Stifte, Heft, Radiergummi auf dem Tisch

„Wenn ich nochmal Ersti wäre …“: 12 Tipps zum Semesterstart

Dein Studium beginnt und du weißt als Ersti gar nicht so genau, was dich erwartet? So ging es uns auch. Und rückblickend gab es einige Dinge, die wir dann doch schon gerne zu Semesterbeginn gewusst hätten. Denn so aufregend der Start ist, er kann auch ziemlich überwältigend sein: Anmeldungswirrwarr durchblicken, Stundenplan organisieren, die richtigen Veranstaltungsräume finden, Kommiliton*innen und Campus kennenlernen. In diesem Beitrag haben wir daher einige Tipps festgehalten, die wir uns geben würden, wenn wir nochmal Ersti wären:

1. Mache Orientierungsangebote mit und lerne Leute kennen

Ein alter Hut: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Neben einigen Kommiliton*innen, die recht schnell merken, dass das Studium doch nicht ganz das ist, was man sich erwartet hat, wirst du mit vielen der Menschen um dich herum die nächsten Jahre gemeinsam an Themen arbeiten und für Prüfungen lernen. Such dir also eine Gruppe, in der du dich wohlfühlst und mit der du dir gemeinsames Lernen vorstellen kannst. In deiner Gruppe sollte auch der eine oder andere Spaß beim alltäglichen Miteinander Platz haben. Kaum woanders wirst du so viele Menschen um dich haben, die ja letztlich wegen ähnlicher Interessen ihr Studium starten. Eine tolle Gelegenheit zum Netzwerken sind neben den Orientierungswochen auch weitere Angebote der Hochschule (Freizeitaktivitäten wie gemeinsamer Hochschulsport, Chor und Theater, aber auch Angebote von Bibliotheken und studentische Initiativen sowie natürlich Unipartys). Gerade in den frustigen Zeiten des Studiums wird dir ein einfacher Plausch „über Gott und die Welt“ wieder neue Motivation geben.

  • Tausche dich mit Gleichgesinnten aus
  • Verschaffe dir auf den Uni-Webseiten einen Überblick über Hochschulangebote wie Sport, Kultur und Weiterbildung

2. Bereite deinen Semesterstart vor

Die ersten Tage im Studium prasselt viel auf einen ein. Klar: Stundenpläne und Raumnummern hat man meist in digitaler Form per Smartphone, Tablet oder Laptop dabei. Aber es wird der Tag kommen, an dem dein Akku leer ist, die benötigte Webseite wegen Wartungsarbeiten offline geht, dein Internetprovider spontan seinen Dienst für einige Stunden „pausiert“ oder das Funkloch in Bus und Bahn dir einen Strich durch die Rechnung macht. Druck dir deinen Stundenplan daher am besten aus und erkunde vielleicht auch schon einmal vorher, wo welche Veranstaltung stattfindet. Die Uni kann einem zu Beginn schon wie ein kleines Labyrinth vorkommen, da solltest du dir potentiellen Stress sparen, wo es nur geht.

  • Stunden- und Raumplan als Backup ausdrucken
  • Mache dich mit dem Campus vor Ort oder über den virtuellen Campusplan vertraut

3. Fange früh an dich zu organisieren

In der Uni geht es in vielen Veranstaltungen nach einer kurzen Organisationseinheit recht schnell mit den ersten Inhalten los. Mache dir also schon zu Beginn ein paar Gedanken zu zentralen Ablagemöglichkeiten für Basisinformationen wie wichtige Mailadressen von Ansprechpartner*innen oder Sprechzeiten. Verschaffe dir auch ruhig schon mal einen Überblick über einige gängige Begrifflichkeiten der Hochschule und werfe einen Blick in die Studien- und Prüfungsordnungen. Wichtig sind aber vor allem zwei Punkte: Deadlines und Dokumentablage.

3.1 Notiere jede Deadline

Habe stets wichtige Termine im Auge. Wann auch immer also eine Deadline in Veranstaltungen genannt wird, schreib sie direkt auf! Verlass dich nicht alleine auf Messenger-Gruppen (hier kriegst du oft was mit, nicht selten ist es bei Terminen aber schon fast zu spät) und pflege von Beginn an deinen Kalender mit Abgabeterminen, Anmeldefristen und sonstigen Daten.

