  • Materialien: Arbeitsblätter und Folien stehen als OER unter CC BY 4.0 zur Verfügung und können weiterverwendet, angepasst und geteilt werden

Ziel der Einheit

Ziel der Einheit ist es, ein grundlegendes Verständnis für offene Bildungsressourcen (OER) und Creative-Commons-Lizenzen aufzubauen und deren Bedeutung für Studium, Lehre und Forschung reflektierbar zu machen.

Die Studierenden sollen:

  • ein grundlegendes Verständnis offener Lizenzen entwickeln
  • CC-Lizenzkürzel lesen und einordnen können
  • das 5R-Framework als Struktur für Offenheit kennenlernen
  • ihre Rolle als Nutzende und zukünftige Ersteller*innen von Lehr-Lernmaterialien reflektieren

Ablauf der Sitzung

1. Impuls (ca. 5-10 Min.): Irritation
Eine Folie ohne Lizenzangabe wird gezeigt:

„Darf ich diese Seminarfolien eigentlich weiterschicken?“

Die Studierenden reagieren spontan und sammeln erste Einschätzungen und Vermutungen.

2. Kurzinput (ca. 5 Min.): Klärung
Gemeinsame Einordnung:

  • Was sind OER?
  • Was bewirken offene Lizenzen?
  • Einführung der CC-Kürzel

3. Arbeitsphase (ca. 25 Min.): Anwendung in Gruppen
Arbeit in Kleingruppen mit einem Arbeitsblatt zu:

  • 5R-Framework
  • CC-Lizenzbausteine
  • kurze Reflexionsfragen

4. Plenum (ca. 5-10 Min.): Diskussion
Gemeinsame Auswertung:

  • Was war überraschend?
  • Wo begegnen uns solche Fragen im Studium?
  • Welche Konsequenzen hat das für eigenes Arbeiten und Teilen?

Zum Schluss

OER sind kein Nischenthema für Lizenzexpert*innen. Sie betreffen alle, die lernen, lehren oder forschen.

Der erste Schritt ist einfach: beim nächsten Material kurz auf die Lizenz schauen. Der zweite Schritt vielleicht schon: eigene Materialien mit offener Lizenz teilen.

Weiterführende Links


CC BY 4.0
Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: OER: Was steckt dahinter und was es dir wirklich bringt von Florian Hagen, Lizenz: CC BY 4.0. Der Beitrag und dazugehörige Materialien stehen auch in nachnutzbaren Formaten sowie als PDF zum Download zur Verfügung.

Was ist OpenAlex – und wie kann man es für die Recherche nutzen?

In diesem Beitrag erhältst du eine kompakte Einführung in OpenAlex: Was steckt hinter der Datenbank, welche Inhalte bietet sie und wie kannst du sie sinnvoll für deine Recherche nutzen? Der Beitrag ist in folgende Abschnitte unterteilt:

1. Was ist OpenAlex?

OpenAlex ist eine frei zugängliche bibliografische Datenbank für wissenschaftliche Literatur und Informationen. Der Name ist eine Anspielung auf die bekannte antike Bibliothek von Alexandria, die als ein Symbol für Wissen und Zugang zu Informationen gilt. OpenAlex enthält Metadaten zu wissenschaftlichen Publikationen, Zeitschriften, Autor*innen und Institutionen. Der Dienst wird seit dem 03. Januar 2022 offen zugänglich von der Non-Profit-Organisation OurResearch angeboten. Letztere ist unter anderem auch durch das Browser-Plugin Unpaywall bekannt. Unpaywall zeigt mithilfe eines grünen Schlosses an, ob ein wissenschaftlicher Artikel hinter einer Paywall in einer frei verfügbaren Open-Access-Version angeboten wird (siehe auch Open-Access-Recherche-Webseite der TUB).

