Notizenzettel

Notizen zum Notizen machen (Beitrag von Thomas Hapke) #Notizschreibwochen2020

Was für ein Thema, einen Essay schreiben, bei dem es um das „Notizen-Machen“ geht. Dabei soll es neben Nachdenklichem und Historischem auch um eigene praktische Erfahrungen gehen. So besteht dieser Text seinerseits aus einer Sammlung von Notizen zum „Notizen-Machen“. Dabei hat das Sammeln ja auch mit Bibliotheken und das Machen von Notizen mit dem wissenschaftlichen Arbeiten zu tun. So schrieb der Philosoph Walter Benjamin, der im September 2020 seinen 80-jährigen Todestag hatte, schon 1928:

Und schon heute ist das Buch, wie die aktuelle wissenschaftliche Produktionsweise lehrt, eine veraltete Vermittlung zwischen zwei verschiedenen Katalogsystemen. Denn alles Wesentliche findet sich im Zettelkasten des Forschers, der’s verfasste, und der Gelehrte, der darin studiert, assimiliert es seiner eigenen Kartothek. […] Laß dir keinen Gedanken inkognito passieren und führe dein Notizheft so streng wie die Behörde das Fremdenregister.1

Wahrscheinlich hatte Benjamin den folgenden Aphorismus des Physikers Georg Christoph Lichtenberg im Kopf, als er obige Zeilen schrieb:

Er exzerpierte beständig, und alles, was er las, ging aus einem Buche neben dem Kopfe vorbei in ein anderes.2

Ein Beispiel aus der Kunst zum Notizen-Machen stammt von der 13. documenta in Kassel. Eine Schriftenreihe mit dem Titel „100 Notes – 100 Thoughts / 100 Notizen – 100 Gedanken“,  die auch in den Katalog zur Ausstellung eingearbeitet wurde, versammelte Texte, in denen es teilweise auch um Notizen selbst ging.

100 Notizen - 100 Gedanken

Abb. 1: Vier Exemplare der Schriftenreihe „100 Notes – 100 Thoughts / 100 Notizen – 100 Gedanken“ Ostfildern : Hatje Cantz, 2012.

Vielleicht sollte ich hier auch noch erwähnen, dass ich über Jahre auf dem Weg zum Bahnhof am Geburtshaus des berühmten Sohnes eines Brauereibesitzers in Lüneburg vorbeigekommen bin. Dieser Sohn war der Soziologe Niklas Luhmann. Luhmanns Zettelkasten, mittlerweile auch digitalisiert, war eine wesentliche Grundlage und „Denkmaschine“ für seine umfangreichen Texte.

Gebäude der Braunbier-Brauerei H. Luhmann

Abb. 2: Gebäude der Braunbier-Brauerei H. Luhmann mit dem Pons, der „ältesten Kneipe“ Lüneburg, dazu ein Notizbuch, das zur Tagung „Medien der Wissenschaften“ der Gesellschaft für Medienwissenschaft im Jahre 2013 verkauft wurde. Mehr Infos zum Haus bei Nitsche, Lilli: Backsteingiebel und Systemtheorie: Niklas Luhmann – Wissenschaftler aus Lüneburg. Gifkendorf: Merlin, 2011.

Wozu machen wir eigentlich Notizen?

Notizen dienen dazu, etwas zu behalten, nicht zu vergessen, etwas, was man später vielleicht benötigt, um es vertiefend zu lernen oder die enthaltenen Gedanken weiter zu verfolgen. Notizen unterstützen also wie jedes Schreiben auch das Denken. Der Philosoph Daniel-Pascal Zorn hat das Schreiben sogar als „Labor des Denkens“ bezeichnet.3

Mit dem Anfertigen von Notizen beginnt also das Denken und damit eigentlich auch jede wissenschaftliche Arbeit. Und eigentlich gehört zum Notizen-Machen auch das Notizbuch, womit die Frage des „Wie?“ beim Notizen-Machen angesprochen ist. Auch das Führen eines Forschungs- oder Lese-Tagebuchs und eines Laborbuches gehört ja zu den Kulturtechniken beim wissenschaftlichen Arbeiten.

Ein solches Werkzeug dokumentiert also auch den eigenen Denkprozess und kann zudem dazu dienen, auf neue Ideen zu kommen, also die eigene Kreativität zu fördern. Ein Optimum wäre für mich so etwas wie eine Notiz-Maschine, ein ausgelagertes Gehirn, das wichtige Gedanken, die man glaubt zu haben, interessante Quellen und Zitate, die man liest, blitzschnell erfasst und dauerhaft recherchierbar zum jederzeitigen Abruf speichert, möglichst noch im Rahmen einer ausgefeilten systematischen Ordnung.

