„Wissenschaftliches Arbeiten“ oder „Wissenschaftliches Schreiben“?

Ein toller Vorteil von offen lizenzierten Inhalten ist, dass beispielsweise Texte und Materialien, die für andere Medien geschrieben oder erstellt wurden, auch selbst veröffentlicht und frei weitergenutzt werden können. Im Folgenden wird der Text „Wissenschaftliches Arbeiten“ oder „Wissenschaftliches Schreiben“? von Thomas Hapke, der unter CC BY 4.0 auf Insights am 15. Juni 2020 veröffentlicht wurde, zusätzlich in einem offenen Format (Markdown) angeboten (siehe Lizenzhinweis am Textende). Zudem soll an dieser Stelle ergänzend auf die aktuellen themenverwandten Beiträge Wissenschaft(lichkeit)skompetenz als Metakompetenz und Multiepistemische Sichten (auf Wissenschaft, auf …) im Hapke-Blog hingewiesen werden.


Nachdenkliches zum Gebrauch von zwei Begriffen

Manchmal fällt es einem auf: Lehrveranstaltungen und Veröffentlichungen, die sich mit Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens und Schreibens beschäftigen, nennen sich immer wieder unterschiedlich. Viele – auch an der TUHH – sprechen eher vom „Wissenschaftlichen Schreiben“, so etwa der Titel der jährlich im Frühjahr an der TUHH federführend von der zentralen Studienberatung organisierten „Kleinen Nacht des wissenschaftlichen Schreibens an der TUHH“, die ja auch von der TUHH-Bibliothek (tub.) mit organisiert wird.

Die TUHH-Bibliothek (tub.) nennt das von ihr organisierte und durchgeführte Bachelor-Seminar im Rahmen des Nicht-Technischen Angebotes der TUHH (NTA) aber „Wissenschaftliches Arbeiten“. Dieses wird von einem Blog als eine Art Schaufenster begleitet, damit Seminar-Inhalte auch von Dritten (insbesondere Studierenden, die keinen Seminarplatz erhalten haben) genutzt werden können.1

Und versucht man dann noch den Begriff „Wissenschaftliches Arbeiten“ ins Englische zu übersetzen, wird man endgültig zum Nachdenken angeregt. Schließlich sind es zahlreiche Aspekte, die Bestandteil des Lifecycles Wissenschaftlicher Kommunikation sind.

Die These dieses Essays ist es, dass solche Benennungen zum wissenschaftlichen Arbeiten mit verschiedenen Sichten auf Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit, mit der schwierigen Übersetzung des Begriffs „Wissenschaft“ ins Englische sowie mit dem Kontext und dem institutionellen Hintergrund der diese Begriffe nutzenden Menschen zu tun haben können.

Papierball

Was unterscheidet die Begriffe „Wissenschaftliches Arbeiten“ und „Wissenschaftliches Schreiben“?

Der Unterschied ist wie so oft eine Frage der Sicht.

  • Aus Bibliothekssicht umfasst der Begriff „Wissenschaftliches Schreiben“ zu wenig, da die Potentiale von Bibliotheken allgemein tendenziell eher beim Umgang mit Fachinformation, mit Literaturverwaltung und bei der Publikationsberatung liegen und das eigentliche Schreiben eher am Rande vorkommt. Allerdings gehört Schreiben beim Forschen ja eigentlich von Anfang an dazu, sei es beim Festhalten von Recherchiertem oder Gelesenem, sei es beim Formulieren eines Exposés für wissenschaftliche (Schreib-)Projekte.
  • Aus Sicht von Studierenden und Forschenden fehlen beim Begriff „Wissenschaftliches Arbeiten“, so wie wir ihn in der tub. benutzen, aber oft die Herausforderungen „wirklichen“ Arbeitens, etwa Fragen wissenschaftlicher Methodik, das Experimentieren selbst, deren Dokumentation und das Laborbuch, statistische Auswertungen und vieles mehr.
  • Der Begriff „Wissenschaftliches Schreiben“ wird natürlich auch von Schreibdidaktiker_Innen und Schreibberatenden verwendet, da hier das Schreiben selbst als Schlüsselkompetenz für ein erfolgreiches Studium im Fokus steht. An der TUHH leistet z. B. die Studienberatung für unterschiedliche Zielgruppen wie Studierende und Lehrende, eine Schreibberatung. Es gibt sogar eine Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung, die ein Positionspapier zur „Schreibkompetenz im Studium” publiziert hat.2

Andrea Klein – Autorin des Buches „Wissenschaftliche Arbeiten schreiben“ (2017, verfügbar in der Lehrbuchsammlung der tub. unter WHN-327) – hat sich in ihrem Blog ebenfalls weiter mit dem Unterschied auseinandergesetzt. Für sie werden bei der Benennung „Wissenschaftliches Schreiben“ in solchen Veranstaltungen „[d]iejenigen Phasen im Schreibprozess, die nicht direkt mit der Textproduktion zu tun haben (also etwa das Erarbeiten der Fragestellung oder die Literaturrecherche),[…] dem Schreiben untergeordnet […]“, während unter der Benennung „Wissenschaftliches Arbeiten“ mehr Inhalte behandelt werden und eine stärkere Verankerung in der jeweiligen Disziplin zu beobachten ist.

Die Herausforderung der Übersetzung

Versucht man nun den Begriff „Wissenschaftliches Arbeiten“ ins Englische zu übersetzen und dann entsprechend Lehrveranstaltungen im englischsprachigen Raum zu finden, fällt einem das typisch Deutsche dieses Begriffes auf.

Der Modul-Katalog des NTA-Angebotes zum Bachelor-Seminar „Wissenschaftliches Arbeiten“ übersetzt dieses dann auch mit „Academic Research and Writing“. Andere Übersetzungen wie etwa „academic work“, „scientific work“ oder „scholarly work“ sind im englischen Sprachbereich kaum für diesen Themenbereich üblich. Englischsprachige Lehrveranstaltungen, die man dem deutschen Gebrauch des „Wissenschaftlichen Arbeitens“ zuordnen könnte, tragen bspw. Titel wie „Research Methods“.