Für viele Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind hohe Lizenzkosten kommerzieller Datenbanken wie Scopus und Web of Science (siehe auch Blogbeitrag Mehr aus Web of Science rausholen) eine wiederkehrende Herausforderung, wie unter anderem auch eine Umfrage zu diesem Thema an der TUHH zeigt. OpenAlex bietet hier eine kostenfreie, transparente Alternative – ganz im Sinne von Open Science und Open Data.

2. Welche Inhalte bietet OpenAlex?

Eine Vielzahl an Informationen in OpenAlex stammt aus dem Microsoft Academic Graph (MAG), einer umfassenden, strukturierten Datenbank zu wissenschaftlichen Publikationen, Autor*innen, Institutionen und deren Verbindungen. MAG wurde Ende des Jahres 2021 eingestellt. Die darin enthaltenen Daten wurden erfreulicherweise offen zugänglich gemacht. Die Einstellung von MAG verdeutlicht, dass wissenschaftliche Infrastruktur und Inhalte nicht ausschließlich von kommerziellen Anbietern abhängig sein sollten, denn deren Dienste können jederzeit eingestellt oder verändert werden. Mit MAG konnten Forschungsergebnisse durchsucht, analysiert und visualisiert werden – OpenAlex führt diesen Gedanken offen und frei zugänglich weiter.

Zu den weiteren zentralen Datenquellen von OpenAlex gehört Crossref – eine Organisation, die für wissenschaftliche Publikationen sogenannte DOIs (Digital Object Identifiers) vergibt. Diese sorgen für eine eindeutige, dauerhafte Zitierbarkeit und Auffindbarkeit von Veröffentlichungen im Internet.

OpenAlex greift darüber hinaus auf weitere Quellen zurück, die auch von der TUB unterstützt oder empfohlen werden:

Darüber hinaus bezieht OpenAlex Informationen aus verschiedenen Repositorien, was die inhaltliche Tiefe und Vielfalt der enthaltenen wissenschaftlichen Informationen weiter erhöht. Eine vollständige Übersicht aller Datenquellen findet sich in der offiziellen OpenAlex-Dokumentation.

3. So funktioniert die OpenAlex-Weboberfläche

OpenAlex sammelt vertrauenswürdige Daten aus verschiedenen Quellen und macht diese über unterschiedliche Zugangswege zugänglich. Nachfolgend werfen wir einen Blick auf das Web-Interface, welches seit September 2022 zur Verfügung steht und kontinuierlich weiterentwickelt wird. Nach Aufruf von https://openalex.org erscheint zunächst eine einfache Suchmaske.

3.1 Erste Schritte: Recherche in OpenAlex

Als Beispiel geben wir „renewable energy“ in das Suchfeld ein. Schon beim Tippen erscheinen konkrete Titelvorschläge sowie die Option, „in work title & abstract“ zu suchen. Wir wählen diese, um eine thematische Suche zu starten, die Publikationen einschließt, deren Titel, Abstract oder (falls verfügbar) Volltext den Begriff enthalten.

Die Trefferliste erscheint auf der linken Seite des Fensters und ist standardmäßig nach Relevanz sortiert. Dieser sogenannte „Relevance Score“ basiert unter anderem auf Textähnlichkeit und Zitierungen (siehe OpenAlex-Dokumentation im Abschnitt „Relevance Score“). Die Sortierung lässt sich mit einem Klick auf „sort by“ aber auch auf Optionen wie „citation count“, „citation percentile“, „title“ oder „year“ abändern, was man in ähnlicher Form von anderen Datenbanken kennt.

Auf der rechten Seite der Trefferliste finden wir interaktive Filter zur Verfeinerung der Suche, etwa nach Publikationstyp, Jahr oder Open Access. Über das „+“-Symbol im rechten Teil des Fensters lassen sich weitere Filter wie „language“, „corresponding authors“, „continent“ oder auch „from Global South“ hinzufügen. Hier wird unter anderem auch ein weiterer Unterschied von OpenAlex zu anderen Datenbanken, die sich oftmals auf den englischen Sprachraum fokussieren, deutlich.