3.2 Organisiere deine Unterlagen und setzte dich am besten direkt mit Literaturverwaltung auseinander

Sorge rechtzeitig für einen guten Überblick über deine Unterlagen, egal ob digital oder analog. Lege dir eine kleine Ordnerorganisation zurecht, um auch in Situationen, wo dir gefühlt alles über den Kopf wächst, zu wissen, wo was zu finden ist. Wichtige Mailadressen können hier genauso landen wie Informationen zu Sprechzeiten, die schnell griffbereit sein sollten. Fang am besten auch gar nicht erst an Zettel über Tage und Wochen ungeordnet in der Tasche mit dir rumzuschleppen oder in irgendwelchen Papierstapeln querbeet zu „verstecken“. Sich aufzuraffen, hier nachträglich Ordnung reinzubringen, ist kein Spaß. Im Einzelfall ist das aber durchaus ok und normal. Auch wichtig: Vergebe eindeutige Ordner- und Dateinamen und lege am besten einige Regelungen für die Benennung fest. So sind diese auch zukünftig besser auffindbar. Namensbestandteile können zum Beispiel inhaltliche Stichworte, das Datum der Erstellung, der Bearbeitungsstand und eine Versionsnummer sein. Vielleicht lohnt sich hier auch schon ein Blick in Regelungen des Forschungsdatenmanagements.

Eigentlich ist das erste Semester auch schon ein guter Zeitpunkt, sich direkt mit dem Thema Literaturverwaltung vertraut zu machen. So sparst du dir den Aufwand der Einarbeitung später, wenn die ersten Hausarbeiten oder gar die Abschlussarbeit ansteht. Wenn du gar keine Lust hast, erste Praxiserfahrungen mit der Verwaltung von Fachliteratur zu sammeln, kannst du dir zunächst auch ein paar Projekte anlegen, in denen du Kochrezepte für das Unileben oder Informationen zu Hobbys strukturiert ablegst. Sortieren könntest du deine Dokumentablage für das Studium zunächst beispielsweise nach Semestern (damit kannst du aber auch später anfangen). Innerhalb des Semesters sortierst du nach dem jeweiligen Kurs und innerhalb des jeweiligen Kurses eventuell nach „Vorlesungsfolien“, „Aufgaben“ und „Abgaben“.

4. Lerne deine Lernbedürfnisse besser kennen

Manche Menschen lernen besser in ruhigen Räumen, andere in einer Umgebung mit regem Treiben und Musik. Probiere frühzeitig im Studium aus, wie gut auch ein Wechsel von Lernorten für die Motivation sein kann und suche dir einige Räumlichkeiten, in denen du dich wohlfühlst. Gerade in Prüfungsphasen ist nicht immer überall genug Platz und so ist es gut, wenn du neben den eher ruhigen Einzelplätzen in einer der Fachbibliotheken im Philturm mit toller Aussicht auch mal in voll besetzten Lernräumen der Stabi vom Eifer deiner Sitznachbarn „angesteckt“ wirst oder von den langen Öffnungszeiten im Rechtshaus oder auf dem TUHH-Campus profitieren kannst.

Wenn du verhältnismäßig viele Prüfungen vorbereiten musst, so gehe den Lernstoff nicht nur wieder und wieder im Kopf durch. Schreibe auch einfach mal analoge oder digitale Zusammenfassungen, zeichne dir visuelle Ankerpunkte und Eselsbrücken in deine Aufzeichnungen, erstelle Lernkarten oder nehme dich selbst auf, um dir bestimmte Kapitel einfach nochmal anhören zu können. Lass dich auch nicht beirren, wenn dir dein Lernsystem aufwendiger erscheint als bei deinen Kommiliton*innen. Wichtig ist: Fühl dich mit deinem ganz persönlichen Lernsystem wohl.

  • Beobachte dein Lernverhalten und finde heraus, was zu deinem Lernerfolg beiträgt (Wohlfühlfaktoren und Erfolgserlebnisse)
  • Probiere aus, welche Lernmethoden bei dir in welchen Situationen besser funktionieren als andere
  • Wirf einen Blick in Veröffentlichungen wie Mehr als 77 Tipps zum wissenschaftlichen Arbeiten, um Anregungen zu Themen wie Lesen, Schreiben und Ideenfindung zu erhalten