„Science“ meint im englischen Sprachbereich eher Naturwissenschaft, also „physical sciences“. Der deutsche Begriff „Wissenschaft“ wird hingegen viel weiter gefasst verwendet. In einer geschichtlichen Betrachtung des Wissenschaftsbegriffes3 heisst es:

Diese Offenheit des Wissenschaftsbegriffs manifestiert sich auf Wortniveau in der notorischen Unübersetzbarkeit des Begriffs selbst; […].

Aber auch im Deutschen umfasst ein Begriff wie „wissenschaftliche Forschung“ eher eine Sicht auf Wissenschaft aus naturwissenschaftlicher Perspektive, wird doch unter DER „wissenschaftlichen Methode“ oft eine eher naturwissenschaftliche Methodik angenommen, die ja als Teil sogenannter „harter“ Wissenschaft auch oft als Vorbild in den Human- und Sozialwissenschaften gilt.

Beim Thema „Wissenschaftliches Arbeiten“ liegt im deutschen Sprachbereich der Schwerpunkt oft zu sehr im methodischen Bereich, bei Arbeits- und Studientechniken (Informations- und Literatursuche, Lesemethoden, Exzerpieren, wissenschaftliches Schreiben und Zitieren sowie Präsentation). Genauso wichtig erscheint es aber, bei diesem Thema auch die Frage nach dem Kern und der Entstehung wissenschaftlichen Wissens zu stellen. Üblich ist im Englischen im Sinne der letzten Deutung auch die Verwendung des Begriffes „scholarly communication“ als Kern wissenschaftlichen Arbeitens.

Auch auf metaphorischer Ebene ist der Begriff der „Übersetzung“ heutzutage wichtig im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Ist es doch heute wichtiger denn je, Ergebnisse der Wissenschaften, aber auch ein Verständnis dafür, wie Wissenschaften funktionieren, in Politik und Gesellschaft zu verankern.

Bei solchen Begriffen wie „Wissenschaftliches Arbeiten“ und „Wissenschaftliches Schreiben“ kommt eigentlich sofort die Frage auf, was das Arbeiten bzw. das Schreiben denn nun wissenschaftlich macht.

Wolf Wagner, u.a. Autor des Buches „Uni-Angst und Uni-Bluff heute. Wie studieren und sich nicht verlieren“,4 schreibt in einem – schon mehr als 20 Jahre alten – Aufsatz5, dass der Begriff „Wissenschaftliches Arbeiten“ als doppelte Drohung daherkomme. 😎 Vielleicht ist deshalb der Begriff auch typisch Deutsch und kommt als wörtliche Übersetzung im englischen Sprachbereich nur selten vor.

Das Wort „Arbeiten“ zeige, dass „es hier nicht um etwas Leichtes, Lustvolles, Spielerisches geht, sondern um Schweres, Anstrengung, Ernst.“ Dabei seien in den Wissenschaften aber durchaus Neugier, Kreativität, „Abenteuer- und Streitlust“ gefragt.

Noch schwieriger wird es beim Wort „wissenschaftlich“, denn „Unwissenschaftliches“ gehöre „angeblich nicht an die Hochschule“. All das hätte also mit „Niveau“ zu tun. “[I]rgendwie [solle man] besser als andere [sein], ohne daß jemals Klarheit bestünde, was genau erfüllt sein muß, um die Forderung zu erfüllen.”6

Um dieser doppelten „Bedrohung“ entgegenzuwirken, lohnt es sich also vielleicht doch, über Wissenschaftlichkeit nachzudenken. Aber wann gibt es im Rahmen eines Studiums eigentlich Zeit und Raum dafür, darüber nachzudenken, was Wissenschaft eigentlich ist, wie sie funktioniert, was ihre Kennzeichen sind, was Wissenschaftlichkeit genau bedeutet?

Dazu kommt, dass sich zur Zeit Konzepte und Werkzeuge der wissenschaftlichen Kommunikation verändern. Diese wandeln sich durch die Digitalisierung und sind optimalerweise von Offenheit geprägt. Diese Tendenz zu Themen wie Open Access und Open Science als aktuelle Herausforderung für die Wissenschaften betont auch Fragen von Wissenschaftlichkeit und die eigentliche Qualität von Wissenschaft.

Zudem kann Wissenschaft vielleicht auch als erlernbares „Handwerk“ angesehen werden. Was das Arbeiten und das Schreiben nun wissenschaftlich macht, darüber sollte man nachdenken. Vorher aber wäre sicher eine Reflexion sinnvoll, was genau nun Wissenschaftlichkeit bzw. Wissenschaft ist.

Sichten auf Wissenschaft(en)

Beim Nachdenken über Wissenschaft sollte man sich bewusst machen, dass es unterschiedliche Sichten auf Wissenschaft gibt, ja, dass man eigentlich im Plural von Wissenschaften mit ihren unterschiedlichen Disziplinen, Sichten, Paradigmen und Methoden sprechen muss.

Nachdenken über Wissenschaft impliziert auch ein Nachdenken über die angewandten Forschungsmethoden. Auch für Studierende und Forschende der Natur- und Ingenieurwissenschaften kann es interessant sein, sich Unterschiede zwischen quantitativer und qualitativer Forschung bewusst zu machen. Wissenschaft wird oft definiert als Naturwissenschaft und damit primär quantitativ. Aber auch in quantitativer Sicht gibt es verschiedene Methoden. Insbesondere in den Sozialwissenschaften unterscheidet man Forschungsmethoden quantitativer und qualitativer Art.

