„No limits“ für digitale Wissenschaft und Kultur? – Nachbericht zum stARTcamp Hamburg meets HOOU

So muss die Ruhe vor dem Sturm aussehen: früh morgens könnte man auf dem Campus Finkenau eine Stecknadel fallen hören. Keine Menschenseele weit und breit. Ruhe. Nur ein Vogel tummelt sich auf dem saftigen Grün der Campusanlage. Nichts, aber wirklich gar nichts lässt vermuten, dass hier gleich mehr als 100 Vertreter_innen aus Bildung, Kultur und Wissenschaft zusammenkommen, um sich auszutauschen und zu diskutieren. Über Digitalsierung. Änderungen von Lebensgewohnheiten. Herausforderungen und Chancen von Lehre und Lernen.

Inspirational Keynote

Wenige Meter vom Altbau der Hochschule entfernt liegt das Forum Finkenau. Der Veranstaltungssaal im modernen Glastrakt der Hochschule. Prof. Dr. Martin Zierold hält hier die Inspirational Keynote zur Eröffnung des stARTcamp meets HOOU 2019. Blaues Licht ziert die Wände und Vorhänge rund um die Bühne. Blau. Eine Farbe die Besonnenheit, Objektivität, Neutralität und Klarheit repräsentiert – eine Farbe die Vertrauen einflößt und ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. „We are totally fucked, aren’t we?“ schallt es kurze Zeit später durch den gut besuchten Veranstaltungsraum. Gespannte Blicke wandern Richtung Bühne, wo Zierold gerade den „depressiven Teil“ seiner Keynote abschließt. Er thematisiert die Krise, in der sich Kultur und Wissenschaft aktuell befänden und führt u.a. Michael Goves Aussage aus dem Jahr 2016 an: „I think people […] have had enough of experts„. Doch wer, wenn nicht Experten, soll Antworten auf die zahlreichen Herausforderungen unserer Gesellschaft finden, so Zierold weiter. Man könne sich auch die Frage stellen, welchen Anteil Wissenschaft und Kultur an gegenwärtigen Gesellschaftskrisen haben und was Jede und Jeder von uns zur Krisenbewältigung beitragen könnte. Ist die Digitalisierung vielleicht Teil des Problems oder Teil der Lösung? Sicher könne man sich auf jeden Fall sein, das kein Bereich alleine die anstehenden Herausforderungen lösen kann.

„No limits?!“ – zahlreiche Sessions zum digitalen in Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft

Und so widmeten sich der Frage – wie der noch lange nicht abgeschlossene digitale Wandel u.a. in Bildungs- und Kultureinrichtungen zielfördernd umgesetzt werden kann – neben Martin Zierold auch die zahlreichen Angebote der Veranstaltung stARTcamp meets HOOU 2019. Bei der Mischform aus Konferenz und Barcamp wurden unter dem Motto „No limits?! – Wissenschaft und Kultur für allealleine mehr als 20 Sessions angeboten.

Sessionplan stARTcamp meets HOOU 2019

Das Programm des stARTcamps wurde durch Themenvorschläge aus dem Publikum mitgestaltet.

Zu den Themen gehörten neben Podcasts in der Wissenschaft u.a. virtuelle Realität in Kultureinrichtungen und Lehre, ethische Fragen zur Digitalisierung sowie die Kommunikation mit Zielgruppen von Bildungseinrichtungen. Für Teilnehmer_innen gab es somit zahlreiche Optionen zur individuellen Gestaltung des Veranstaltungstages. Auf den Fluren und in den Sessions fand ein reger Austausch statt. Anhänger_innen von unterschiedlichen Offenheitsbewegungen und Projektmacher_innen erlaubten Einblicke in das Thema Offenheit im Kontext ihrer Aktivitäten und so konnten Interessierte sich viele Anregungen und Ideen für Offenheit und Digitalisierung im Kontext von Wissenschaft, Kultur, Bildung sowie Lehre und das Lernen mitnehmen. Einiges ist in der folgenden Liste festgehalten. Es lohnt sich aber auf jeden Fall auch den Hashtag #schh19 für weitere Informationen durchzusehen:

