Kurz vor zwölf

Bulletin-B - 4Die „Doomsday Clock“, eine symbolische Uhr auf der Titelseite der Zeitschrift „Bulletin of the Atomic Scientists“ („Berichtsblatt der Atomwissenschaftler“), soll die Größe des Risikos einer globalen Katastrophe verdeutlichen. In den ersten Jahrzehnten der Zeitschrift sollte dadurch vor allem auf die Gefahren eines Atomkrieges hingewiesen werden. Denn gegründet wurde die bis heute existierende Zeitschrift im Dezember 1945 nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki von Wissenschaftlern des Manhattan-Projektes.

Heute spielen für die Stellung der Zeiger der Uhr neben der Problematik der Atomwaffen auch die Herausforderungen des Klimawandels, der Biotechnologie und anderer moderner Entwicklungen der Technik eine Rolle.

Zugriff auf die Zeitschrift

Themen aus dem Bulletin

Titel des Bulletins aus den 60er Jahren

Titel des Bulletins aus den 60er Jahren

 

Das Bulletin (heutige Website) war von Anfang an eine Zeitschrift, die die Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft thematisierte, wobei in den 60er Jahren immer stärker auch die mit der Entwicklung von Wissenschaft und Technik einhergehenden Umweltbelastungen einen Platz fanden.

Dazu im Folgenden ein Blick auf einige historische Ausgaben und deren Autoren aus den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, die auch in den Vitrinen in der Rotunde der TUHH-Bibliothek ausgelegt sind [Die Links in den eckigen Klammern führen direkt zur betreffenden Heftausgabe des Bulletins]:

  • Bulletin of the Atomic Scientists - Ausgabe Juni 1973Der Mitbegründer des Bulletins, Eugene Rabinowitch (1901 – 1973), ein in Deutschland ausgebildeter Biophysiker, der 1933 emigrierte und im 2. Weltkrieg beim Manhattan-Projekt mitarbeitete, war auch einer der Teilnehmenden an der ersten „Pugwash Conference on Science and World Affairs„. Bei diesen Konferenzen diskutieren internationale Wissenschaftler Fragen der nuklearen Bedrohung und globalen Sicherheit. Aufsatz von Eugene Rabinowitch behandelte Pugwash in der [Ausgabe April 1965].
    Ein aktueller Aufsatz zum Wirken von Rabinowitch: Slaney, Patrick David (2012): Eugene Rabinowitch, the Bulletin of the Atomic Scientists, and the Nature of Scientific Internationalism in the Early Cold War. In: Historical Studies in the Natural Sciences 42 (2), S. 114–142. DOI: 10.1525/hsns.2012.42.2.114 (Nach Anmeldung bei JSTOR frei lesbar.).
     
  • Die Hauptthemen auf dem Titelblatt der November-Ausgabe von 1965 sind heute immer noch aktuell: Die Frage nach der Qualität von Wissenschaft und die Frage, wie Mechanismen des Gehirns ausgenutzt werden können, um das Lernen zu erleichtern [Ausgabe November 1965].
     
  • Auch die Verbesserung der Wissenschaftskommunikation war schon ein Thema [Ausgabe Februar 1966]. In der [Ausgabe April 1966] ist ein Beitrag von Alvin M. Weinberg enthalten, der schon 1963 den sogenannten Weinberg-Report mit dem Titel „Science, Government, and Information“ verfasste. Dieser von Erich Pietsch ins Deutsche übersetzte Bericht (TUB-Exemplar) hatte großen Einfluss auf die Wahrnehmung der Notwendigkeit der Verbesserung der Informationsvermittlung und -versorgung weltweit.
     
  • Bulletin of Atomic Scientists - Ausgabe Oktober 1974Umweltthemen spielen früh eine Rolle im Bulletin: Angefangen beim Thema Reaktorsicherheit [Titelblatt Oktober 1974] bis zu Berichten von der Weltumweltkonferenz 1972 in Stockholm [Ausgabe September 1972] und zu einer Diskussion des Buches „The Closing Circle“ [Ausgabe Mai 1972] des Mitbegründers der amerikanischen Umweltbewegung Barry Commoner.
     
  • In der [Ausgabe Februar 1975] wird die Rolle „The Scientist in Politics“ in mehreren Beiträgen behandelt, darunter ein Beitrag zum sogenannten Franck-Report. Der deutschstämmige Physiker James Franck hatte sich mehrere Wochen vor Hiroshima und Nagasaki mit anderen, darunter Rabinowitch, gegen die Anwendung von Atombomben im Krieg gegen Japan ausgesprochen.
     