Wie machen wir Notizen?

Im vorigen Abschnitt wurde das „Wie“ ja schon angesprochen. Ein ethnografisch orientierter Text zur Praxis wissenschaftlichen Arbeitens in den Kulturwissenschaften, hier bezeichnet als „Library Life“4, unterscheidet beim „organisierenden Inventar“

  • sogenannte „analoge Organanten“ wie Stifte, Blätter und Zettel, Hefte und Notizbücher, Mappen, Stapel und Haufen, Ordner, Kartons und Kisten, Zettelkästen und Register, Räume und Regale sowie Tische,

  • und „digitale Organanten“ wie Computer, Interfaces, Speichermedien, Internet, Textdokumente, Virtuelle Ordner, Desktops, Schreibprogramme, Literaturdatenbanken, Weblogs und Recorder und

  • dazu komplexe Hybridsysteme.

Historischer Exkurs

Ein bisschen ist das Thema Notizen für mich auch so etwas wie ein „Lebensthema“, da meine historischen Arbeiten zur Geschichte des Informationswesens5 sich am Rande auch mit dem Notizen-Machen befasst haben. So hatte auch ein vor Jahren von mir bespielter Weblog mit dem Titel „Creative Combinatorics – as a foundation of creativity, information organisation and art“ als Kennzeichnung „notes“ als Teil der Webadresse. Hat doch einer meiner historischen Kernfiguren, mit denen ich mich näher beschäftigt habe, der Chemie-Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald (1853-1932), einen großen Teil seines Nobelpreis-Geldes für ein Unternehmen ausgegeben, an dem auch ein Schweizer mit dem Namen Karl Bührer beteiligt war und welches das Weltwissen quasi als „Gehirn der Welt“6 auf Karteikarten sammeln sollte.

WissenschaftshistorikerInnen wie Ann Blair und Hans-Jörg Rheinberger haben das „Notizen machen“ untersucht. Letzterer hat die Produktion von Wissen(schaft) durch Aufschreib-„Techniken“ im Labor als „Mischformen des Wissens“7 und als „Zettelwirtschaft“8 beschrieben. „Zettelwirtschaft“ ist auch der Titel eines Buches von Markus Krajewski.9

Für Ostwald waren die wesentlichen „Elemente“ (übrigens ein in der Chemie oft benutzter Begriff! 😎 ) des wissenschaftlichen Arbeitens etwa Karteikarten oder Zeitschriftenaufsätze. Ostwald beschrieb ein „Handbuch der Zukunft“, das durch „Umwandlung des Buches in die Kartothek“ entstehen sollte.

Wird dann darauf geachtet, daß jedes Blatt nur ein Thema enthält, so erkennt man alsbald, daß eine unbegrenzte Kombinierbarkeit der so erhaltenen Elemente erreicht wird, und daß man, je nach dem Zweck, den man verfolgt, gegebenenfalls jede beliebige Beziehung der dargestellten Tatsachen durch die räumliche Ordnung dieser Karten zum Ausdruck bringen kann.10

Dies nannte Ostwald das „Prinzip der unabhängigen Handhabung des einzelnen Stückes“ oder auch „Monographieprinzip”. Dadurch sollte die „Beweglichkeit des Gedankens” erhalten bleiben.11

Der schon erwähnte Bührer hatte bereits 1890 auf die Nutzung von Karteikarten im Geschäftsleben, aber auch zur Erleichterung des wissenschaftlichen Arbeitens hingewiesen und dabei so etwas wie ein „Monographie-Prinzip“ formuliert. Für ihn diente „“[j]edes Blatt […] ganz konsequent [Hervorhebung im Original] nur für eine Notiz, welche oben rechts durch Anbringung eines Titels sofort rubriziert wird […] Gelehrten ist dieses Zettelsystem zum Sammeln und Ordnen ihrer Exzerpte ganz besonders zu empfehlen.“12

Das auch von Paul Otlet (1868-1944), dem Begründer des Institut Internationale de Bibliographie in Brüssel, beschriebene Monographie-Prinzip hatte als „one-sheet-one-topic”-Prinzip also die Elemente des Denkens im Blick. Es kann als Forschungsprinzip auch bei zwei von Ostwalds Zeitgenossen aus der Soziologie gefunden werden, Beatrice and Sidney Webb: „Eingehend beschrieben die Webbs, was sie die Kunst des Notizen-Machens nannten, wobei sie die Regel aufstellten, daß auf einem Blatt immer nur ein Ereignis zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem Ort notiert werden durfte.“13

