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#OAWeek2024: Wissenschaftliche Integrität in Gefahr: Ein Blick auf Predatory Publishing und Conferences

In den letzten Jahren hat sich die Möglichkeit, in Fachzeitschriften Open Access zu publizieren, zunehmend etabliert. Wissenschaftliche Inhalte sind so für alle Interessierten ohne Bezahlschranke lesbar. Dies kommt der Effizienz der globalen Forschung zu Gute, da u.a. schnell geprüft werden kann, ob bereits qualitätsgeprüfte, frei verfügbare Literatur vorliegt (Wienert 2021). „Waren Open-Access-Publikationen anfangs fast ausschließlich von wissenschaftlichen Fachgesellschaften, Universitäten, Forschungseinrichtungen und einzelnen Wissenschaftler*innen getragen worden, entwickelte sich ab der Jahrtausendwende zunehmend ein Markt für Open Access“ (Deppe und Beucke 2017).

Community over Commercialization

Das Motto der Open Access Week 2024 „Community over Commercialization“ stellt die Bedeutung einer starken wissenschaftlichen Gemeinschaft in den Vordergrund, die das Ziel verfolgt, den freien und transparenten Zugang zu Wissen zu fördern. Diese Idee steht im starken Kontrast zu den Praktiken des Predatory Publishing und von Predatory Conferences, die auf kommerzielle Ausbeutung von Autor*innen ausgerichtet sind. Während Open Access ursprünglich unter anderem konzipiert wurde, um den wissenschaftlichen Austausch und die Zusammenarbeit zu stärken, ist mit der zunehmenden Kommerzialisierung  ein Markt entstanden, der überwiegend auf Gewinnmaximierung ohne Rücksicht auf die wissenschaftliche Integrität abzielt. 

Predatory Publishing: Wissenschaft im Schatten des Profits

Eine negative Begleiterscheinung dieser Entwicklung ist das Predatory Publishing. Hierbei wird primär jungen und unerfahrenen Wissenschaftler*innen Seriosität suggeriert, während gleichzeitig die meisten Qualitätskontrollinstrumente der Wissenschaft fehlen. Oft wird eine hohe Publikationsgebühr vorab verlangt, ohne dass angemessene Gegenleistungen wie ein Peer-Review-Verfahren durch Fachkolleg*innen oder eine redaktionelle Bearbeitung mit Lektorat und Layout erfolgt. Der Fokus dieser Verlage liegt nicht auf dem Inhalt der Publikation, sondern ausschließlich auf dem Profit (Ginther und Lackner 2019). 

Im Gegensatz dazu hebt das Motto „Community over Commercialization“ hervor, dass der wissenschaftliche Austausch und die wissenschaftliche Kommunikation in den Händen von Forschenden liegen und nicht vorrangig von finanziellen Interessen gelenkt werden sollten. Predatory Publishing unterläuft diesen Grundsatz, indem es Forschende in eine Position bringen kann, in der sie für unzureichende oder gar nicht vorhandene  Dienstleistungen zahlen müssen, während die Wissenschaft langfristig durch die Verbreitung pseudowissenschaftlicher Inhalte Schaden nimmt.

Neuere Entwicklungen des Predatory Publishing

Bibliotheken bemühen sich kontinuierlich, dieser Praxis entgegenzuwirken, aber auch das Predatory-System entwickelt sich stetig weiter. Im Folgenden werden einige aktuelle Methoden des Predatory Publishing aufgeführt. 

So werden beispielsweise namhafte Forschende als Herausgeber*innen oder Autor*innen von Artikeln erwähnt, welche mithilfe von Künstlicher Intelligenz verfasst wurden. Außerdem werden bereits veröffentlichte Artikel aus qualitätsgeprüften, anerkannten Fachzeitschriften mit veränderten Namen oder Affiliationen erneut publiziert. Hierbei soll vor allem die Publikationshistorie der Zeitschrift gefälscht und ihr durch das Renommee der Wissenschaftler*innen Legitimität verliehen werden (Schmitz 2024).

Andere Methoden sind die Gründung neuer Zeitschriften mit an etablierte Journals angelehnten Titeln sowie das Nachbilden von URL und Webauftritt seriöser Zeitschriften. Oft übernehmen Betreiber abgelaufene URLs, um eine seriöse Internetpräsenz einer renommierten Zeitschrift vorzutäuschen. Zudem fallen auch immer wieder gefälschte Rechnungen, die per Email verschickt werdenauf. Sie stammen angeblich von Verlagen bei denen tatsächlich kürzlich ein Artikel eingereicht wurde. Hierin wird auf das eingereichte Manuskript verwiesen und zur Zahlung von Publikationsgebühren aufgefordert (Schmitz 2024).