Je nach philosophischem bzw. erkenntnistheoretischen Hintergrund und damit je nach dem jeweiligen Verständnis von Wissenschaft unterscheidet man in den Sozialwissenschaften verschiedene qualitative Forschungsmethoden. Qualitative Sichten auf Wissenschaft können auch für primär quantitativ arbeitende Natur- und Ingenieurwissenschaftler*innen Perspektiven bieten, nicht nur die eigene Sicht auf Wissenschaft auf die Welt zu übertragen, sondern alternative Sichten zuzulassen.7

Schon der Unterschied, ob man von „Wissenschaft“ oder von „Wissenschaften“ spricht, kann auf Unterschiede in der Auffassung über Wissenschaft hinweisen. Sieht man Wissenschaft als systematisches, empirisch fundiertes Theoriengebäude oder als Kultur, System und/ oder Institution mit klaren Normen und Methoden, bei den oft eher die Naturwissenschaften als Vorbild dienen – oder schaut man auf die konkreten Disziplinen mit all ihren unterschiedlichen Zielen, Methoden und Ergebnissen.

Dazu kommen im Rahmen der Vielfalt der Wissenschaften auch noch Sichten auf Wissenschaft(en) hinzu, die etwa genderspezifische Aspekte betonen8 oder nach einem Verständnis von Wissenschaften aus nicht-westlicher Perspektive9 fragen.

Ein Tool

Im Folgenden wird auf ein einfaches Tool hingewiesen, dass dabei unterstützen kann, die eigene Sicht auf Wissenschaft(en) bewusster wahrzunehmen.

Mit dem Wissenschaft-O-Maten werden Nutzenden in Form eines Quiz nach und nach Aussagen über Wissenschaft oder Wissenschaften angeboten. Sie werden jeweils gefragt, welcher Aussage über Wissenschaft sie am ehesten zustimmen würden. Am Ende wird ihnen aus den ausgewählten Antworten eine Sicht auf Wissenschaft angeboten, die zu diesen ausgewählten Aussagen am besten passen könnte.

Man kann dieses Tool im Rahmen einer Lehrveranstaltung oder als Selbst-Lern-Werkzeug nutzen, um Lernenden durch das Lesen der Aussagen über Wissenschaft(en) – zu deren Kennzeichen, über wissenschaftliche Tätigkeiten, über Wissenschaftlichkeit und Realität – bewusst zu machen, dass Wissenschaft unterschiedlich erfahren bzw. verschieden wahrgenommen werden kann.

Natürlich stellen die im Wissenschaft-O-Maten berücksichtigten Sichten auf Wissenschaft(en) auch nur eine Auswahl dar. So gehören – wie schon oben erwähnt – auch feministisch orientierte Sichten oder postkoloniale und nichtwestliche Sichten auf Wissenschaft zu einer vollständigeren Betrachtung von Sichten auf Wissenschaft(en) dazu. Eine historisch orientierte Sicht auf den Begriff Wissenschaft liefern Paul Ziche und Joppe van Driel.

Eine didaktisch-theoretische „Fundierung“ des Wissenschaft-O-Maten bietet neben diesem Essay vielleicht mein – auch als Preprint publizierter – Text mit dem Titel „Wissenschaft und Offenheit : Reflexion über Wissenschaft als Teil der Lehre zum wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben“.10

Was macht Schreiben eigentlich wissenschaftlich?

Schreiben ist für den Philosophen Daniel-Pascal Zorn ein „Labor des Denkens“11. Mit diesem Bild wird auch für ingenieur- und naturwissenschaftliche Studierende, die ja öfters in Laboren unterwegs sind, das Schreiben vielleicht nähergebracht. Studierende dieser Fachgebiete schreiben vor ihren Abschlussarbeiten zudem in der Regel auch Klausuren und Versuchsprotokolle.

Jede und jeder schreibt, eine SMS, eine Mail oder auch anderes. Aber was macht nun das Schreiben wissenschaftlich? Schreiben beginnt eigentlich schon am Anfang einer jeden wissenschaftlichen Arbeit, etwa beim Exposé oder durch Notizen12 beim Lesen und Experimentieren (hier vielleicht als Forschungs-Tagebuch oder Laborbuch).

In Anlehnung an Otto Kruse13 und Helga Esselborn-Krumbiegel14 werden in der folgenden Abbildung zur Beantwortung der Frage „Was macht Schreiben wissenschaftlich?“ drei Ebenen unterschieden, eine Fach-Ebene, eine Meta-Ebene und eine Form-Ebene:

Die Berücksichtigung aller drei Ebenen machen einen Text zu einem wissenschaftlichen Text.

Fach-liches

  • Einbettung des Textes bzw. des eigenen Schreibens in eine disziplinäre oder interdisziplinäre Systematik des Wissens und der Forschungspositionen
  • Begründetes Vorgehen, methodisch und argumentativ nachvollziehbar (Roter Faden)

Es gibt also eine deutlich erkennbare Fragestellung innerhalb eines Themas oder einer Disziplin. Es wird begründet, warum diese wichtig ist für das Fach bzw. für die Welt.

Es folgt daraus auch, dass eigene Überlegungen und eigene Forschung sowie die Forschung anderer unterscheidbar sind. Verwendete Quellen müssen belegt werden. Es wird klar gezeigt, wie man die Fragestellung beantworten will.

Meta-liches

  • Objektivität: objektive, sachliche Darstellung
  • Kritikgebot: skeptische, kritische Grundhaltung

Subjektive Urteile und Meinungen werden vermieden bzw. klar sichtbar gemacht. Bewertungen von Schreibenden oder innerhalb der benutzten Quellen sind deutlich erkennbar. Kritik wird begründet.

Form-ales

  • Einhaltung von Konventionen der Darstellung: Textgenres, Gliederungen, Zitierstile usw.
  • Sprachliche und terminologische Genauigkeit

Zum wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben gehört auch eine gewisse Exaktheit, und die fängt schon zum Beispiel beim Umgang mit der Literatur an.

Was macht Arbeiten eigentlich wissenschaftlich?