Otlets Idee zum Monographie-Prinzip kann durchaus durch seine Bekanntschaft mit Ostwald und Bührer entstanden sein. Ostwald und Otlet waren sich das erste Mal auf dem Congrès Mondial des Associations Internationales 1910 in Brüssel begegnet, während Bührer sich schon im Jahre 1908 schriftlich an das Institut International de Bibliographie wandte, um eine Zusammenarbeit mit der von ihm ins Leben gerufenen Internationalen Monogesellschaft zu erreichen.

Eine Form von Autoethnographie, meine eigene Praxis

Für mich selbst gilt beim Notizen-Machen eigentlich, dass ich fasst alle der oben genannten „Organanten“ irgendwie nutze, ohne dass ich bei der Nutzung immer eine wirkliche Systematik einhalte. Vieles passiert zufällig, in Abhängigkeit von jeweiligen Möglichkeiten und Kontexten, auch von der Stimmung. Und dies alles sowohl analog als auch digital.

Noch heute empfinde ich die Arbeit mit Karteien und Karteikarten durchaus als eine sinnvolle Möglichkeit, Informationen, Texte und Lernstoff zusammenzufassen, zu verarbeiten und zu behalten, zwingt doch das Beschriften der Karte zu Systematik und Gliederung sowie zur Auswahl und damit zum Erkennen des Wesentlichen und erhöht damit das Behalten der Inhalte. Durch die Fragmentierung auf Karteikarten können Informationen beliebig und flexibel geordnet werden. Dabei nahmen Karteikarten durchaus Hypertext-Aspekte voraus, die uns heute durch das World Wide Web mit seinen Links geläufig sind.

Für mich wichtige Bücher versuche ich so auf eine Karteikarte im Format DIN A5 mit den wichtigsten Aussagen zu erfassen.

Bücher, die ich besitze, werden unter Umständen durch Anstreichungen mit Bleistift oder Bemerkungen am Rand zum „Notiz“-Buch.

Bücher mit Anmerkungen

Abb. 6: „Keine Information ohne Transformation.“ Anstreichung in: Bruno Latour: Cogitamus. Berlin: Suhrkamp, 2016.

Auf manchen meiner Karteikarten finden sich auch graphische Darstellungen oder Mind Maps zu Themen oder erfassten Werken.

Letztlich sind Notizen also auch eine Form von kognitiven Landkarten. „Notizen machen“ entspricht damit dem Abbilden („Mapping“) einer Landschaft (dem Objekt, dem Werk, dem Thema) auf einer Landkarte. Notizen entsprechen persönlichen Repräsentationen bzw. Landkarten von Landschaften der Wirklichkeit.

Karteikarten mit "Landkarten"

Abb. 7: Beispiele für Karteikarten mit „Landkarten“.

Auch für das wissenschaftliche Arbeiten wird eine solche Analogie manchmal verwendet, wenn etwa eine wissenschaftliche Theorie als Landkarte eines Forschungsobjektes, der Landschaft, angesehen werden kann und es da durchaus unterschiedliche Perspektiven geben kann.14 Notizen sind wie „Landkarten etwas Anwendungsorientiertes“, sie dienen persönlichen Zwecken.

So ist dann auch diese Landkarte zu Sichten auf Wissenschaft letztlich nichts Anderes als eine Notiz, der persönliche Versuch, die unterschiedlichen Sichten auf Wissenschaft auf einer Karteikarte oder eine Folie zu „pressen“:

Sichten auf Wissenschaft-Diagramm

Abb. 8: Sichten auf Wissenschaft.

Wenn ich für mich mein oft auch noch handschriftliches Aufschreiben im Vergleich zum Nutzen einer Tastatur eines Computers betrachte, kann ich Erfahrungen bestätigen, die in einem Interview von Katrin Schmermund mit dem Neurowissenschaftler Henning Beck beschrieben werden.15 Was ich mit der Hand aufschreibe, behalte ich in der Regel länger.

In einer Art Lese-Tagebuch – in Form gebundener Bücher mit weißem Papier im DIN-A5-Format – erfasse ich seit Jahren in Kästen gesammelte Kopien, verweise auf angefertigte Kartei-Karten, gelesene Texte oder mache auch nur Notizen zu bestimmten Veranstaltungen oder etwa zu Urlauben und Wochenenden und dabei beobachteten Tieren.