Für unseren Suchbegriff „renewable energy“ fügen wir an dieser Stelle exemplarisch die Filter „author“ (Klick auf „+“ > „author“) und „Continent“ (Klick auf „+“ > „More“ > „Continent“) hinzu. Es fällt auf: „Frede Blaabjerg“ erscheint als besonders produktiver Autor. Wir möchten uns diese Person nun im Rahmen unserer Recherche etwas genauer über einen Klick auf den Personennamen anschauen. In der Autor*innenansicht sehen wir, dass sich die angezeigten Zahlen und Filter dynamisch anpassen. Zu sehen sind unter anderem:

  • 345 Treffer,
  • 47 % der Publikationen in Open Access publiziert.

Wählen wir nun zusätzlich den Open-Access-Filter durch einen Klick aus, reduziert sich die Trefferliste auf 162.

Jetzt wählen wir die am häufigsten zitierte Publikation aus: „Overview of Control and Grid Synchronization for Distributed Power Generation Systems“. Sie erscheint ganz oben, wenn über die Sortierung („sort by“) die Option „citation count“ gewählt wurde. Die Detailansicht zeigt Metadaten und verschiedene Zugangsmöglichkeiten zum Dokument an. So können wir zum Beispiel die HTML-Version des Artikels öffnen (Klick auf „HTML“) oder direkt das PDF des Dokuments (Klick auf „PDF“) aufrufen.

Mit einem Klick auf den Autorennamen öffnet sich eine Übersichtsseite zur Person mit aggregierten Informationen und erneut verfügbaren Filtern. Mit diesen lassen sich Publikationsprofile individuell untersuchen.

3.2 Institutional Search

Neben der thematischen Recherche bietet OpenAlex auch die Möglichkeit zur institutionellen Suche. Dazu starten wir erneut über die Suchleiste auf der Startseite von OpenAlex, diesmal mit dem Ziel, die Technische Universität Hamburg (TUHH) zu finden. Sobald wir „Hamburg University of Technology“ eintippen, erscheinen bereits mehr oder weniger passende Vorschläge. Wir wählen die gewünschte Institution aus.

Anschließend sehen wir unter anderem, dass aktuell 17.740 Publikationen mit der TUHH verknüpft sind. In der rechten Spalte ist sichtbar, das es sich bei den meisten Treffern um Artikel handelt (13.510), gefolgt von Buchkapiteln (2.992) und Preprints (429).

Nun verfeinern wir die Suche: Wir fügen den Filter „authors“ hinzu und wählen das Vorjahr (2024) in der Filterkategorie „year“ aus. So erhalten wir einen Überblick über die TUHH-Publikationen des vergangenen Jahres. Hier sehen wir: Forschende aus Bereichen wie „Medical Technology and Intelligent Systems“, „Geo-Hydroinformatics“, „High-Frequency Technology“, „Climate Protecting Energy- and Environmental Engineering“ and „Technical Education and Higher Education Didactics“ hatten ein produktives Jahr 2024. Zudem wurden über 61 % der Publikationen Open Access veröffentlicht.

Anstelle eines einzelnen Jahres lassen sich auch Zeiträume wie „2020-2025“ filtern. Dafür klicken wir bei den Suchfeldern am oberen Bildschirmrand, die auch für Verfeinerung oder Erweiterung von aktiven Rechercheanfragen genutzt werden können, auf das blau hinterlegte „+“, wählen den Filter „year“ und geben den gewünschten Zeitraum ein. Diese Funktion ist hilfreich, um Publikationstrends über mehrere Jahre hinweg zu analysieren.