Wie wird aber nun das Arbeiten wissenschaftlich? Wissenschaft ist ja auch eine (gesellschaftliche) Institution, insofern könnte man alles das als „wissenschaftlich“ bezeichnen, was in wissenschaftlichen Einrichtungen, Universitäten, Forschungs-Institutionen, wissenschaftlichen Gesellschaften u. ä. gearbeitet bzw. erarbeitet wird. Nach den Wissenschaftshistorikern Ziche und van Driel stabilisieren Wissenschaftsinstitutionen die Wissenschaft.

Auch die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Forschung fällt bei einem eher institutionellen Blick auf Wissenschaft auf. Aus Sicht des Forschungsmanagements werden beide Begriffe

„[…] im alltäglichen Sprachgebrauch fast synonym gebraucht, obwohl es einen (kleinen) Unterschied gibt. Die Wissenschaft sucht nach Erkenntnisgewinn allgemeiner Art. […] Die Wissenschaft ist prinzipiell zweckfrei und erhöht ständig das kulturelle Wissen der Menschheit, […] Die Forschung hingegen ist nicht zweckfrei, sondern sie beginnt mit einer Fragestellung und verfolgt ein konkretes Ziel.“15

Ob diese Unterscheidung hinsichtlich Zweckfreiheit wirklich den Punkt ausmacht, darf bezweifelt werden, wurden doch zur Frage des „Wozu?“ von Wissenschaft schon ganze Bücher geschrieben.16

Aus einer anderen Sicht umfasst Wissenschaft Forschung und Lehre. Manche wissenschaftliche Institutionen wie etwa Universitätskliniken haben sogar drei Funktionen: Sie sind normale Krankenhäuser und behandeln Patienten, sie müssen Studierende ausbilden und dann sollen sie in diesem Kontext auch noch klinische Forschung, also Forschung am Patienten, betreiben.17

Und wie nehmen Sie den Unterschied zwischen „Wissenschaftlichem Arbeiten“ und „Wissenschaftlichem Schreiben“ wahr? Was verstehen Sie unter Wissenschaftlichkeit? Wirken sich Sichten auf Wissenschaft auch auf Ihren Alltag aus?


Literaturverweise

1. Ein weiteres Schaufenster ist mit dem Blog „tub.torials – Gedanken, Ideen und Materialien zu Offenheit in Wissenschaft, Forschung und Lehre“ entstanden.

2. Kurzfassung von Nadine Stahlberg vom ZLL.

3. Paul Ziche u. Joppe van Driel: Wissenschaft. In: Europäische Geschichte Online EGO = European history online / hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte Mainz. 2011.

4. Wolf Wagner: Uni-Angst und Uni-Bluff heute. Wie studieren und sich nicht verlieren. 3. Aufl. Berlin: Rotbuch-Verl 2012 (Link zur Urfassung aus dem Jahre 1977)

5. Wolf Wagner: Wissenschaftliches Arbeiten. In: Handbuch kritische Pädagogik. Hrsg. von Armin Bernhard u. Lutz Rothermel. Weinheim: Dt. Studien-Verl. 1997. S. 425–429

6. Alle obigen Zitate S. 425

7. Vgl. auch Svend Brinkmann: Philosophies of Qualitative Research. Oxford: Oxford University Press, 2018.

8. Vgl. etwa Iris Mendel: WiderStandPunkte : umkämpftes Wissen, feministische Wissenschaftskritik und kritische Sozialwissenschaften. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2015.

9. Vgl. etwa Boaventura de Sousa Santos: Epistemologien des Südens : gegen die Hegemonie des westlichen Denkens. Münster: Unrast, 2018.

10. In Thomas Hapke: Wissenschaft und Offenheit : Reflexion über Wissenschaft als Teil der Lehre zum wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben. In: Praxishandbuch Schreiben in der Hochschulbibliothek, herausgegeben von Willy Sühl-Strohmenger und Ladina Tschander. S. 58–69. Berlin: De Gruyter, 2019 (Preprint)

11. Vgl. Daniel-Pascal Zorn: Einführung in die Philosophie. Frankfurt am Main: Klostermann 2018, S. 111.

12. Siehe auch Beitragsserie #Notizschreibwochen2020

13. Otto Kruse: Lesen und Schreiben. 3. Aufl. Konstanz: UVK, 2018, S. 84.

14. Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig Wissenschaftlich Schreiben. 3. Aufl. Paderborn: Schöningh, 2014, S. 13.

15. Lothar Behlau: Forschungsmanagement. Berlin Boston: De Gruyter Oldenbourg, 2017, S. 1.

16. Joachim Schummer: Wozu Wissenschaft? Neun Antworten auf eine alte Frage. Berlin: Kadmos, 2014.

17. Vgl. die Darstellung der Rolle von Universitätskliniken in der Corona-Pandemie bei Christian Drosten: Das Coronavirus-Update (23) – Die Forschung braucht jetzt ein Netzwerk (27.03.2020 12:35 Uhr) https://www.ndr.de/nachrichten/info/Coronavirus-Update-Die-Podcast-Folgen-als-Skript,podcastcoronavirus102.html


CC BY 4.0

Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: „Wissenschaftliches Arbeiten“ oder „Wissenschaftliches Schreiben“? von Thomas Hapke, Lizenz: CC BY 4.0. Die Originalveröffentlichung ist bei Insights verfügbar. Bearbeitungshinweise: Das Beitragsbild wurde aufgehellt und entfärbt. Der Beitrag wurde um einen Einführungstext ergänzt. Dem Beitrag wurde die Fußnote 12 hinzugefügt. Der Text ist im Markdownformat und als PDF verfügbar.
Uhren