Lese-Tagebücher

Abb. 9: Meine Lese-Tagebücher.

Das Blättern in diesen Bänden, der fünfte ist bald voll, ist eine Fundgrube für zu Erinnerndes und für mich auch eine Quelle für neue – oft auch alte, d.h. vergessene – Ideen. Als genutzte Ordnung erfolgt hier also meistens eine zeitliche Sortierung.

Letztlich sind für mich auch das Ablegen von Kopien in Ordner oder Kisten zu Hause, das Speichern eines Aufsatzes in Zotero, das Twittern oder das Schreiben eines Blog-Beitrages eine Form des Notizen-Machens.

Screenshot Zotero

Abb. 12: Screenshot Zotero.

Frage ich mich aber jetzt ehrlicherweise, ob all das, was ich irgendwo abspeichere, bei einem konkreten Suchfall wirklich hilft und ich dann das auch finde, wonach ich suche, muss ich zugeben, dass dies sehr oft auch nicht der Fall ist. Mir persönlich hilft noch am ehesten die zeitliche Ordnung abgelegter Notizen, in welchem Medium auch immer. Trotzdem höre ich (zur Zeit!) mit dem Abspeichern nicht auf, beruhigt es doch wenigstens 😎 und erhöht zumindest die Wahrscheinlichekit des Wieder-Erinnerns und Wieder-Findens.

Ergänzend zum oben schon erwähnten Optimum einer Notiz-Maschine würde meine ideale Maschine auf einem Bildschirm laufend zufällig ausgewählte Notizen an die Oberfläche bringen, so wie auf meinem Laptop zufällig ausgewählte Fotos aus meiner „Fotothek“ als Bildschirmschoner auftauchen.

 


Fußnoten

1 Walter Benjamin: Vereidigter Bücherrevisor. In: Einbahnstrasse. 1928. Enthalten in: Walter Benjamin: Ein Lesebuch. Frankfurt: Suhrkamp, 1996, S. 93 und S. 96, letzter Satz unter der Überschrift „Die Technik des Schriftstellers in dreizehn Thesen“
2 Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft G 181, 1779
3 Einführung in die Philosophie. Frankfurt am Main: Klostermann 2018. S. 111
4 Sebastian Brand: Wissens-Dinge: Eine Phänomenologie des Wissen organisierenden Inventars im Library Life. In: Krentel, Friedolin, Katja Barthel u.a. (Hrsg.): Library life. Werkstätten kulturwissenschaftlichen Forschens. Lüneburg: Meson Press 2015. S. 99-133. https://doi.org/10.14619/006
5 Vgl. auch meine Veröffentlichungen unter https://blog.hapke.de/publikationen-und-vortraege/
6 Wilhelm Ostwald: Das Gehirn der Welt. München: Brücke, 1912, auch erschienen in Nord & Süd, 1912, 140, 1: 63-66. Auch in: Wilhelm Ostwald. Der energetische Imperativ. Leipzig: Akad. Verlagsges., 1912
7 Iterationen. Merve, 2005, S. 74
8 Epistemologie des Konkreten. Suhrkamp, 2006, S. 350
9 Zettelwirtschaft : Die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek. 2. Aufl. Berlin: Kulturverlag Kadmos, 2017
10 Wilhelm Ostwald: Die chemische Literatur und die Organisation der Wissenschaft. Leipzig: Akademische Verlagsgesellschaft, 1919, S. 96
11 Karl W. Bührer, Adolf Saager: Die Organisierung der geistigen Arbeit durch Die Brücke. Ansbach: Verlag von Fr. Seybold’s Buchhandlung, 1911, S. 110
12 Karl W. Bührer: Ueber Zettelnotizbücher und Zettelkatalog. Fernschau 4 (1890) 190-192
13 Wolfgang Lepenies: Die drei Kulturen : Soziologie zwischen Literatur und Wissenschaft. 2. Auflage. Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 2006, hier S. 148]
14 Hinweise bei Anna Leuschner (2012). Die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft: Eine wissenschafts- und erkenntnistheoretische Analyse am Beispiel der Klimaforschung. Transcript. S. 159-160
15 Warum wir wieder mehr mit der Hand schreiben sollten, Forschung & Lehre, 04.02.2020 https://www.forschung-und-lehre.de/forschung/warum-wir-wieder-mehr-mit-der-hand-schreiben-sollten-2504/]

Über den Autor:

Thomas Hapke arbeitet als Fachreferent für Verfahrenstechnik sowie stellvertretender Leiter an der Universitätsbibliothek der TU Hamburg. Seine Interessengebiete, Informationskompetenz, die digitale Bibliothek sowie die Geschichte wissenschaftlicher Information und Kommunikation, werden auch in seinem Weblog und bei Twitter sichtbar.