1. Podcasts ausprobieren

Christian Friedrich und Matthias Stier gaben Anfängern und Fortgeschrittenen in der Session „Macht mehr Podcasts“ viele nützliche Tipps und Tricks. So hörte ich u.a. das erste Mal von der Podcast-Online-Community Sendegate (im Grunde ein Forum, in dem in Sub-Threads zu verschiedenen Aspekten von Podcasting Austausch statt findet) und auch viele der empfohlenen Podcasts kannte ich bisher nicht. Zudem konnte man direkt vor Ort erste Erfahrungen mit potentiellem Podcast-Equipment sammeln. Die komplette Präsentation lässt sich hier downloaden. Besonders interessant war auch der Austausch zwischen Publikum und Podcast-Experten zu möglichen Podcastkonzepten. Für mich scheinen Podcasts für bestimmte Lerntypen auf jeden Fall das Potential zu haben, Inhalte verständlicher zu vermitteln.

Christian Friedrich und Matthias Stier gaben zahlreiche Tipps, die angehende Podcaster_innen beachten sollten.

2. Virtual Reality in Kultureinrichtungen

Auf den Fluren des stARTcamps gab es die Möglichkeit, in die virtuelle Realität abzutauchen. Das HOOU-Projekt „Orgel VR“ der Hochschule für Musik und Theater (HfMT Hamburg) ermöglichte Besucher_innen das Bauen ihrer eigenen virtuellen Orgel. Dabei konnte ich nach Aufsetzen der Brille zwischen zwei unterschiedlichen, virtuellen Bauumgebungen wählen. Statt einer alten Kathedrale entschied ich mich für eine eher futuristische Szenerie. Nach einer kurzen Akklimatisierung (es ist schon ungewohnt am virtuellen Körper runterzuschauen und die eigenen virtuellen Hände zu sehen) ging es auch schon los. In einem virtuellen Werkzeugkasten gab es neben fertigen Sets unterschiedliche Materialien, Farben und Formen, um die eigene Kreativität im Orgelbau auszuleben. Ich denke, durch die Immersion könnten sich auch abstraktere Konzepte der Wissenschaft besser vermitteln lassen. Hochschulen könnten ihre Entwicklung historisch nacherlebbar gestalten und Bibliotheken ihre Medieninhalte um immersive Inhalte erweitern. Die offene Frage ist, wie viel Aufwand die Produktion von VR-Inhalten in der Realität wirklich erfordert.

3. Social Media in Bildungseinrichtungen – nicht das Nadelöhr sein, Schätze zugänglich machen

Markus Trapp gab Einblicke in die digitale Strategie und Öffentlichkeitsarbeit der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg (SUB). Thematisiert wurde u.a. die verständliche Angst vor Kritik, die sich mit öffentlichen Auftritten in sozialen Medien automatisch erhöht. Viel schlimmer sei es aber, wenn als Kultureinrichtung gar keine Reaktionsmöglichkeit auf Kritik vorhanden sei. Wichtig sei bei der Betreibung von Social-Media-Kanälen in öffentlichen Einrichtungen zudem, dass nicht eine Person als allein entscheidendes Nadelöhr fungiert. Wenn mehrere Kollegen_innen Inhalte beitragen, lässt sich eine breitere, spannendere Bandbreite an internen Schätzen mit der Öffentlichkeit teilen. Die Motivation dafür ist gerade beim Aufbau von Social-Media-Angeboten nicht einfach, da mitunter die Überzeugung fehlt. Markus Trapp versucht diese Herausforderung mit der Weitergabe von Erfolgserlebnissen („Was für tolle Bestände“, „Hast du auf Twitter gesehen…“, „Habe sie auf Twitter gefunden und mich gleich angemeldet“) an die jeweiligen Kollegen_innen zu umgehen. Interessant fand ich neben der Hervorhebung von Social-Media-Kanälen als durchaus geeignetem Bestandteil von Informationsrecherchestrategien die Problematik der knappen Zeitressourcen. Obwohl soziale Medien mittlerweile kaum aus der PR- und Öffentlichkeitsarbeit öffentlicher Einrichtungen wegzudenken sind (u.a. wichtiger Bestandteil in der Abfederung der rückgängigen Reichweite von Pressemeldungen, der allgemeinen Sichtbarmachung der Einrichtungsarbeit sowie Erweiterung der Nutzer_innenarbeit – gerade Ehemalige rufe man sich so wieder ins Gedächtnis), fehlt nicht selten nach wie vor eine Stelle mit ausreichend Kapazität zur adäquaten Betreuung aller Aktivitäten. Die Frage für mich persönlich ist, welche Kanäle für Leser_innen der tub. interessant wären? Wo könnten oder sollten wir die Nutzer_innen über Twitter hinaus „abholen“?