5. Führe ein Lern- und Ideentagebuch

Fang möglichst früh an eine Art Lern- und Ideentagebuch zu führen. Die Form ist dabei zunächst erst einmal recht egal. Als Struktur reicht für den Start eine digitale oder analoge lose Zettelsammlung in Mappen, Ordnern oder Heften. Wenn du später auf deine aufgeschriebenen Tipps, Ideen und dokumentierte Lernfortschritte zurückblickst, macht das nicht nur Freude. Einige Ideen wirst du Jahre später über ungeplante „Geistesblitze“ weiterverfolgen oder mit anderen Ideen kombinieren können. Und je früher du mit diesen „guten Gewohnheiten“ anfängst, desto mehr Sicherheit gewinnst du für dein Studium. Du wirst kaum noch Bedenken haben, etwas zu vergessen oder zu verpassen, und diese Form der Dokumentation hilft auch dabei, sich einfach mal den Druck aus dem Kopf zu schreiben. Mach dir auch bewusst, dass du letztlich für dich selbst studierst, der Mehraufwand ist es also wert. Da ein Studium ein Stück weit ein Prozess ist, bei dem man Interesse und Fertigkeiten erst nach und nach entdeckt und entwickelt, ist diese Form der Dokumentation eine gute Möglichkeit, möglichst viel aus den Semestern mitzunehmen und sich Chancen für später offen zu halten.

  • Probier dich an einem eigenen System zur Dokumentation von Lernfortschritten und Ideen aus
  • Hol dir auch Inspiration zu einem eigenen Notizsystem über andere Ansätze, die beispielsweise in dieser Beitragsserie beschrieben werden

6. Plane von Anfang an vernünftige Zeitpuffer ein

Stell dir vor, du startest heute dein Studium. Um am ersten Tag pünktlich zu sein, hast du dir ganz fest vorgenommen, pünktlich loszufahren, um nicht auf den letzten Drücker anzukommen. Dazu hast du einige Tage zuvor auch noch eine „Trockenübung“ gemacht und bist die Strecke schon mal abgefahren. Alles lief reibungslos. In der Theorie also alles super, aber in Städten wie Hamburg solltest du immer einkalkulieren, dass die Bahn mal ausfallen kann. Und nicht selten macht der Busverkehr gleich mit. Sehr gut, wenn du im Notfall auf ein Stadtrad oder E-Scooter umschwenken kannst. Kalkuliere dir dafür aber auch noch Puffer ein. Denn mehr oder weniger klitschnass und abgehetzt das Uni-Abenteuer zu starten macht keine Freude. Wenn du stets versuchst, dir gleich einen „großzügigeren“ Zeitpuffer einzuplanen, wirst du auch bei Projekt- und Hausarbeiten weniger Probleme mit knappen Fristen bekommen. Und in Campusnähe lieber noch in Ruhe einen Kaffee zu gönnen ist allemal besser als noch aufgeregter und völlig aus der Puste im neuen Lebensabschnitt anzukommen.

7. Gönn dir Pausen und Belohnungen

Mit das Wichtigste im Studium: finde ein angemessenes Tempo für dich. Wenn du das Gefühl hast, dass es für heute reicht, solltest du dir eine Pause gönnen. Wichtig hierbei: sei ehrlich zu dir selbst, setze also keine zu kleinen Meilensteine und Aufgabenpakete, die nur wenige Augenblicke in Anspruch nehmen. Dabei solltest du dich für deinen Fleiß auch mal belohnen. Eine kleine Mittagspause und ein kurzer Spaziergang mit Kommiliton*innen über den Campus kann schon reichen, um ausgeruht und viel motivierter wieder ans Werk zu gehen. Vielleicht kannst du ja auch mal rausfinden, wie der eine oder die andere Studierende es hinbekommt, nach einem 10-Minuten-Powernap wie neu geboren wieder ans Werk zu gehen.

  • Belohne dich, wenn du es ehrlich verdient hast
  • Probiere aus, was dir beim Kraft tanken hilft (Spazieren, lockerer Plausch im Ca­fé um die Ecke oder auf dem Campus)