Er begleitet die Hamburg Open Online University (HOOU) von Anfang an und ist in der Lehre an der TUHH im Rahmen eines Bachelor-Seminars zum wissenschaftlichen Arbeiten aktiv, das von einem Weblog begleitet wird. Besonders interessiert beobachtet er sich verändernde Konzepte und Werkzeuge der wissenschaftlichen Kommunikation, die sich durch die Digitalisierung wandelt und die optimalerweise von Offenheit geprägt ist.


CC BY 4.0
Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: Notizen zum Notizen machen (Beitrag von Thomas Hapke) #Notizschreibwochen2020“ von Thomas Hapke, Lizenz: CC BY 4.0. Der Beitrag steht im Markdown-, DOCX- und PDF-Format zum Download zur Verfügung.
Wand mit Notiztipps

Geschichte und Gegenwart meiner Notizen (Gastbeitrag von Benjamin Roers) #Notizschreibwochen2020

Luft nach oben

Wenn ich mich richtig erinnere, dann habe ich mir den größten Teil meines Studiums keine großartigen Gedanken darüber gemacht, wie ich Informationen nachhaltig, d. h. strukturiert, wiederauffind- und verwertbar dokumentiere. Nur selten habe ich Exzerpte zu einzelnen Texten angefertigt, um sie dann am Semesterende doch bloß irgendwo abzuheften.

Für Hausarbeiten sammelte ich meine Literaturnotizen zunächst in einem einzelnen Dokument. Wenn ich dann zu schreiben begonnen hatte, sortierte und kopierte ich mir relevante Angaben einfach dort in meine Textdatei, wo ich sie brauchte. Welche absurden Relationen das annehmen konnte, war mir gar nicht mehr bewusst, bis ich mich an einen Tweet von mir erinnerte (siehe Abb. 1).

Tweet zu Notizen einer Hausarbeit.

Abb. 1: Tweet zu Notizen einer Hausarbeit.

In Sachen Schreibpragmatik war also noch Luft nach oben.

Keine Lust mehr, alles manuell zu tippen

Zumindest hatte ich mich zu dieser Zeit schon mit Literaturverwaltungssoftware beschäftigt. Ich hatte keine Lust mehr, meine Literaturrecherchen in Word-Dateien zu dokumentieren, Fußnoten und Verzeichnisse manuell zu tippen und am Ende jeder Hausarbeit mindestens einen halben Tag für die formale Kontrolle einzuplanen. Meine Idee war: Wenn ich mir einmal die Zeit nehme, um mich konzentriert in eine Literaturverwaltungssoftware einzuarbeiten, werden die kommenden Schreibprojekte sehr viel einfacher sein. Ich entschied mich damals konkret für die Software Zotero, weil es eine Freie und Open Source Software ist und mir die Idee dahinter sehr gefiel (tut sie heute noch).1

Mein Plan, durch die Nutzung eines Literaturverwaltungsprogramms komfortabler arbeiten zu können, ging jedenfalls auf. Mit Zotero war ich schnell vertraut und zum Schluss hatte ich mir in ein paar Tagen (und Nächten) im CSL-Editor auch noch einen eigenen Zitierstil zurecht gebaut. Für mich als Laien war das mitunter nervenaufreibend, weil furchtbar kompliziert. Aber es hat sich gelohnt: Meinen damals individualisierten Zitierstil benutzen ich und ein paar Kommiliton:innen heute noch.

Von da an war Zitieren eigentlich kein großer Aufwand mehr. In Word hatte ich mir entsprechende Tastenkürzel eingerichtet mit denen sich Fußnoten mit ein paar Handgriffen setzen ließen. Abschließend dann noch mit einem Click ein Literaturverzeichnis erstellen und das Referenzsystem der Arbeit war im Wesentlichen korrekt. Wichtig ist dafür nur, dass die Angaben in der Zotero-Datenbank korrekt, d.h. einheitlich und vollständig sind.