Jedoch ist es auch wichtig zu betonen, dass die wissenschaftliche Qualität von Artikeln, die in Predatory Journals erscheinen, nicht automatisch gering ist. Eine Publikation in einem Predatory-Journal kann verschiedene Gründe haben. Die vermeintlich seriöse Erscheinung täuscht die Einreichenden häufig bewusst. Sollte im Anschluss der Fehler auffallen, ist es dann fast unmöglich, den Artikel zurückzuziehen. Meist tauchen diese Artikel dann auch nicht in den Publikationslisten der betroffenen Wissenschaftler*innen auf, um den wissenschaftlichen Ruf nicht zu gefährden. 

Einige Forschende veröffentlichen allerdings wissentlich in Predatory-Journals, um ihre Publikationsliste künstlich zu strecken oder dem Publikationsdruck ihres Fachbereichs nachzugeben.  In solchen Fällen handelt es sich nicht selten um solide wissenschaftliche Arbeit, die lediglich am falschen Ort publiziert wurde (Deinzer und Herb 2020; Schmidt 2019). 

Problematisch wird es, wenn Autor*innen bewusst an betrügerischen Praktiken wie beispielsweise Paper Mills teilnehmen. Bei diesen werden Artikel gegen eine Bezahlung erstellt. Die Beiträge enthalten erfundene Daten, Plagiate oder Datenmanipulationen und werden häufig durch Gutachter*innen oder Herausgebende überprüft, die ebenfalls in das betrügerische Paper-Mill-System eingebunden sind. Oft wird auch eine bestimmte Zahl an Zitationen garantiert (Schmitz 2024). Gerade pseudowissenschaftliche Artikel mit irreführenden Daten, die zu Marketingzwecken großer Unternehmen oder als Meinungsbildung in der politischen Diskussion verwendet werden können, sind gefährlich. Hier werden bewusst wissenschaftliche Studien gefälscht, um den Forschungsoutput zu steigern oder Meinungen in eine gewisse Richtung zu lenken (Wienert 2021; Deinzer und Herb 2020).

Predatory Conferences: Mehr Schein als Sein im wissenschaftlichen Diskurs 

Nicht nur die Veröffentlichungen in unseriösen Zeitschriften sind ein Problem. Auch nehmen Einladungen zu sogenannten „Predatory Conferences“ zu. Die Titel sind oft generisch und deuten ein sehr weites Themenspektrum an. Die Teilnahmegebühren sind hoch, und Veranstalter locken mit angeblichen Vorteilen für die teilnehmenden Wissenschaftler*innen (Grebel 2021), beispielsweise mit der Veröffentlichung von Konferenzbeiträgen in renommierten Zeitschriften oder mit der Indexierung in anerkannten Datenbanken. Beiträge werden jedoch oft ohne fachliche Prüfung angenommen, und die Konferenzen bieten selten einen Mehrwert für Karriere und Forschung. Derartige Veranstaltungen sind meist schlecht organisiert, die Teilnehmenden kommen aus vielen verschiedenen, nicht zusammenhängenden Forschungsgebieten, und die Vorträge bzw. Präsentationen sind oft chaotisch (Ro 2024b). 

Einige Forschende nutzen diese Konferenzen dennoch bewusst, um ihren Lebenslauf zu erweitern oder Konferenzreisen mit touristischen Aktivitäten zu verbinden. Da die Legitimität dieser Konferenzen im Nachhinein schwer zu überprüfen ist, wird dieser Missbrauch bei vielen nicht direkt sichtbar (Grebel 2021; Ro 2024b). 

Wie erkennt man Predatory Journals und Conferences?

Es gibt inzwischen viele Sicherungsmechanismen, Checklisten und Kriterien, die genutzt werden können, um herauszufinden, ob ein Journal oder eine Konferenz seriös ist. Die TUB widmet sich diesem Thema unter anderem regelmäßig in der Workshopreihe Collect, Write, Publish. Auch auf den Serviceseiten zum Thema Open Access sind Kriterien und unterstützende Checklisten beschrieben. Im Folgenden haben wir einige davon aufgelistet: 

Eine der bekanntesten Datenbanken für (goldene) Open-Access-Zeitschriften ist das Directory of Open Access Journals, welches Zeitschriften auf Qualitätsstandards prüft. Allerdings ist es möglich, dass gerade neuere Zeitschriften hier noch nicht gelistet sind. Für eine manuelle Überprüfung gibt es zudem die Webseite Think.Check.Submit, die eine Liste bietet, um seriöse wissenschaftliche Zeitschriften zu identifizieren. 