Session Digitalstrategie SUB

Markus Trapp berichtet von der Digitalstrategie der SUB.

4. Was können Open Access und OER voneinander lernen?

Der von Gabi Fahrenkrog und Katharina Schulz angebotene offene Austausch hat besonders eins verdeutlicht: So klar die Begrifflichkeit Openness für die jeweiligen Diskursteilnehmer_innen eigentlich ist, so unklar wird es, wenn Unterstützer_innen verschiedener Offenheitsbewegungen zusammenkommen. Es gibt unterschiedliche Ansätze und Ziele, es gibt aber natürlich auch potentielle Synergien. So könnten OER und Open Access sich gegenseitig unterstützen. Gleichzeitig spricht nichts dagegen, dass die jeweiligen Communities darüber hinaus in unterschiedliche Richtungen wandern. Besonders schwierig sei es überhaupt Einführungstexte zu finden. Sowohl OER als auch Open Access sind davon tangiert. Das Problem der Repositorien (Silocharakter) besteht nach wie vor, während auf jeden Fall Einigkeit darin herrscht, dass Offenheit bereits Bestandteil der Wissenschaft und dem Erlernen ihrer Prozesse sein sollte. Hinsichtlich dem weiteren Diskurs zu den grundsätzlichen Herausforderungen (wie bringt man u.a. alle Offenheitsbewegungen an einen Tisch?) freue ich mich auf einen weiteren Austausch zu diesen Themen auf kommenden Veranstaltungen wie den Open-Access-Tagen 2019 in Hannover.

Ausschnitt zur Mitschrift der Session zu Offenheit, Open Access und OER.

5. Sessions und Veranstaltungen grafisch begleiten – Nachhaltigkeit durch Spaß?

Die einzelnen Sessions und Inputs des stARTcamps wurden visuell dokumentiert (Graphical Recording). Zum einen professionell von zeichnerisch begabten Kollegen_innen, zum anderen aber auch von den jeweiligen Besucher_innen der einzelnen Sessions. Inhalte wurden so durch eine Kombination von Zeichnungen und Texten in meinen Augen in gut nachvollziehbare und verständliche Bildsprache übertragen. Für mich deuten sich hier viele Möglichkeiten an. In eher trockene Protokolle kann so mehr Leichtigkeit und Anschaulichkeit gebracht werden. Ich habe mich beim stARTcamp so beispielsweise durchaus öfter dabei erwischt, gerade bei nicht besuchten Sessions an den ausgestellten visualisierten Protokollen zu verweilen. Einige Inhalte werden so sicherlich stark vereinfacht. Generell machte dieses „Experiment“ auf mich aber durchaus den Eindruck, dass Aussagen gezielter auf den Punkt gebracht werden. Komplette Texte lassen sich so oftmals wohl nicht ersetzen, aber in dieser ergänzenden Form fiel mir der Einstieg in „fremde“ Themen sehr leicht und vieles bleibt durch visuelle Anker besser haften. Vorstellen kann ich mir das Weiternutzen dieses Konzeptes gerade bei langen Konferenzen, Veranstaltungen und Tagungen.