Trial & Error

In Zotero begann ich dann auch bald, meine Literaturnotizen und Exzerpte zentral zu sammeln. Im Gegensatz zu meiner früheren Technik, bei der alle Notzien in einer Datei untereinander aufgelistet waren, hatte ich nun alles dem jeweiligen Literatur-Datensatz zugeordnet. Bei der Vorbereitung für Hausarbeiten war das hilfreich, weil strukturierter und übersichtlicher.

Am Schreibprozess selbst änderte das allerdings nichts. Denn sobald ich damit begann, zog ich alles wieder in eine Textdatei und baute davon ausgehend meinen eigenen Text. Eine Masterarbeit von etwa 100 Seiten ließ sich auf diese Weise noch erfolgreich produzieren. Aber spätestens beim nächsten Schritt, einer Dissertation mit 250 bis 300 Seiten, würde dieses System an seine Grenzen stoßen, dachte ich.

Womit wir im Grunde in der Gegenwart angekommen wären. Denn seit ca. einem Jahr bin ich jetzt in einem Trial & Error-Prozess dabei, ein für mich angenehmes, praktikables und zielführendes Wissensmanagement zu entwickeln. Dieses besteht derzeit aus einem digital-analogen Mix aus handschriftlichen bzw. getippten Notizen, dem Markdown-Editor Zettlr und Zotero. Das dazugehörige Konzept sieht drei Schritte vor, die ich nun kurz skizzieren möchte.

Let’s get concrete

Schritt 1: Lesen und Notieren

Texte lese ich in entweder analog (Buch/gedruckter Scan) oder digital (auf dem Tablett). Dabei habe ich immer einen Stift in der Hand, um Markierungen und Randnotizen zu machen. 2 Diese Randnotizen haben sich im Laufe der Jahre standardisiert und entsprechen den gängigen wissenschaftlichen Strukturkategorien. 3

STRUKTURKATEGORIE VERBUNDENE FRAGE / ERLÄUTERUNG NOTIZ AM TEXTRAND
Thema/Gegenstand Worum geht es allgemein? Thema
Fokus Worum geht es im Speziellen? Fok.
Fragestellung Was soll herausgefunden werden? F
Defintion Wie genau werden zentrale Begriffe verstanden? Def.
Ziel Was ist das Ziel des Textes? Was möchte er herausfinden, zeigen, infragestellen o.ä.? Ziel
These/n Was ist/sind die Antwort/en auf die Fragestellung? T bzw. T1, T2, …
(Histroische) Quellenbasis Mit welchem Material wird gearbeitet? An welches Material richtet sich die Fragestellung und werden Thesen abgeleitet? Q
Methode/Theorie Mit welcher Perspektive und welchem „Werkzeug“ nähert sich der Text dem Thema? Wie und auf welcher gedanklichen Grundlage wird die Fragestellung beantwortet? M/T
Forschungsstand Was wurde zum Thema bzw. zum speziellen Fokus bislang an wissenschaftlicher Literatur veröffentlicht, auf die der Text aufbaut? Fs
Angekündigtes Vorgehen Wie geht der Text im Einzelnen vor? Welche Schritte unternimmt der Text in seinem Verlauf? Vorgehen
Kernaussagen Was sind die zentralen Aussagen des Textes?
Für mich besonders relevant Was ist darüber hinaus für mich, mein Projekt, meine eigene Fragestellung bzw. mein persönliches Interesse von Bedeutung? ! bzw. Diss.

Tab. 1: Strukturkategorien für Randnotizen.

Sobald ich einen Text auf diese Weise gelesen und erschlossen habe,4 schreibe ich mir zumindest alles heraus, was für meine Dissertation oder meine jeweilige Frage(n) an den Text wichtig ist.5 Das tue ich meist in Form einer Liste, an deren Anfang die Literaturangabe des Textes steht. Hinter den einzelnen Punkten stehen dann auch immer Textverweise. Falls mir später etwas unklar ist oder ich den Punkt nochmal vertiefen will, weiß ich, wo genau ich gucken muss. Wenn ich einen Text nicht nur in Bezug auf mein eigenes Interesse, sondern darüber hinaus auch in seiner Grundargumentation genau dokumentieren will, schreibe ich ein Exposé. Dabei orientiere ich mich an den oben aufgeführten Strukturkategorien.

Nahezu alle meine Aufzeichnungen speichere ich digital und hefte sie darüber hinaus als analoge Ausdrucke in einem Ordner ab. Denn obwohl ich viel digital mache, bin ich ein eher haptischer Mensch. Tatsächlich kann ich auch auf Papier gedruckte Texte immer noch besser lesen als digitale.