8. Sei sichtbar für Dozierende

Die Uni kann schon ein wirklich unpersönlicher Ort sein. Gerade wenn man frisch aus der Schule oder einer Ausbildung kommt. Du sitzt zum Teil mit Hunderten von Menschen in realen und virtuellen Räumen. Dozierende und Mitstudierende können so kaum wissen, wer du bist. Aktive Teilnahme an Veranstaltungen kann sich aber lohnen. Das hat auch nichts mit Schleimerei, sondern ehrlichem Interesse zu tun. Nach und nach lässt sich mit deinem Gesicht etwas verbinden. Anfangs bist du vielleicht noch der „Herr Kommilitone“, nach und nach kann es dann aber auch mal mit dem Namen klappen. Und ja, es fällt immer mal wieder schwer, den Arm zu heben. Nehme dein Studium und die Veranstaltungen aber als wirkliche Chance wahr, auch mal aus der eigenen Komfortzone auszubrechen. Und wenn deine Professor*innen das „Prinzip der offenen Tür“ leben, so nutze auch diese Chance. Ein netter Schnack auf Augenhöhe freut nicht nur dich und die Dozierenden. Bei dieser Form von „Networking“ können durchaus auch mal tolle Ideen für Projekte zustande kommen, was dein ganzes Studium nochmal attraktiver macht.

  • Spring über deinen Schatten und nimm aktiv an den Veranstaltungen teil
  • Nimm Angebote wie Sprechzeiten und offene Türen der Dozierenden an

9. Mache. Backups. Regelmäßig!

Achte IMMER darauf, deine Dateien möglichst regelmäßig zu sichern. Es wäre doch zu ärgerlich, jeden noch so kleinen, mühsam erarbeiteten Textfortschritt zu verlieren, den du dir gerade in einer deiner ersten Hausarbeiten erarbeitet hast. Und auch wenn du glaubst, dass dieser Tipp schon so einen Bart hat: Besonders bei neuen Anwendungen und Serviceangeboten ist es sinnvoll, nochmals fokussierter auf diese Kleinigkeit zu achten.

  • Speichere deine Arbeiten, Ideen und Notizen regelmäßig
  • An der TUHH kann dafür ggf. auch auf den Cloud-Dienst des Rechenzentrums zurückgegriffen werden. Ansonsten tut es im Notfall auch das Verschicken von Dokumenten an die eigene E-Mail-Adresse, wie im Beitrag Notiz-Selbstmanagement beschrieben

10. Nimm bei Bedarf Hilfe in Anspruch

In den letzten Schuljahren lief es eigentlich immer gut. Wenn du einmal deine Trägheit überwunden hattest, hast du auch gute Noten geschrieben. In der Uni kann es aber nach und nach häufiger mal Aufgaben, Foliensätze, Handouts und Skripte geben, die du nicht direkt verstehen wirst. Auch längeres Hinsetzen hilft dann nicht immer weiter. Das ist völlig normal. Scheue dich nicht nach Hilfe zu fragen. Entweder in deiner Lerngruppe oder auch in den Veranstaltungen. Das gilt auch für Tutorien – also eine Art Übungsgruppe, geleitet von höheren Studierenden – die ergänzend zu Vorlesungen wie Statistik angeboten werden. Es wird auch immer wieder Situationen geben, wo deine Hilfe gebraucht wird, so dass ihr euch immer im Wechsel untereinander helfen könnt.

  • Frage nach Hilfe, wenn du etwas nicht verstehst
  • Unterstütze andere, wenn du helfen kannst

11. Blicke über deinen eigenen Studiengang hinaus

Wenn es dein Studium oder dein Campus hergibt, so tausche dich auch mal mit Studierenden anderer Fachdisziplinen aus. Es ist spannend, Gespräche außerhalb der eigenen immer gleichen Fachthemen und -gruppen zu haben. So lernst du ganz andere Perspektiven auf Themen kennen und kannst sicher auch die eine oder andere tolle Freundschaft knüpfen.

  • Schau über den eigenen Teller- beziehungsweise Studienrand

12. Nicht jeder Tipp wird für dich passen

Im Grunde einer der wichtigsten Tipps: Es hat ja schon Tradition, dass Absolvent*innen und Studierende der höheren Semester viel „Insiderwissen“ teilen. Und das ist auch gut so. So wirst du schnell viel über die Möglichkeiten von Praxissemestern im Ausland, empfehlenswerte Kurse, Tutorien und Veranstaltungen lernen. Deine Mitstudierenden werden immer mal wieder unterschiedliche Meinungen zu Seminaren, Personen oder empfohlener Literatur haben. Und auch alle anderen Ratgeber*innen bringen immer ihre ganz individuellen Erfahrungen in eigene Ratschläge ein. Mach dir aber nach Möglichkeit immer ein eigenes Bild. Wenn es die Zeit hergibt, probiere dir sinnvoll erscheinende Lernmethoden aus. Interessiert dich ein Seminar, obwohl Kommiliton*innen sagen, dass aufgrund fehlender Anwesenheitspflicht gar kein Grund für einen Besuch der Veranstaltung spricht? Du wirst vor Ort sicher Gleichgesinnte treffen. Folge deinem Bauchgefühl, denn niemand weiß so gut wie du selbst, was dir wichtig ist, was du ausprobieren möchtest und was du für dein erfüllendes und erfolgreiches Studium brauchst. Ach ja und nicht jede Buchempfehlung musst du dir direkt ungesehen kaufen. Das Geld ist knapp und du hast auch noch eine Universitätsbibliothek an deiner Seite, die dir in Sachen Fachliteratur gerne zur Seite steht.