Weitere Fragen zum stARTcamp meets HOOU 2019 oder Ergänzungen zum Thema? Wir freuen uns über einen Austausch.

CC BY 4.0
Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: „No limits“ für digitale Wissenschaft und Kultur? – Nachbericht vom stARTcamp Hamburg meets HOOU (2019)“ von Florian Hagen (tub.), Lizenz: CC BY 4.0.
Puzzleteile

Horizon Report 19 – Trends und Herausforderungen für die Hochschullehre

EDUCAUSE – eine gemeinnützige amerikanische Vereinigung, welche die Förderung von Hochschulbildung unter Einsatz von Informationstechnologie als Mission verfolgt – hat den Horizon Report 2019 veröffentlicht. In diesem geht es um Zukunftsprognosen hinsichtlich Trends, Herausforderungen und technologischen Entwicklungen mit Auswirkungen auf das  Hochschulwesen. 

Deckblatt des Horizon Report 2019.

Der Horizon Report 2019 widmet sich den Entwicklungen der (digitalen) Hochschullehre
Quelle: https://library.educause.edu/resources/2019/4/2019-horizon-report Abruf: 2019-07-01).

Der Bericht ist in die Kapitel „Key Trends Accelerating Technology Adoption in Higher Education“, „Significant Challenges Impeding Technology Adoption in Higher Education“, „Important Developments in Educational Technology for Higher Education“ und „Fail or Scale“ gegliedert. Auf ausgewählte Aspekte der einzelnen Rubriken soll in diesem Blogpost auch im Hinblick auf die Lehrtätigkeiten der tub. eingegangen werden.

Einführung von EdTech – Key Trends Accelerating Technology Adoption in Higher Education

Die Einführung und Modernisierung der Hochschulbildung mit technologischen Hilfsmitteln ist in drei Unterkategorien – kurz- (1-2  Jahre), mittel- (3-5 Jahre)  und  langfrisitge (5 und mehr Jahre)  Auswirkungen bzw. Trends geteilt.

Neuausrichtung von Lehre und Lernen

Als kurzfristiger Trend wird neben „Blended Learning Designs“ die Neugestaltung von Lernräumen aufgegriffen. Bei dieser Entwicklung geht es um die Gestaltung von Räumlichkeiten wie universitären Seminarräumen, Bibliotheken und Gruppenlernräumen, in denen gemeinschaftliches Lernen stattfindet, um aktives Lernen und kollaborative Arbeit zu ermöglichen. Dabei gilt das Einbeziehen der Interessengruppen sowie das Überdenken pädagogischer Ansätze als relevant. Dieser kurzfristige Trend könnte dazu führen, dass zukünftig auch virtuelle Lernräume zum Trendthema werden. Vor allem mit Überlegungen zu Blended-Learning-Ansätzen und virtuellen Lernräumen haben wir uns im Rahmen des Projektes „Wissenschaftliches Arbeiten öffnen“ auseinandergesetzt. Letzteres bietet viele Potentiale (u.a. situiertes Lernen trotz fehlender physischer Präsenz), wartet aber auch mit zahlreichen Herausforderungen für Lehrende und Lernende auf (neben Ressourcen ist die Umsetzung bzw. Nutzung auch abhängig von technischen Kompetenzen). Unsere Eindrücke zu diesem Thema können auch nachgelesen werden (Pdf).