9 Zeitfresser und wie wir sie ganz einfach loswerden

Schon wieder so spät? Und noch so viel zu tun. Gerade in Studium und Beruf kommen diese Situationen immer mal wieder vor. Ein kurzes Telefonat oder ein kleiner Abstecher in die sozialen Medien und schon fehlt die Zeit an anderer Stelle. Die Zeitfresser haben wieder zugeschlagen. Mit einigen Kniffen lässt sich der eigene Energiehaushalt und das individuelle Zeitkonto aber zumindest ein wenig besser schützen. Im Bachelorseminar „Wissenschaftliches Arbeiten“ sprechen wir darüber jedes Semester im Themenblock „Umgang mit Zeit“. Denn am Selbstmanagement lässt sich eigentlich immer ein wenig „schrauben“. Neben einem Austausch zu „gutem“ (wir wissen und berücksichtigen z. B. wann, wo und wie wir uns besser konzentrieren können) und „schlechten“ Umgang mit Zeit (wenig Struktur und unklare Ziele verstärken Zeitdruck, Unwohlsein und Flüchtigkeitsfehler) das Wichtigste: Selbstreflexion. Hierzu haben wir dieses Semester im Plenum zunächst über unsere individuellen Gewohnheiten gesprochen und festgestellt, dass Einstellungen wie „Irgendwie packe ich das schon“, überambitionierte Zeitpläne und auch Perfektionismus (es fällt u. a. beim Schreiben schwer ein Ende zu finden, stattdessen wird ein Textblock wieder und wieder überarbeitet) oft eine Herausforderung sind.

Mit Hilfe eines kleinen Fragebogens haben wir uns weiter zu kleinen und großen Zeitfressern ausgetauscht und überlegt, wo man zumindest in Druckphasen (z. B. Abgabefristen für Haus-, Projekt- und Abschlussarbeiten) effizienter als bisher agieren könnte. Leitfragen sind dabei beispielsweise:

  • Welche Zeitfresser sind für mich persönlich am schlimmsten?
  • Warum sind mir diese so wichtig?
  • Was kann ich machen, um eine Veränderung zu erreichen und welche konkreten Ziele könnten mich dabei unterstützen?

Einige dieser Zeitdiebe und dazugehörige mögliche Lösungen und Strategien aus unserer Seminarrunde möchte ich mit diesem Beitrag offen teilen und um weitere Gedanken ergänzen.

1. Der (häufige) Griff zum Smartphone

Wenig überraschend gehört das Smartphone zu den zeitraubendsten Nebenbeschäftigungen im Studium. Private Nachrichten trudeln im Sekundentakt ein und auch die Arbeit lässt das Telefon an so manchem Tag kaum ruhen.

Mögliche Lösung:
Eine mögliche Lösung kann das Trainieren eines „besseren“ Umgangs mit dem Smartphone sein. Der erste Handgriff am frühen Morgen sollte zum Beispiel nicht zum Telefon gehen. Und nicht jede Gelegenheit – z. B. der Nachrichtenalarm oder das regelmäßige Überprüfen der Aktivitäten von Freunden und Bekannten – sollte unmittelbar wieder zum Griff Richtung Smartphone führen. Neu war für mich in diesem Zusammenhang der Begriff FOMO („fear of missing out“). Selbstkritisch wurde hier von Einigen die Gewohnheit erwähnt, dass selbst im Beisein von Freunden und Bekannten der Fokus auf der Beschäftigung mit dem Smartphone liegt. Im Rahmen von Schreibprozessen können die ständigen kurzen Unterbrechungen oft auch dafür sorgen, dass kein richtiger Flow, also das zufriedene Aufgehen in einer Aufgabe, entsteht.

Eine Lösung kann auch die bewusste Einschränkung der Smartphone-Nutzung sein. Wenn das Smartphone ausgeschaltet oder stummgeschaltet in der Tasche bleibt, wird der sonst schon gewohnte direkte Griff zumindest erschwert. „Trainiert“ werden kann der Verzicht auch, indem das Telefon zunächst beim Spaziergang (um z. B. in Ruhe Gedanken und Ideen zu sortieren) oder Sport (um den Kopf freizubekommen) einfach mal zu Hause bleibt. Es wurde auch angemerkt, dass einige Smartphones über Wochenberichte zur Bildschirmzeit dazu beitragen, dass diese bewusster wahrgenommen wird. Auf diesen Werten basierend könne zumindest besser darauf geachtet werden, dass die Bildschirmzeit im Vergleich zur Vorwoche nicht noch weiter steigt. Erwähnt wurde auch, dass die meistgenutzten Apps vorübergehend gelöscht werden könnten.

2. Soziale Medien, Internet und E-Mails

Eng verbunden mit der häufigen Smartphone-Nutzung ist das längere Verweilen in sozialen Medien, das immer wieder schnelle Überprüfen verschiedener Mailaccounts sowie das ziellose Browsen im Internet über mobile Hardware. Aus dem kurzen Blick in die verschiedenen Kommunikationskanäle entsteht auch hier das Problem häufiger Unterbrechungen des eigentlichen Schreib- und Arbeitsflusses. Dies führt oft zu mangelnder Konzentration (siehe auch Punkt 4).

Mögliche Lösung:
Eine Lösung für Abschlussarbeiten kann hier die Einrichtung fester Zeitfenster für das freie Browsen im Netz, soziale Medien und das Abrufen von E-Mails sein. Gerade bei Mails wurde angemerkt, dass es oftmals nicht nur beim Lesen bleibt und zusätzliche Zeit in die Beantwortung oder Koordination weiterer Aufgaben fließt. Mit abgesteckten Zeiträumen lässt sich dieses Problem zumindest einschränken. Für soziale Medien können feste Zeiten eine positive Auswirkung auf die Grundstimmung haben, da man in den selbst vorgegebenen Zeiten „kein schlechtes Gewissen“ haben muss, sich nun mal eine kleine Ablenkung oder Aufheiterung zu gönnen.