  • Nimm Ratschläge und Tipps dankbar an
  • Mache dir aber nach Möglichkeit immer selbst ein Bild von Inhalten, Methoden oder Personen, statt vorschnell jedem „Gerücht“ zu glauben

Wir hoffen, es waren einige Tipps dabei, die nicht nur unserem Ersti-Ich helfen könnten. Falls ihr selbst Tipps und Tricks für den Studienstart oder spätere Semester habt, so teilt diese doch gerne in den Kommentaren. Allen Studierenden wünschen wir an dieser Stelle einen möglichst angenehmen Semesterstart. Viel Spaß und Erfolg für die kommenden Wochen und Monate! Lasst euch von dem einen oder anderen Dämpfer nicht unterkriegen und schaut bei bibliotheksspezifischen Fragen auch gerne einmal in den Ersti-Blogbeiträgen zur Bibliotheksnutzung eurer TUB in der Rubrik Wissenswertes für Erstis vorbei.


CC BY 4.0
Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: „Wenn ich nochmal Ersti wäre …“: 12 Tipps zum Semesterstart von Florian Hagen, Alexander Unteutsch und Ronja Schwardt, Lizenz: CC BY 4.0. Der Beitrag und dazugehörige Materialien stehen auch im Markdownformat und als PDF zum Download zur Verfügung. In einer früheren Version ist der Blogbeitrag „Wenn ich nochmal Ersti wäre …: 12 Tipps zum Semesterstart“ unter CC BY 4.0 am 11. Oktober 2021 im tub.torials-Blog veröffentlicht worden. Die Änderungen gegenüber dem Originalbeitrag werden nachfolgend aufgeführt. Hinweise zur Bearbeitung: Die Erzählperspektive wurde gegenüber der Originalversion von „Ich“ zu „Wir“ geändert, da zusätzliche Autor*innen an der vorliegenden Version beteiligt sind. Kapitel 3.2 wurde um zusätzliche Informationen zur Benennung von Ordnern und Dateien erweitert. Zusätzliche Tutorials zur Literaturverwaltung mit Zotero wurden in Kapitel 3.2 aufgeführt und verlinkt. Kapitel 9 wurde um konkretere Beispiele für Backups ergänzt. Der Text wurde an einigen ausgewählten Stellen umformuliert.
Schriftzug Excalidraw in blau auf hellrotem Untergrund

Kreativ zusammenarbeiten: Handgezeichnete Diagramme mit Excalidraw erstellen

Im Rahmen unseres Seminars Wissenschaftliches Arbeiten tauschen wir uns mit Studierenden regelmäßig zu Tools und Methoden aus, die im Studienalltag genutzt werden. Auch dieses Jahr ging es dabei um Werkzeuge zum Skizzieren und Weiterdenken von Ideen. Erwähnt wurde das eine oder andere Mal u. a. Excalidraw. Gehört habe ich den Namen schon öfters, über einen längeren Zeitraum ausprobiert hatte ich Excalidraw bisher aber noch nicht. Anlass genug, dies nun endlich nachzuholen.

Kurz zusammengefasst ist Excalidraw ein Open-Source-Whiteboard. Alleine oder gemeinsam mit anderen können hier zum Beispiel Diagramme erstellt, Skizzen entworfen sowie Notizen zusammengefasst und visuell aufbereitet werden. Von den Studierenden wurden als Use Case neben dem Zeichnen von Diagrammen konkret Wireframes und die Abbildung von Softwarearchitektur erwähnt.