4. Datenzugriff über API und komplette Datensnapshots

Wer tiefer einsteigen oder größere Datenmengen analysieren möchte, kann bei OpenAlex auch direkt auf die Rohdaten zugreifen. Über die API und frei verfügbare Datensnapshots stehen sämtliche Inhalte auch für eigene Auswertungen und Anwendungen bereit.

  • API
    Die OpenAlex-API ermöglicht bis zu 100.000 Anfragen pro Tag und unterstützt komplexere Filter und Suchmöglichkeiten. Sie eignet sich damit besonders für wiederkehrende Recherchen oder größere Datenauswertungen. Das Vorgehen mit Beispielen findet sich in der offiziellen Dokumentation.
  • Snapshots
    Für umfangreiche Auswertungen bietet OpenAlex auch sogenannte OpenAlex-Snapshots an – vollständige Kopien der gesamten Datenbank, die monatlich aktualisiert und offen bereitgestellt werden. Wie für die API steht auch hierzu eine umfassende Dokumentation zur Verfügung.

5. Eindrücke zu OpenAlex

OpenAlex ist eine kostenlose und offene Alternative zu kommerziellen Datenbanken wie Elseviers Scopus und Clarivates Web of Science. Mit mehr als 243 Millionen verzeichneten Werken bietet sie eine größere Datenbasis als die beiden etablierten Dienste, die an der TUHH seit vielen Jahren über die TUB lizenziert und bereitgestellt werden.

Ein klarer Vorteil von OpenAlex liegt in der offenen Zugänglichkeit, der Transparenz der Datenquellen und einer breiteren inhaltlichen Abdeckung. So werden nicht nur klassische Zeitschriftenartikel und Bücher, sondern auch graue Literatur (bspw. Projektberichte, Konferenzpapiere), Preprints und nicht-englische Forschung berücksichtigt. Die transparente Darstellung von Quellen und Datenherkunft macht OpenAlex zu einer verlässlichen Grundlage für wissenschaftliches Arbeiten im Sinne einer guten wissenschaftlichen Praxis. OpenAlex unterstützt damit aktiv die Prinzipien von Open Science.

5.1 Worauf sollte man achten?

Trotz zahlreicher Stärken gibt es einige Punkte, die bei der Nutzung berücksichtigt werden sollten. Da OpenAlex ein vergleichsweise junger Dienst ist, kann es bei der Weboberfläche mitunter zu Verzögerungen oder kleinen technischen Aussetzern kommen. In den vergangenen Monaten hatte ich dieses Problem zum Beispiel beim Nachladen von Filtern oder wenn Suchanfragen hängen geblieben sind.

Dem Verlust von Suchergebnissen kann man zumindest teilweise mit einem kostenlosen OpenAlex-Account entgegenwirken. Wer sich registriert, kann Suchanfragen abspeichern und auch sogenannte Alerts einrichten. Eine Funktion, die man auch von kommerziellen Angeboten kennt. Somit wird man automatisch per E-Mail informiert, sobald es neue Treffer zu einer gespeicherten Suchanfrage gibt.

Auch wenn OpenAlex zahlreiche Datenquellen nutzt: Es kann bei den Metadaten zu Unstimmigkeiten kommen. Mir sind unter anderem falsche Zuordnungen von Autor*innen zu Einrichtungen aufgefallen. Solche Fehler lassen sich jedoch unkompliziert über eine Anfrage zur Korrektur und Ergänzung von Daten melden, sodass die Datenqualität auch hier zunehmend besser werden sollte.

5.2 Zugang zu Volltexten

Eine Herausforderung vieler Datenbanken – und somit auch von OpenAlex – ist der eingeschränkte Zugang zu Volltexten. Nicht alle wissenschaftlichen Publikationen sind im Open Access frei verfügbar, da viele Verlage Inhalte hinter Paywalls anbieten. Es handelt sich also weniger um eine OpenAlex-spezifische Herausforderung, sondern vielmehr um eine grundlegende Herausforderung für die Wissenschaftscommunity: Wie sollten wissenschaftliche Publikationen im Optimalfall finanziert und zugänglich gemacht werden?