Förderung von Innovationskulturen und zunehmende Lernerfolgsmessung

Als mittelfristige Trends werden die „Förderung von Innovationskulturen“ und „Zunehmender Fokus auf die Messung des Lernens“ aufgeführt. So soll für die Lernenden eine Innovationskultur geschaffen und etabliert werden, die diese besser auf den Arbeitsplatz vorbereitet indem Fähigkeiten abseits der konventionellen Fachkenntnisse erlernt werden. In diesem Zusammenhang werden Venture Labs, Inkubatoren sowie andere Geschäftspartnerschaften aufgelistet, die die Zusammenarbeit mit der Industrie fördern und den Studierenden über das traditionelle Studium hinaus die Möglichkeit zum Erlernen praxisrelevanter Inhalte ermöglichen. Grundsätzlich habe die Messung des studentischen Lernerfolgs in den vergangenen Jahren durch Integration digitaler Lernplattformen eine starke Entwicklung genommen. An der TUHH findet die regelmäßige Evaluierung der angebotenen Lehrveranstaltungen über das Onlineverfahren checkING statt. Studierende erhalten neben dem freiwilligen Feedbackverfahren der TU zudem im Rahmen unserer Angebote zum wissenschaftlichen Arbeiten die Möglichkeit sowohl über Backchannels wie Etherpad anonym oder im Rahmen von strukturierten Blitzlichtern (Studierende geben kurze Rückmeldungen zu Statements, die nicht kommentiert oder diskutiert werden) Feedback zu geben. Eine weitere Methode, die bei uns eingesetzt wird, ist die Zwei-Minuten-Frage. Hier werden je nach Einschätzung der Dozierenden Karteikarten an die Studierenden verteilt (und später wieder eingesammelt), auf denen diese Gelerntes und offene Fragen bzw. Unklarheiten notieren können. Für die folgenden Sitzungstermine ist somit bei Bedarf eine flexible Anpassung der Seminarinhalte an die Bedürfnisse der Studierenden möglich.  

Zwei-Minuten-Frage

Bei der „Zwei-Minuten-Frage“ können Studierende Selbstkontrolle vornehmen und den weiteren Seminarverlauf ggf. mitgestalten.

Herausforderungen für die Hochschulbildung

Der Horizon-Report listet eine Reihe von als „significant“ eingestuften Herausforderungen auf, die für die Hochschulbildung bestehen. Eingeteilt sind diese in lösbare (solvable), schwierige (difficult) und „boshafte“ (wicked) Herausforderungen. Lösbare Herausforderungen gelten als gut durchdrungende Herausforderungen, für die bereits Lösungswege existieren. Für als schwierig eingestufte Herausforderungen sind Lösungsansätze noch schwer zu fassen, während „boshafte“ Herausforderungen bereits hinsichtlich Definition aufgrund ihrer Komplexität schwer zu definieren sind. Zusätzliche Informationen und Untersuchungen sind daher nötig.

Verbesserung digitaler Kompetenzen

Als eine lösbare Herausforderung der Hochschulbildung wird die Verbesserung digitaler Kompetenzen (“Digital Fluency”) genannt. Dies bezieht sich auf die Fähigkeit, digitale Tools und Plattformen für die Kommunikation, das Design, die Entscheidungsfindung und die Problemlösung zu nutzen. Sich darauf zu beschränken, grundlegende Kenntnisse über den Zugang zu und die Bewertung von Informationen zu vermitteln, reicht nicht mehr aus. Lernende müssen neue Fähigkeiten erwerben, um sich sinnvoll mit neuen Tools auseinanderzusetzen und die digitale Umgebung vollständig verstehen zu können. Im Rahmen des wissenschaftlichen Arbeitens bedeutet dies für uns, das wir gemeinsam mit den Studierenden Anwendungen kennenlernen und ausprobieren. Neben der eigentlichen Auseinandersetzung mit den jeweiligen Funktionen werden dabei auch ethische und datenschutzrechtliche Aspekte thematisiert (bspw. Vor- und Nachteile von Open Source-Anwendungen und kommerziellen Softwarelösungen, Was genau passiert mit meinen Daten, etc.) sowie individuellen Empfindungen bei der Nutzung reflektiert.