Ein Hauptunterscheidungsmerkmal gegenüber Programmen mit teilweise ähnlichen Funktionen wie zum Beispiel Diagrams.net (ehemals Draw.io) ist vor allem der handschriftliche Look von Visualisierungen. Mir persönlich gefällt die Handhabung von Excalidraw nach längerem Ausprobieren sehr. Auch die Möglichkeit, synchron ohne viel Aufwand gemeinsam an Inhalten zu arbeiten, funktioniert gut. Zu ausgewählten Basisfunktionen habe ich daher eine kurze Übersicht aufgeschrieben. Die Abbildungen lassen sich durch einen Mausklick vergrößern.

1. Grundfunktionen

Rufen wir https://excalidraw.com auf, so gelangen wir direkt auf die Oberfläche von Excalidraw. Es gibt keine umständliche Registrierung. Kein Warten auf Bestätigungsemails. Keine ausufernde virtuelle Einführungstour. Wir sehen ein leeres Whiteboard und können es direkt nutzen.

Leeres Excalidraw-Whiteboard
Leeres Excalidraw-Whiteboard

Mittig am oberen Fensterrand befindet sich die Werkzeugleiste. Ausgewählt werden können hier Einstellungen, Werkzeuge und vor allem Formen, die für die Arbeit auf dem Whiteboard genutzt werden können. Letztere lassen sich mit einem Klick auf das entsprechende Symbol oder das jeweilige Tastaturkürzel aktivieren.

Werkzeugleiste von Excalidraw

In der aktuellen Version (Stand: 17.08.2023) sind enthalten:

  • Auswahl (V oder 1)
  • Rechteck (R oder 2)
  • Raute (D oder 3)
  • Ellipse (O oder 4)
  • Pfeil (A oder 5)
  • Linie (L oder 6)
  • Zeichnen (P oder 7)
  • Text (T oder 8)
  • Bild einfügen (9)
  • Radierer (E oder 0)
  • Weitere Werkzeuge (Rahmenwerkzeuge Web-Einbettung)
Die Werkzeug- und Formenauswahl erfolgt per Klick oder Tastaturkürzel

Die Bedienoberfläche ist insgesamt sehr übersichtlich gestaltet. Solange noch keine Funktion ausgewählt wurde, weisen kurze Infotexte auf einige Optionen hin.

2. Erste Schritte

Die verschiedenen Formen lassen sich nach Auswahl per Klick und Ziehen des Elements – wie von vielen Computerprogrammen mit Formwerkzeugen gewohnt – auf dem Whiteboard platzieren. Gut veranschaulichen lassen sich die Anpassungsmöglichkeiten direkt mithilfe der Formwerkzeuge. Für diesen Beitrag nehme ich die in der Werkzeugliste zuerst aufgeführte Form Rechteck (R oder 2 auf der Tastatur). Dieses platziere ich in der gewünschten Größe auf dem Whiteboard mittels Maus. Das Rechteck lässt sich nun über das am linken Bildschirmrand erschienene Menü formatieren.

Eigenschaftenmenü der Rechteck-Form

Anpassen lassen sich hier u. a. neben der Farbe von Linien oder dem Hintergrundmuster der Form auch Strichstärke, Konturstil und Sauberkeit.

2.1 Strich (Stroke)

Die Farbe der von uns erstellten Form lässt sich über einen Klick auf „Strich“ am linken Bildschirmrand anpassen.

Anpassung der Formfarbe

2.2 Hintergrund (Background) & Füllung (Fill)

Die Formhintergründe lassen sich durch die Auswahl von „Hintergrund“ farblich füllen. Sobald wir eine Farbe gewählt haben, lässt sich auch die Form der Füllung anpassen. Als voreingestelltes Muster ist „Schraffiert“ (Hachure) ausgewählt. Über das Menü „Füllung“ an der linken Bildschirmseite stehen zusätzlich die Optionen „Kreuzschraffiert“ (cross-hatch) und „Deckend“ (solid) zur Verfügung. Die drei Optionen werden nachfolgend in unterschiedlichen Farben dargestellt:

Hintergrund- und Fülloptionen von Formen

2.3 Strichstärke & Konturstil (Stroke width & Stroke Style)

Die Strichstärke von Excalidraw bietet die Optionen „Dünn“, „Fett“ und „Extra Fett“. Beim Konturstil kann zwischen „Durchgezogen“, „Gestrichelt“ und „Gepunktet“ ausgewählt werden.