5.3 Umgang mit Predatory Journals

Ein weiterer Punkt betrifft die Qualitätssicherung: OpenAlex schließt Inhalte aus sogenannten Predatory Journals (siehe auch TUB-Infoseite Predatory Journals und Fake Konferenzen) nicht grundsätzlich aus. Diese Journals verlangen oft Publikationsgebühren, ohne dabei etablierte wissenschaftliche Standards wie Peer Review oder redaktionelle Qualitätssicherung einzuhalten. Anders als Scopus oder Web of Science, die versuchen, solche Titel aktiv aus der Datenbasis herauszuhalten, setzt OpenAlex hier auf Transparenz (potenziell problematische Inhalte werden nicht entfernt, sondern bleiben sichtbar und können ggf. nachvollziehbar eingeordnet werden).

Mit dem gezielten Einsatz von Filtern lässt sich dies bei der „Ergebnisqualität“ jedoch berücksichtigen. So kann beispielsweise der Filter „indexed by DOAJ“ verwendet werden, um ausschließlich Zeitschriften anzuzeigen, die im Directory of Open Access Journals gelistet sind – einem Verzeichnis, das klare Qualitäts- und Transparenzkriterien wie Peer Review, ethische Standards und nachvollziehbare Geschäftsmodelle voraussetzt.

6. Fazit

Mehr als nur Literaturrecherche
OpenAlex ist nicht nur ein hilfreiches Werkzeug für die klassische Literaturrecherche, sondern bietet auch weiterführende Möglichkeiten im Umgang mit wissenschaftlichen Informationen. So lassen sich beispielsweise Netzwerkanalysen durchführen (zur Untersuchung wissenschaftlicher Kooperationen), der wissenschaftliche Einfluss einzelner Publikationen oder Institutionen analysieren (Impact-Analysen) oder Visualisierungen wissenschaftlicher Strukturen erstellen.

Anwendungsbeispiel aus der Praxis
Ein prominentes Beispiel ist das Leiden Ranking Open Edition, das auf OpenAlex-Daten basiert und ein transparentes, reproduzierbares Bewertungssystem für Universitäten bietet. Auch innerhalb der TUB findet OpenAlex Anwendung – unter anderem für Datenabgleiche im Rahmen interner Analysen und Berichte.

Was (noch) nicht perfekt ist
Trotz dieser Stärken ist OpenAlex (noch) nicht perfekt: Die Weboberfläche kann stellenweise träge wirken, Metadaten sind nicht immer ganz konsistent, und es gibt derzeit keine automatische Filterung fragwürdiger Journals. Diese Aspekte sind jedoch überschaubar und lassen sich mit etwas Aufmerksamkeit gut ausgleichen.

Lohnenswerte Ergänzung im Recherchealltag
Ich persönlich finde, dass OpenAlex sich gerade durch die Kombination aus Offenheit und Transparenz von anderen Datenbanken abhebt. Wenn man bisher „nur“ mit Scopus oder Web of Science gearbeitet hat, wird man vielleicht überrascht sein, was ein kostenfreies Angebot wie OpenAlex unter anderem in Bezug auf inhaltliche Vielfalt oder auch Filterfunktionen kann.

Aus meiner Sicht lohnt es sich, OpenAlex als ergänzende Quelle in die eigene Suchstrategie einzubinden. In Kombination mit etablierten Recherchetools lässt sich so ein umfassenderes Bild der relevanten Fachliteratur gewinnen – und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, keine wichtigen Veröffentlichungen zu übersehen.


CC BY 4.0
Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: Was ist OpenAlex – und wie kann man es für die Recherche nutzen? von Florian Hagen, Lizenz: CC BY 4.0. Der Beitrag und dazugehörige Materialien stehen auch im Markdownformat und als PDF zum Download zur Verfügung.
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