Wenn beim Thema E-Mails vor allem die Anzahl der zu prüfenden Mails ein Problem darstellt, kann eine Priorisierung über Selbstmanagement-Methoden wie dem Eisenhower-Prinzip (Aufgaben werden nach Wichtigkeit und Dringlichkeit kategorisiert) helfen. Bei Nutzung verschiedener Mailaccounts kann der Fokus nach Relevanz erfolgen. Arbeitsmails könnten z. B. Vorrang vor persönlichen Nachrichten haben. Für Letztere ist nach Erledigung bestimmter Meilensteine und Aufgabenpakete Zeit. Eine andere Möglichkeit ist, dass CC-Mails („Carbon Copy“) eine geringere Relevanz gegenüber Direktadressierungen zugewiesen wird.

3. Ohne Plan drauf losarbeiten

Ohne Struktur und zumindest Rahmenpläne geht die Übersicht über unbedingt zu erledigende Arbeitsschritte schnell verloren. Selbst wenn viel und lange gearbeitet wurde ist es oftmals so, dass wichtige Dinge vernachlässigt oder verschiedene Arbeitsschritte unnötig mehrfach wieder und wieder durchgeführt werden.

Mögliche Lösung:
Einfache Strategien, um die Arbeit generell besser zu organisieren, können To-do-Listen und Formulierungen von Aufgaben über Methoden des Selbstmanagements, wie z. B. dem ALPEN-Ansatz, sein:

  • Aufgaben notieren,
  • Länge einschätzen,
  • Puffer einplanen,
  • Entscheidungen treffen,
  • Nachkontrolle durchführen.

Auch ein einfacher Kalender (egal ob digital oder analog), Tages- sowie Wochenpläne können die Konzentration stützen und dabei helfen die eigene Zeit besser im Griff zu haben. Im Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen Arbeiten und der Recherche bietet sich konkret die Nutzung eines Rechercheprotokolls an, um Recherchen zukünftig nicht wieder und wieder in den gleichen Datenbanken durchzuführen.

"Methoden

4. Mangelnde Konzentration und Multitasking

Wir alle haben unsere ganz speziellen Arbeitsgewohnheiten. Während einige von uns gut zwischen Aufgaben hin- und herspringen können, fällt anderen das schnelle, kurzfristige gedankliche Umspringen eher schwer oder ist zumindest tagesformabhängig. Ein Problem ist dann auch, dass nicht nur die neuen Aufgaben wenig motivierend sind (auch das Hineindenken kostet Energie), sondern die bisher begonnenen Arbeitsschritte hinsichtlich Qualität (kein Fokus mehr auf die zuvor noch geringere Anzahl an Aufgaben und Arbeitsschritten) mit zunehmender Aufgabenlast beziehungsweise -menge leiden.

Mögliche Lösung:
Aufgabenpakete können nacheinander zumindest weitestgehend erledigt und in kleinere, realistisch machbare Teile untergliedert werden. So vermeiden wir das Gefühl von Überforderung und haben schneller Erfolgsgefühle (einen Haken unter erfüllte Teilaufgaben zu setzen wirkt zumindest bei mir ganz gut), die uns auch bei der Erreichung des Flow-Zustands (siehe Punkt 1) helfen.

Helfen kann auch hier das bereits unter Punkt 3 erwähnte Eisenhower-Prinzip (Prioritäten setzen). Ein Promodoro-Timer (Methode, um zur Verfügung stehende Zeit in feste Arbeits- und Pausenzeiten zu teilen) wie in der Open-Source-Schreibanwendung Zettlr kann auch abseits von Schreibprozessen dazu beitragen, dass der Fokus ausreichend für die jeweiligen Arbeitsschritte genutzt wird, bevor wir Zeit in neue Aufgaben investieren. Was laut einigen Studierenden ebenfalls nicht zu unterschätzen ist: die Lern- und Arbeitsorte wirken sich auf die Konzentration aus (Licht, Farben, wenig Lärm und Möglichkeit zur Bewegung zwischendurch). Mir hat Bibliotheks-Hopping oft geholfen, was ich auch im Beitrag 7 individuelle Tipps gegen Schreibblockaden festgehalten habe.

Selbst der Blick für die Uhrzeit kann eine Rolle spielen. Frühmorgens können viele Studierende Menschen besonders konzentriert arbeiten. Andere bevorzugen den späten Nachmittag. Wenn wir uns selbst nicht ganz sicher sind, wann eigentlich unsere produktivsten Phasen sind, so kann eine kleine Selbstdokumentation (beispielsweise beiläufig über ein Semester geführt) helfen:

  • Wann habe ich viel Text geschrieben?
  • Wann habe ich meine besseren Texte geschrieben?
  • Wann ist eher die Zeit für Aufgaben, die mir leichter von der Hand gehen (z. B. einfache Informationssuche mit bereits festgelegten Suchbegriffen)?

5. Die Jagd nach Perfektion

Eine nahezu perfekt erfüllte Aufgabe ist eine tolle Sache. Sie kann aber auch viel Zeit und Energie kosten, wenn man sich beispielsweise direkt zu sehr auf saubere Formulierungen ohne jegliche Fehler fokussiert. Oftmals wurde diese Perfektion vor allem bei Schreibprozessen und der Ausgestaltung von Präsentationen/ Folien angemerkt.

Mögliche Lösung:
Gerade für den ersten Punkt empfiehlt sich auch ein Blick auf die eigenen Schreibgewohnheiten und -erfahrungen. Dazu geeignet ist auch der Beitrag Wie schreibe ich?, in dem einige potentielle Lösungsansätze angeboten werden. Generell lässt sich auch sagen: wird Perfektionismus als Herausforderung gesehen, so empfiehlt es sich vielleicht Aufgaben zunächst einmal grob und „befriedigend“ zu erledigen (Stichwörter, Rohtexte, grobe Skizzen) und erst in späteren Arbeitsschritten Zeit in die Optimierung der Details zu investieren.