Einstellung von Strichstärke und Konturstil

2.4 Sauberkeit (Sloppiness)

Im Gegensatz zu anderen Anwendungen ist vor allem der Menüpunkt „Sauberkeit“ mit den Optionen „Architekt“, „Künstler“ und „Karikaturist“ ungewöhnlich. Hier können wir die Art, in welcher Formen gezeichnet werden, verändern. „Architekt“ sorgt für saubere, klare Linien, während „Künstler“ und „Karikaturist“ die Linien jeweils lockerer bzw. skizzenhafter wirken lassen.

Die Eigenschaft „Sauberkeit“ bietet die Optionen „Architekt“, „Künstler“ und „Karikaturist“

2.5 Kanten (Edges)

Bei der Auswahl von Objekten wie Rechteck, Linien und Pfeilen gibt es gegenüber der Ellipse noch die zusätzliche Option, Kanten auf „Scharfkantig“ oder „Rund“ zu setzen.

Über die genannten Möglichkeiten hinaus bietet das Menü an der linken Bildschirmseite auch noch Optionen für die Deckkraft von Objekten oder die Arbeit auf verschiedenen Ebenen.

Optionen für Kanten, Deckkraft und Ebenen einer Form

2.6 Weitere Werkzeuge

Excalidraw bietet in der Werkzeugleiste hinter der Option „Weitere Werkzeuge“ mit dem „Rahmenwerkzeug“ und „Web Embed“ noch weitere Optionen für das Whiteboard.

Das Rahmenwerkzeug ermöglicht u. a. zusätzliche Organisationsoptionen sowie künstlerisch kreative Möglichkeiten. Zum einen lassen sich zum Beispiel Inhalte wie Texte, Illustrationen oder Aufgaben, die in Abhängigkeit zueinanderstehen, einem Frame zuordnen. Wie eine Präsentationsfolie oder Karteikarte bleiben diese Elemente zusammen, können frei verschoben oder inhaltlich innerhalb des Frames weiter bearbeitet werden. Unterschiedliche Frames können auf dem Whiteboard auch miteinander verbunden werden. Eine Option, die also bspw. in Lehrveranstaltungen und Workshops unterstützen kann, den roten Faden nicht zu verlieren bzw. visuell zu verdeutlichen.

Gestalterisch ermöglicht die Frame-Option darüber hinaus auch „Cut-outs“. Dabei können Formen und Farben so übereinander gelegt, kombiniert oder abgeschnitten werden, dass zum Beispiel neue Muster, Bilder oder Designelemente entstehen. Nachfolgend ist diese Möglichkeit stark vereinfacht mithilfe einiger (abgeschnittener) Formen abgebildet:

Mit Frames lassen sich Formen innerhalb eines angelegten Rahmens anordnen

Durch Web Embed lassen sich die Einsatzmöglichkeiten des Whiteboards für weitere Szenarien erweitern. In der aktuellen Excalidraw-Browservariante (Stand: 17.08.2023) lassen sich bspw. bislang Inhalte von Youtube, Vimeo, Figma, Github oder eben Platzhalter einbinden. Plug-ins von Excalidraw sind hier zum Teil schon einen Schritt weiter. Innerhalb von Obsidian – ein Markdowneditor, der u. a. das Verlinken von Dokumenten hin zu einem Ideennetzwerk ermöglicht und durch Erweiterungen auf individuelle Bedürfnisse beim Wissensmanagement angepasst werden kann – kann mithilfe eines Excalidraw-Plug-ins bereits ohne (bisher zumindest von mir wahrgenommene) Einschränkungen jeder Webinhalt eingebunden werden. So lassen sich Videos, Texte, Webseiten oder auch interaktive Lehr-Lernmaterialien (bspw. H5P-Elemente) direkt auf dem Whiteboard nutzen. Ohne Excalidraw zu verlassen kann somit direkt ein externer Inhalt kommentiert und diskutiert werden. Hier ist zu hoffen, dass zukünftig auch in der Browserversion weitere Webangebote eingebunden werden können.

Web-Inhalte lassen sich in ein Whiteboard einbinden und direkt verwenden

3. Gemeinsam arbeiten

Um gemeinsam auf einem Whiteboard zu arbeiten, bietet Excalidraw oben rechts auf der Benutzeroberfläche die Option „Live Zusammenarbeit …“ (Personen-Symbol).