Schritt 2: Verzetteln

Als nächstes werden die Notizen in Zettlr „verzettelt“, d.h. dass ich jeden relevanten Gedanken aus seinem ursprünglichem Textzusammenhang herauslöse und für jeden in eigenen Worten eine Einzelnotiz schreibe.6 Um die Notizen zu sammeln und zu organisieren, habe ich mir in Zettlr einen Zettelkasten angelegt.

Dort lassen sich die einzelnen Notizen auch verschlagworten und über IDs individuell miteinander verknüpfen. Auf diese Weise entsteht ein großes, sich stets erweiterndes und dynamisch aufeinander beziehendes Netz an Informationen. In meinem Zettelkasten sammele ich nicht nur meine Literaturnotizen, sondern grundsätzlich alle interessanten Gedanken, Ideen und Überlegungen. Der Einfachheit halber habe ich mir eine Zettel-Vorlage gebaut7 auf der jede Notiz beruht (siehe Abb. 2).

Zettelvorlage für Notizen.

Abb. 2: Zettelvorlage für Notizen.

Schritt 3: Pflegen der Zotero-Datenbank

Literatur sammele ich in Zotero – meistens schon im Rahmen der Recherche. Zunächst sortiere ich alle Einträge einem Projekt- und darin einem bestimmten thematischen Unterordner zu. Sobald ein Text für den weiteren Arbeitsverlauf relevant wird, schaue ich, dass der Eintrag einheitlich und vollständig ist. Wie gesagt, ist das die Voraussetzung dafür, dass auch die späteren Verweise im Text korrekt sind.

Anschließend versehe ich jeden Zotero-Eintrag mit Hashtags, die den jeweiligen Bearbeitungsstatus anzeigen und in Form eines farbigen Kästchens auch in den Einträgen auftauchen (siehe Abb. 3).

Farben Bearbeitungsstatus

Abb. 3: Farben zeigen in Zotero den jeweiligen Bearbeitungsstatus.

HASHTAG BEDEUTUNG
#liegt vor Der Text liegt in analoger oder digitaler Form zum Lesen bereit
#gelesen Ich habe den Text gelesen und durch Markierungen erschlossen
#exzerpiert Ich habe alles relevante aus dem Text herausgeschrieben
#verzettelt Ich habe mein Exzerpt in Zettl „verzettelt“
#eingepflegt Inhalte/Bezüge auf den Text finden sich in meinem Fließtext

Tab. 2: Bedeutung des jeweiligen Bearbeitungsstatus.

Im besten Falle habe ich einen Text dann also gelesen, alle für mich wichtigen Dinge herausgeschrieben und daraus verschlagwortete Einzelnotizen generiert. Zusätzlich habe ich in Zotero den Überblick darüber, welcher Text in welchem Stadium der Bearbeitung ist. Wofür ich bislang noch keine wirklich praktische Lösung gefunden habe: Meine Zettel übersichtlich und trotzdem flexibel in einen Fließtext zu übersetzen.

Fließtext: Theorie und Praxis

In Bezug auf Zettelkästen wird üblicherweise empfohlen, Gedanken und Argumente „inside the box“8, also entlang der bestehenden Zettel zu entwickeln. Indem immer mehr einzelne Zettel inhaltlich miteinander in Beziehung gesetzt werden, entsteht ein wachsendes Netzwerk an Informationen: Gewissermaßen ein großer, auf der Verknüpfung von Einzelgedanken basierender , Gedankenkomplex.

Soll aus diesem netzartigen Wissensspeicher nun ein linearer Fließtext zu einem bestimmten Aspekt entstehen, wird zunächst eine passende Gliederung entworfen. Anschließend werden alle für den Text relevanten Zettel identifiziert und entlang der Gliederung in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht. Zum Schluss sind die Gedanken auf den einzelnen Zetteln dann nur noch durch kurze Übergangstexte miteinander zu verbinden und fertig ist der Fließtext. Soviel zur Theorie.

In der Praxis fehlt mir bislang noch die Übung, meine Texte auf diese Weise „inside the box“ zu entwickeln und zu schreiben. In Sachen Fließtextproduktion fühle ich mich gerade in Microsoft Word noch immer am wohlsten. Ich benutze die Anwendung schon lange und habe mich einfach an die klar umgrenzen Seiten und hübsch vorformatierten Texte gewöhnt. Am Ende des Tages habe ich dann auch einen besseren Eindruck davon, was ich geschafft habe.