6. Streaming (TV, Serien, Youtube, Netflix, etc.)

Wenig überraschend: Unser Medienkonsum hat sich über viele Jahre (und vermutlich auch im Jahr 2020) erhöht. Mittlerweile kann man auf eine Vielzahl an Streamingmöglichkeiten im Film-, Musik- und Podcastbereich zurückgreifen. Und je mehr spannende Inhalte es über viele Kanäle gibt, desto schwerer ist es auch fokussiert weiterzuarbeiten. Gerade wenn bei eigenen Projekten eine Phase erreicht ist, wo Fortschritte klein ausfallen oder kaum sichtbar sind. Das Problem dabei: im Hinterkopf schwingt das ungute Gefühl mit, dass jetzt eigentlich nicht die Zeit ist, um sich zurückzulehnen. Richtig erholsam ist das eher unentspannte Streamen also auch nicht.

Mögliche Lösung:
Als eine mögliche Lösung wurden technische Hilfsinstrumente erwähnt. Open-Source-Lösungen wie Selfcontrol ermöglichen es, den Zugang zu Webseiten für einen selbst festgelegten Zeitraum zu sperren, um gar nicht erst in Versuchung zu geraten. Eine für mich persönlich viel angenehmere Strategie ist sich selbst eine Belohnung in Aussicht zu stellen. Wenn ich bestimmte Punkte meiner To-do-Liste oder Tagesplanung erreiche (Anzahl geschriebener Seiten, Anzahl ausgewerteter Fachtexte, fokussierte Arbeit für einen bestimmten Zeitraum an einer Aufgabe, etc.), so erlaube ich mir ganz bewusst mit gutem Gewissen das Ausklingen des Arbeitstages mit meiner Lieblingsserie (oder aktuell Live-Sport). Hier braucht es sicher eine gewisse Selbstdisziplin (und bei Nichterreichen des Tagesziels sollte man durchaus abwägen, woran es lag und ob man die Belohnung dann lieber auf den nächsten Tag verschiebt). Gerade während meinen Abschlussarbeiten hat dieses Vorgehen meistens dazu geführt, dass ich nach langen Arbeitstagen guten Gewissens komplett abschalten konnte und regelmäßige Fortschritte für meine Abschlussarbeit sicherstellte.

Eher selten aber vielleicht auch hilfreich: wenn die Medienform selbst den großen Reiz darstellt, besteht vielleicht auch die Möglichkeit sich beispielsweise einen Podcast rauszusuchen, der unterhält, gleichzeitig aber auch Wissen vermittelt (für wissenschaftliches Arbeiten habe ich in den Monatsnotizen vom März und April/ Mai einige Beispiele aufgeführt).

7. Freunde, Bekannte und Kolleg:innen

Der Austausch mit Freunden, Bekannten und Kolleg:innen ist wichtig. Und klar: „gute“ Gespräche kosten oft Zeit. Daher fällt es mir an dieser Stelle auch schwer diesen Punkt als (negativen) Zeitfresser aufzuführen. Vorenthalten wollte ich diesen aber auch nicht. In meinen Augen sind die sozialen Kontakte – aktuell mehr denn je – für mich eine der sinnvollsten „Ablenkungen“. Sie tragen für mich viel zu meiner allgemeinen Zufriedenheit bei und haben große Auswirkungen auf Arbeitsergebnisse und Denkprozesse. Im Rahmen unseres Digitaltags-Angebots Zusammen schreibst du weniger allein! haben wir über die Wichtigkeit des sozialen Miteinanders gesprochen und wie glücklich sich beispielsweise Studierende schätzen können, wenn sie auch in Zeiten kompletter digitaler Lehr-Lern-Szenarios nicht alleine vor sich hinarbeiten (das gilt natürlich auch für Schule oder Arbeit) und eine Art Arbeits- oder Schreibtandem haben. Mir ist hier auch wieder bewusst geworden wie viel Glück ich in meinem Studium hatte. Bei größeren Projekt-, Haus- oder Abschlussarbeiten war ich meist zusammen mit Kommilitonen:innen in der Bibliothek oder an anderen Lernorten. Geplant und ungeplant. Und so gab es immer mal wieder die Möglichkeit sich über aktuelle Projekte zu unterhalten, Frust herauszulassen und nebenbei auch genug Zeit für Smalltalk und anderen Quatsch zu haben. An Vieles davon denke ich heute noch sehr gerne zurück (und gefühlt weiß ich immer noch bis ins Detail bei vielen Gesprächen worum es ging, als wir uns auf den Fluren von HAW, Stabi oder den TU-Lernräumen gegenseitig unterstützt haben). Mitunter kam man so auch oft mit Studierenden komplett anderer Fachdisziplinen ins Gespräch und hat hier ganz andere Perspektiven auf die eigene Arbeit erhalten.

Mögliche Lösung:
Sofern ihr das Gefühl habt zu viele oder zu lange Gespräche zu führen, die immer wieder am Zeitkonto eures Projektes nagen, empfiehlt es sich einen produktiveren Mittelweg als bisher zu finden. Habt ihr nicht das Gefühl, dass es sich nach solchen Gesprächen wieder motivierter arbeiten lässt, so versucht vielleicht die Balance zwischen Smalltalk und fachlichen Inhalten anzupassen. Berichtet, woran ihr schreibt, überprüft so, ob ihr das Thema greifbar beschreiben könnt und schaut, wie andere Perspektiven auf euer Thema euch vielleicht auch neue Impulse geben können.

Wenn das schlechte Gewissen eine Rolle spielt („Ich muss weiterarbeiten und habe keine Zeit für Spaß“) können auch hier Pausenzeiten helfen, in denen man sich diese Gespräche zum eigenen Wohl gönnen sollte, bevor es wieder an den Schreibtisch geht.