Über „Live-Zusammenarbeit …“ kann ein gemeinsames Whiteboard eingerichtet werden

Sobald ein Whiteboard über diesen Button gestartet wird, gibt es die Möglichkeit einen Zugangslink zu kopieren, der mit Personen geteilt werden kann.

Über einen Link können weitere Personen eingeladen werden

Alle aktiven Personen auf einem Board sind durch Farben und frei wählbare Namen unterscheidbar. Ein gezielter Sprung zur Position einer Person ist über einen Klick auf das jeweilige Namenskürzel am oberen rechten Bildschirmrand möglich.

Aktive Personen auf einem gemeinsamen Whiteboard

Wenn eine Person ein kollaboratives Excalidraw-Whiteboard verlässt, nimmt diese den aktuellen Status des gemeinsam bearbeiteten Whiteboards mit und kann lokal weiter an den Inhalten arbeiten.

4. Eigene Beispiele

Für den Einstieg in Excalidraw habe ich zunächst eine Abbildung aus älteren Powerpoint-Foliensätzen von mir als Vorlage genommen (Thema Selbstmanagement). So wollte ich ohne viel Aufwand sehen, wie schnell und im Vergleich ggf. ansehnlich sich Mindmaps mit Excalidraw umsetzen lassen:

Mindmaps zum Thema „Umgang mit Zeit“

Als zweiten Testballon habe ich eine eigene Abbildung der Eisenhower-Matrix genutzt (Methode zur Priorisierung von Aufgaben nach Kategorien), die ich in Corona-Zeiten kurzfristig für eine Veranstaltung erstellt hatte. Diese wollte ich schon länger gerne in einer saubereren, aber dennoch eher „handgemachten“ Form haben. Zum Vergleich kann in der nachfolgenden Abbildung der Regler nach links und rechts verschoben werden:

Schnelle Überarbeitung einer Eisenhower-Matrix-Abbildung

Da die Erstellung der Matrix sehr gut von der Hand ging, ist neben der theoretischen Abbildung des Eisenhower-Prinzips auch eine zusätzliche Abbildung mit konkreteren Handlungsschritten entstanden, die auch im Blogbeitrag Wichtig und dringend? Aufgaben priorisieren mit dem Eisenhower-Prinzip verwendet wurde.

5. Fazit

Wie bereits eingangs erwähnt, mir gefällt Excalidraw. Überlegungen zu einem Thema oder reduzierte Zeichnungen lassen sich schnell und einfach umsetzen. Auch die Arbeit im Team hat bisher ohne Verzögerungen oder andere technische Probleme geklappt. Fairerweise muss aber gesagt werden, dass wir in einer Gruppe mit bis zu vier Leuten „natürlich“ gearbeitet haben. Einen gezielten Stresstest durch das Einbinden unzähliger Videos oder Ähnliches haben wir also nicht durchgeführt.

Darüber hinaus gibt es viele weitere (hier nicht genannte oder nur angedeutete) Features und Möglichkeiten, Excalidraw einzusetzen. Dazu zählen u. a. eine aktive Community, gute Funktionalität über Smartphone und Tablet, eine Element-Bibliothek mit brauchbaren Formvorlagen oder auch ein integrierter Color-Picker. Inhalte lassen sich lokal im Excalidraw-Format speichern, per Link teilen oder als PNG bzw. SVG exportieren. Schade finde ich allerdings, dass das (optionale) Speichern und Organisieren von Whiteboardinhalten im Programm selbst Nutzer*innen des kostenpflichtigen Excalidraw+ vorbehalten zu sein scheint.

Alles in allem kann ich allen (auch nur entfernt) interessierten Menschen guten Gewissens empfehlen, Excalidraw zumindest einmal mit einem einfachen Sketch auszuprobieren. Der Einstieg ist unkompliziert und eine Mindmap zu typischen To-dos eines Arbeitstages, die Abbildung von regelmäßigen Arbeitsschritten und Prozessketten oder eine einfache Pro-Contra-Liste zu Ideen/gelesenen Texten ist schnell umgesetzt. Im Idealfall ist die eigene Toolbox für Arbeit und Studium so ohne großen Aufwand am Ende um ein nützliches Open-Source-Werkzeug reicher.


CC BY 4.0
Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: Kreativ zusammenarbeiten: Handgezeichnete Diagramme mit Excalidraw erstellen von Florian Hagen, Lizenz: CC BY 4.0. Der Beitrag und dazugehörige Materialien stehen auch im Markdownformat und als PDF zum Download zur Verfügung.
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