OER zur Schließung von Leistungslücken 

Eine schwierige Herausforderung ist das Schließen bestehender Leistungslücken (Achievement Gaps) in der Hochschulbildung. Ein Aspekt, der den Erfolg von Studierenden negativ beeinflussen kann und somit zur Entstehung von Leistungslücken beiträgt, seien dabei die Kosten für Lernmaterialien. Hier können kostenfreie Open Educational Resources (OER) – die fortschreitend ausgereifter werden – eine wichtige Rolle einnehmen. In Hamburg werden OER-Materialien u.a. durch das Innovationsprojekt Hamburg Open Online University (HOOU) seit einigen Jahren verstärkt gefördert. Die tub hat im Rahmen der HOOU bereits mit dem seminarbegleitenden Blog zum wissenschaftlichen Arbeiten und dem Projekt Wissenschaftliches Arbeiten öffnen OER-Material konzipiert und bereitgestellt. Über das Projekt tubtorials wird sich die tub zukünftig weiterhin am kollektiven Lernprozess der OER-Community beteiligen und neben der Konzeption und Erstellung offener Lernmaterialien dazu beitragen mehr über Chancen und Potentiale – was funktioniert bspw. mit OER und was nicht – herauszufinden. 

Überdenken der Lehrpraxis

Als derzeit größte Herausforderung gilt u.a. das Überdenken der Lehrpraxis („Rethinking the Practice of Teaching“). Studentenzentrierte Ansätze gewinnen an Bedeutung, Lehrmethoden entwickeln sich und somit muss auch die Rolle von Dozent_innen neu gedacht werden, die immer mehr die Funktionen von Moderator_innen und Kurator_innen einnehmen. Damit Lehrangebote evaluiert und darauf aufbauend die Potentiale digitaler Anwendungen effizient zur Unterstützung der Lehrinhalte genutzt werden können, sind Zugänge zu nachhaltiger Unterstützung, Tools und Ressourcen nötig.  Fehlt der Support, so sind Lehrende komplett auf sich alleine gestellt.

Wichtige Entwicklungen im Bildungstechnologiesektor

Der Horizon-Bericht geht auch auf eine Reihe von Entwicklungen im Bereich der Bildungstechnologien ein. Den sechs aufgeführten Technologien wird jeweils einer von drei Zeithorizonten zugeordnet, der die zu erwartende Zeitspanne bis zu einer breiten Annahme im Bildungssektor repräsentiert:

Mobiles Lernen mit Laptop, Smartphone, Tablet und anderen tragbaren Geräten.

Lernen muss sich dank tragbarer Endgeräte nicht nur im Hörsaal abspielen. 
(Quelle: Photo by Marvin Meyer on Unsplash: https://unsplash.com/photos/SYTO3xs06fU Abruf: 2019-06-01).