Think Check Submit Poster
Think.Check.Submit unterstützt bei der Identifikation seriöser Zeitschriften

Für Konferenzen gibt es ähnliche Ressourcen, wie etwa eine Checkliste des Forschungszentrums Jülich (Jülich Forschungszentrum 2023) oder die Seite Think.Check.Attend

Generell gilt: Am besten fragt man zunächst in der eigenen Fachcommunity nach, ob jemand die Zeitschrift oder die Konferenzreihe kennt. Eine schnelle Online-Suche mit dem Konferenz- oder Zeitschriftentitel und dem Zusatz „predatory“ kann ebenfalls aufschlussreich sein (Ro 2024a). Auch die Webseite selbst bietet oft schon Hinweise: Sind auffällige Rechtschreib- und Grammatikfehler vorhanden? Wie sieht die Qualität bereits veröffentlichter Konferenzbände oder Zeitschriften aus? Stimmt die Affiliation der beworbenen Herausgeber*innen und Sprecher*innen mit ihrem tatsächlichen Forschungsschwerpunkt überein? 

Generell ist immer ein Augenmerk auf das Publikationsorgan zu werfen. Die wissenschaftliche Qualität hängt zwar nicht davon ab, jedoch sind Autor*innen verpflichtet, gemäß der „Satzung zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ zu handeln. Diese besagt, dass Forscher*innen Verlag, Veranstalter oder Repositorium hinsichtlich „Qualität“ und „Sichtbarkeit“ prüfen und auswählen sollen.

Falls weiterhin Unsicherheiten bestehen, können Sie sich gerne an das Open-Access-Team der TUB wenden oder auf unserer Webseite nach weiteren Tipps suchen. 


Literaturverzeichnis

Deinzer, Gernot; Herb, Ulrich (2020): Scheinverlage in der wissenschaftlichen Kommunikation. Verbreitung von Predatory Publishing und Lösungsansätze. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 67 (1), S. 25–37. DOI: 10.3196/186429502067147.

Deppe, Arvid; Beucke, Daniel (2017): Ursprünge und Entwicklung von Open Access. In: Konstanze Söllner und Bernhard Mittermaier (Hg.): Praxishandbuch Open Access. Berlin, Boston: Walter de Gruyter, S. 12–20, zuletzt geprüft am 10.10.2024.

Ginther, Clara; Lackner, Karin (2019): Predatory Publishing – Herausforderung für Wissenschaftler/innen und Bibliotheken. 17-32 Seiten / o-bib. Das offene Bibliotheksjournal / Herausgeber VDB, Bd. 6 Nr. 2 (2019). DOI: 10.5282/O-BIB/2019H2S17-32.

Grebel, Eva (2021): Fehlverhalten, Fälschungen, „Fake Science“. Vielfalt, fächerübergreifender Vergleich, Ursachen, Folgen und Verhinderung. Jahresbericht 2019/2020. In: Jahresbericht Formum Marsilius-Kolleg (19), S. 113–119. DOI: 10.11588/FMK.2021.0.78673.

Jülich Forschungszentrum (Hg.) (2023): Predatory Conferences. Schwarze Schafe unter wissenschaftlichen Konferenzen. Online verfügbar unter https://www.fz-juelich.de/de/zb/open-science/predatory-publishers/predatory-conferences, zuletzt aktualisiert am 17.07.2023, zuletzt geprüft am 10.10.2024.

Ro, Christine (2024a): How to spot a predatory conference, and what science needs to do about them: a guide. Researchers who have fallen prey to predatory conferences share the tell-tale signs of a dud event. In: Nature 632 (8023), S. 219–220. DOI: 10.1038/d41586-024-02360-2.

Ro, Christine (2024b): What is it like to attend a predatory conference? Nature sent a reporter to find out as part of an investigation into dud events. In: Nature 631 (8022), S. 921–923. DOI: 10.1038/d41586-024-02358-w.

Schmidt, Christian (2019): Fake Science. … und was Bibliotheken dagegen tun können 04 (71), S. 212–2015. Online verfügbar unter https://web.archive.org/web/20240731121036/https://core.ac.uk/outputs/288851098/?utm_source=pdf&utm_medium=banner&utm_campaign=pdf-decoration-v1, zuletzt geprüft am 10.10.2024.

Schmitz, Jasmin (2024): Fehlentwicklungen im Publikationswesen. Von unseriösen Angeboten zu Verstößen gegen die gute wiss. (Publikations-)Praxis. BiblioCon 2024. PUBLISSO Publikationsberatung. BIB; VDB; K.I.T. Hamburg, 05.06.2024, zuletzt geprüft am 10.10.2024.

Wienert, Frauke (2021): Predatory Publishing und Fake Science. Eine Hausarbeit aus dem Sommersemester 2021 im Seminar „Wissenschaliches Publizieren und Open Access“. In: API 2 (2). DOI: 10.15460/apimagazin.2021.2.2.81.

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