Außerdem ist es in der Geschichtswissenschaft üblich, Referenzen in Fußnoten anzugeben. Und das bekomme ich mit meinen Zotero-Kurzbefehlen in Word immer noch einfacher hin, als in Markdown. Hier empfinde ich das Setzen von Fußnoten als sehr umständlich. Hinzu kommt, dass ich als Historiker neben wissenschaftlichen Texten ja auch mit historischen Primärquellen, also z.B. Zeitungsartikeln aus den 1950er Jahren, arbeite. Ob, und wenn ja, wie ich die in meinen Zettelkasten mitberücksichtigen kann bzw. möchte, weiß ich noch nicht.

Cowabunga!

Ganz ausgefeilt ist mein Konzept also nicht nicht. Ob es das jemals sein wird? Mal gucken. Ob ich bei der jetzigen Methode bleibe? Vermutlich nicht. Solange meine Inhalte nicht verloren gehen, ist alles in Ordnung. Vielleicht werden sie im Laufe des Prozesses unterschiedlich entstehen oder verschiedene Formate durchlaufen. Das ist okay. Letztlich habe ich Lust und finde es wichtig, meine Arbeitsmethoden – und damit die Art und Weise, wie ich Wissen produziere – fortlaufend zu reflektieren und neues auszuprobieren. In diesem Sinne: Cowabunga!

 


Endnoten

1 Zotero wurde am Roy Rosenzweig Centre for History and New Media an der George Mason University entwickelt. Von dort stammen auch andere tolle Tools wie Tropy, mit dem sich historisches Quellenmaterial organisieren und individuell erschließen lässt; sowie Omeka, eine Software zum Erstellen von Onlinearchiven. Auf Omeka läuft auch das coronarchiv, ein Projekt zum Sammeln von Erlebnissen und Eindrücken zur Corona-Pandemie. Tragt doch gerne etwas dazu bei!
2 Selbst beim nicht-wissenschaftlichen Lesen habe ich zumindest immer einen Stift griffbereit, falls ich z.B. ein gutes Zitat oder einen spannenden Gedanken finde.
Ein ganz ähnliches System schlagen auch Thieme und Weiß vor: Thieme/Weiß 2020, S. 44–47.
4 Das Thema wissenschaftliches Lesen ist vielschichtig und wäre mindestens einen eigenen Beitrag wert. Zum Glück haben andere Menschen aber schon sehr viel nützliches darüber geschrieben. Hilfreich finde ich z. B. Otto Kruse: Lesen und Schreiben. Der richtige Umgang mit Texten im Studium. Konstanz 2010, sowie Sarah Thieme/Jana Weiß: Lesen im Geschichtsstudium. Opladen/Toronto 2020.
5 Dafür macht es Sinn, sich zuvor über den jeweiligen Anlass des Lesens klar zu sein: Lese ich den Text z.B., um seine Gesamtargumentation im Seminar zu besprechen oder weil ich eine ganz bestimmte Information für meine Hausarbeit brauche? Siehe hierzu auch Thieme/Weiß (2020), S. 19 f.
Siehe Söhnke Arendts: Das Zettelkasten-Prinzip: Erfolgreich wissenschaftlich Schreiben und Studieren mit effektiven Notizen. Norderstedt 2017, S. 83–98. Das wesentlich an die Arbeitsmethode Niklas Luhmanns angelehnte „Zettelkasten-Prinzip“ finde ich in Sachen „effektive wissenschaftliche Notizen“ insgesamt sehr inspirierend.
Dabei habe ich mich wiederum an Ahrend (2017) orientiert.
8 Ahrend (2017), S. 115.

Über den Autor:

Benjamin Roers hat Geschichte und Philosophie an der Universität Hamburg studiert und war dort u. a. als studentische Hilfskraft im Arbeitsfeld Public History aktiv. Seit April 2019 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) der Justus-Liebig-Universität Gießen. Die meisten Notizen sammelt er für seine Dissertation zu Mensch-Tier-Beziehungen im Zirkus im 20. Jahrhundert.


CC BY 4.0
Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: Geschichte und Gegenwart meiner Notizen (Gastbeitrag von Benjamin Roers) #Notizschreibwochen2020“ von Benjamin Roers, Lizenz: CC BY 4.0. Der Beitrag steht als Markdown-, DOCX- und PDF-Datei zur Verfügung.
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