Sollte es der Smalltalk bei Projekt- und Arbeitstreffen sein, der euch die Zeit raubt, so stellt sicher, dass diese Treffen möglichst pünktlich starten, die Teammitglieder vorbereitet sind und eine kleine Agenda mit ungefährem Zeitplan steht (der Klassiker in meinem Studium war oft, dass wir erst vor Ort die abzusprechenden Punkte festgezurrt haben). Zu starre Regeln sind dabei meiner Meinung nach aber auch nicht zielführend (Zeit für Smalltalk lassen!).

8. Aufräumen und Unordnung

Wir alle kennen das doch? Unangenehme oder einfach aufwändige Aufgaben schieben wir gerne mal vor uns hin, statt sie direkt zu erledigen. Auf einmal muss das Zimmer, der Schreibtisch oder der Kleiderschrank aufgeräumt werden. Es ist ganz dringend. Die Aufschieberitis hat also zugeschlagen (auch: Prokrastination). Und am Ende führt genau diese dazu, dass der Zeitdruck auf die Stimmung schlägt.

Mögliche Lösung:
Eine Strategie gegen das Prokrastinieren: die Gründe herausfinden und sich bewusst machen, dass die kurzfristige Erleichterung langfristig immer für mehr Stress sorgt. Kann uns mehr Struktur, beispielsweise mit Unterstützung durch digitale und analoge To-do-Listen oder Projektmanagementsoftware wie der Open-Source-Anwendung Gantt-Projekt vielleicht helfen, weniger Einstiegshürden in die selbst geschnürten Arbeitspakete zu haben? Vielleicht ist die Lösung an sich einfach und auch ein Blick in die Beitragsreihe zu Notizmethoden – wo es in vielen Beiträgen auch um Selbstmanagement und Struktur geht – kann bereits Abhilfe schaffen?

"Selbstmanagement

Wenn wir wieder und wieder durch die Unordnung auf unserem Schreibtisch ausgebremst werden, gibt es auch hier möglicherweise eine einfache Lösung. Statt zu lange zu arbeiten kann am Ende des Arbeitstages etwas Zeit zur Beseitigung der entstandenen Unordnung (bei mir auch in digitalen Zeiten oftmals buntes Zettelchaos) auf dem Schreibtisch investiert werden. Der Start am Folgetag fällt dann leichter. Dass ein aufgeräumter Schreibtisch für mich für den Start in den Arbeitstag (zusammen mit weiteren Ritualen) wichtig ist, habe ich auch im Beitrag Arbeiten und Lernen in den eigenen vier Wänden – Home-Office als Chance und Herausforderung beschrieben.

9. Zu wenig Erholung

Schon aus dem eigenen Studium kenne ich das Problem (und es hätte mich überrascht, wenn ich in unserem Austausch alleine damit gewesen wäre): Für eine gewisse Leistungsfähigkeit bei anstehenden Aufgaben ist ausreichend Schlaf für mich wichtig. Natürlich haben wir alle unterschiedliche Schlafbedürfnisse. Arbeitspakete sollten aber nicht regelmäßig bis spät in die Nacht bearbeitet werden, um dann nach vier oder fünf Stunden Schlaf bereits wieder am gleichen Thema zu sitzen. Eine konkrete zeitliche Empfehlung sollte also individuell unterschiedlich aussehen.

Mögliche Lösung:
In meinem Studium war bei Vorbereitungsveranstaltungen für Abschlussarbeiten oft die Rede von mindestens sechs Stunden Schlaf. Bei mir sind es gefühlt dann aber bis heute doch eher sieben bis acht Stunden, damit ich am Folgetag gut erholt arbeiten kann. Zur Vorbereitung auf intensive Arbeitsphasen hilft mir auch die Einführung neuer (vorübergehender) Gewohnheiten. So nutze ich möglichst feste Uhrzeiten wo der Stift fallen gelassen wird. Ich gehe in etwa zur gleichen Uhrzeit während dieser Phasen schlafen und stelle mir morgens passend dazu den Wecker, um Zeit für weitere Rituale für den guten Start in den Tag zu haben (beispielsweise ein kleiner Spaziergang am Morgen oder eine kurze Tour mit dem Fahrrad). Je regelmäßiger ich diesen Gewohnheiten nachgehe, desto besser funktionieren diese Automatismen bei mir. Der Wecker ist nach einigen Tagen dann oft gar nicht mehr nötig, da ich auch ohne Alarmglocke in etwa zur gleichen Zeit aufwache.

Zusammenfassung

Neben kleineren Tipps und Tricks, um zumindest in intensiveren Schreib- und Arbeitsphasen Ziele effizient und möglichst stressfrei zu erreichen (ich lasse Dank dem Hinweis im Seminar aktuell häufig erfolgreich das Smartphone im Nebenzimmer) können gängige Methoden des Selbstmanagements (z. B. das Eisenhower-Prinzip oder der ALPEN-Ansatz, etc.) helfen. Auch Hilfswerkzeuge wie Rechercheprotokolle für konkrete Arbeiten wie die Recherche oder Konzentrationsübungen (siehe auch: Mehr als 77 Tipps zum wissenschaftlichen Arbeiten) sind simple Lösungen, die viele Vorteile für den eigenen Umgang mit vorhandener Zeit haben können.
Einige der aufgeführten „Zeitfresser“ sehe ich auch nicht als Zeitdiebe, sondern Wohlfühlfaktoren, auf die ich persönlich nicht verzichten möchte. Doch wie seht ihr das und wie geht ihr mit den täglichen (zeitlichen) Herausforderungen im Studien- und Arbeitsalltag um? Schränkt ihr euch komplett ein? Nutzt ihr einfache Mittel und Strategien, die in diesem Beitrag fehlen oder habt ihr ähnliche Erfahrungen gesammelt? Lasst es uns gerne in den Kommentaren wissen.

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Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: 9 Zeitfresser und wie wir sie ganz einfach loswerden“ von Florian Hagen, Lizenz: CC BY 4.0. Der Beitrag steht auch als Markdowndatei und PDF zum Download zur Verfügung.
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