  • Mobiles Lernen (Zeit bis zur Einführung ein Jahr oder weniger):
    Mobile Endgeräte werden immer leistungsfähiger und erschwinglicher, die Möglichkeiten für ansprechende, aktive und kollaborative Lernerfahrungen steigt kontinuierlich.
  • Mixed Reality (Zeit bis zur Einführung zwei bis drei Jahre):
    Als Mixed Reality (MR) wird die Vermischung der realen mit der virtuellen Welt bezeichnet. Während die Kosten für MR-Hardware stetig sinken und die Interaktivität großes Potential für Lernsituationen bietet, ist vor allem die derzeit noch bestehende Einschränkung vieler Anwendungen auf eine geringe Anzahl von Nutzer_innen hinderlich. Auch wenn die zukünftige Entwicklung des MR-Marktes sehr positiv eingeschätzt wird, so sollte auch darauf hingewiesen werden, dass Augmented und Mixed-Reality im Horizon Report 2019 aufgrund der bisher nicht erfüllten Erwartungen früherer Einschätzungen ebenfalls im Kapitel „Fail or Scale“ aufgeführt werden. 
  • Künstliche Intelligenz (Zeit bis zur Einführung zwei bis drei Jahre):
    Die Fortschritte in der KI-Entwicklung machen es möglich, dass Maschinen auf Basis von Algorithmen menschliches Handeln abschätzen und somit viele Tätigkeiten, in denen früher menschliche Einschätzungen und Entscheidungen erforderlich waren, automatisiert werden. Auch wenn hinsichtlich dem Einsatz von KI im Bildungssektor nach wie vor eine gewisse Skepsis vorhanden ist, so ist zunehmende KI-Einbeziehung im Bildungsbereich zu beobachten (bspw. Watson Tutor als Chatbot, der Lernaktivitäten unterstützt) und mit weiterem Wachstum zu rechnen. Dies sei letztlich darauf zurückzuführen, das verschiedene Industriezweige durch KI-Einsatz – bspw. Gesichtserkennung im Zahlungsverkehr oder bei Identitätskontrollen – einen Wettbewerbsvorteil erwarten und Studierende als Arbeitnehmer der Zukunft dementsprechend mehr Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit dieser technologischen Entwicklung inklusive aller Potentiale und Risiken benötigen.
  • Blockchain (Zeit bis zur Einführung vier bis fünf Jahre):
    Blockchain kann als dezentrales Netzwerk verstanden werden, in welchem Daten an einer Vielzahl von Orten transparent und unveränderlich abgelegt werden können. In der Hochschulbildung ist ein Einsatz zur permanenten Ablage formaler und inhaltlicher Lernprozesse von Individuen denkbar, die auch bei einem Einrichtungswechsel problemlos transferiert werden könnten (bspw. kann so die Mitnahme von Creditpoints, aber auch die Dokumentation bestimmter Kompetenzen und Fähigkeiten, die erworben wurden, gewährleistet werden).
  • Virtuelle Assistenten (Zeit bis zur Einführung vier bis fünf Jahre):
    In den vergangenen Jahren haben virtuelle Assistent_Innen u.a. in der Spracherkennung enorme Fortschritte gemacht. Dies sei auch einer der Gründe für das immer breitere Angebot und die zunehmende Akzeptanz – trotz anhaltender Diskussion rund um Privatsphäre und den „always listening„-Aspekt – von Sprachassistent_Innen wie Siri, Alexa, Bixby, Cortana oder Googles Sprachassistent in der Alltagsnutzung. Diese lassen sich mittlerweile u.a. mit Hilfe von Smartphones, Tablets, Computern aber auch Smart Speakern und Smart TVs nutzen. Im Hochschulbereich können virtuellen Assistent_Innen bereits Basisdienstleistungen übernehmen. So erhalten Studierende an der argentinischen Siglo 21-Universität über den Chatbot AgentBot einen 24-Stunden-Infoservice und an diversen US-Universitäten werden Amazon-Echo-Dots als Informationsservice in Pilotprojekten eingesetzt. Zukünftig ist ein Einsatz virtueller Assistent_Innen in Lernszenarien wie dem Tutoring, Schreiben und Editieren denkbar. Auch individualisierbare, auf Dialogen basierende Lernsituationen sollen mit Hilfe von künstlicher Intelligenz angeboten werden können. 

Die aufgeführten Trends und Herausforderungen für Lehrende, die u.a. von Grund auf technikaffin oder regelmäßig auf Veranstaltungen wie der Campus Innovation unterwegs sind, bieten nicht überraschend viel Neues. Dennoch ist der Horizon Report 2019 lesenswert. Er bietet eine gute Übersicht zum aktuellen Stand der Digitalisierung der Lehre und den damit verbundenen Trends und Herausforderungen. Neu hinzugekommen ist zudem die Rubrik „Fail or Scale“, in der die kritische Reflexion und Überprüfung eigener Aussagen aus vergangenen Berichten erfolgt und ausgewählte Experten sich an einer Begründung der jeweiligen Entwicklung versuchen.

Weitere Informationen

CC BY 4.0
Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: Horizon Report 2019 – Trends und Herausforderungen für die Hochschullehre“ von Florian Hagen (tub.), Lizenz: CC BY 4.0.
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