  • Jahrestage und besondere Ereignisse führten dazu, dass im Bulletin umfangreiche Bewertungen technischer Entwicklung hinsichtlich ihrer politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen vorgenommen wurden. Zwei Beispiele:
    • Anlässlich des 25. Jahrestages des ersten jemals durchgeführten Kernwaffentest „Trinity“ im Juli 1945 behandelte das gesamte Heft des Bulletin [Ausgabe Juni 1970] die politischen, militärischen sowie forschungs- und umweltbezogenen Auswirkungen von Kernenergie.
    • Die erste Mondlandung im Dezember 1968 war Anlass für ein Heft zu den politisch-gesellschaftlichen Auswirkungen dieses Ereignisses [Ausgabe September 1969].
       
  • Die [Ausgabe Oktober 1978] erschien mit einer Abbildung der Friedensnobelpreisträgerin von 1905 Bertha von Suttner. Das Editorial war ein Ausschnitt aus ihrer Nobelpreis-Rede. Im Rahmen einer Serie wurden hier auch andere Friedensnobelpreisträger im Bulletin gewürdigt.
    Teil dieser Reihe war mit der [Ausgabe März 1979] aber auch Albert Einstein, dessen hundertjähriger Geburtstag 1979 war und der sich – obwohl nicht Friedensnobelpreisträger – zum Thema Frieden mehrfach öffentlich geäußert hat, u.a. auch im Bulletin: zwei Aufrufe im [Januar 1948] und im [Dezember 1948] sowie ein [Aufsatz im Februar 1952]
     

Berühmte Physiker im Bulletin

  • Erinnerungen des Physiker und Nobelpreisträgers Max Born, der die Quantenmechanik mit entwickelt hat, erschienen im Bulletin [Ausgabe September 1965].
     
  • Der Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg, der auf deutscher Seite am Atombombenprojekt der Nationalsozialisten mitgearbeitet hatte, ist mit seinen Erinnerungen im Bulletin vertreten [Ausgabe November 1970].
     
    • Heisenbergs Gespräch mit dem dänischen Atomphysiker Niels Bohr in Kopenhagen im Jahre 1941, ist sogar Stoff für ein Theaterstück von Michael Frayn geworden. Die Frage hier war, wie dieses Gespräch damals wirklich abgelaufen ist und was Geschichtsschreibung leisten kann (Buch im TUB-Bestand).
    • Seine Kriegsgefangenenschaft verbrachte Heisenberg im englischen Farm Hall mit anderen deutschen Physikern, deren Gespräche und z.B. Reaktionen auf die Atombombenabwürfe abgehört und als Farm-Hall-Protokolle veröffentlicht wurden.
    • In der [Ausgabe Dezember 1973] des Bulletins erschien ein Aufsatz von Heisenberg mit dem Titel „Tradition in Science“.

     

Titel des Bulletins aus den 70er Jahren

Titel des Bulletins aus den 70er Jahren

 

Die in den Vitrinen ausliegenden Hefte wurden dem Autor dieses Beitrages von Prof. Volker Kasche überlassen. Prof. Kasche ist emeritierter Professur für Biotechnologie an der TUHH, studierte und forschte bis 1971 an der Universität Uppsala in Schweden, war zwischendurch in den 60er Jahren „NATO research fellow“ an der Brandeis University (Waltham, Massachusetts, USA), wo er auch die hier vorgestellte Zeitschrift kennenlernte. Vor seiner Tätigkeit an der TUHH war er Professor für Physikalische Biologie an der Universität Bremen.

Nachdenken über Wissenschaft als Teil der Hochschulausbildung

Die Hefte des „Bulletin of the Atomic Scientists“ erlauben einen authentischen Rückblick in die Geschichte des Verhältnisses zwischen Wissenschaft, Technik, Politik und Umwelt im 20. Jahrhundert. Welche Wechselwirkungen von Wissenschaft mit Philosophie, Geschichte, Wirtschaft und Politik wurden schon damals beschrieben und diskutiert. Viel Aktuelles ist hier neu in der Vergangenheit zu entdecken.

Die [Ausgabe Oktober 1968] des Bulletin enthält Vorträge von einem Symposium mit dem Titel „Science and the human condition“, das im November 1967 in Urbana, Illinois stattfand. Gefordert wurde schon damals, dass im Rahmen von Hochschulausbildung nicht nur die jeweilige Wissenschaft selbst thematisiert wird, sondern immer auch Aspekte, die Wissenschaft selbst zum Thema machen, Teil des Curriculums sind, etwa ein Nachdenken über das Funktionieren von Wissenschaft und ihre Rolle in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

"The central problem of higher education is how to bring up new generations, fit to live as individuals and as citizens. The changing habitat which science is creating for them involves not only education in science, but perhaps even more importantly, education about science - the development of understanding of what science is about; what it can (and what it cannot) do, appreciation of the role of science in past history of its likely role in the future; of how its revolutionary force can be best used in the framework of a stable democratic society and how this society can be adapted to the rapid changes in style, circumstances,accomplishments, and dangers of life as science changes and shapes it.<br /> This calls not merely for wider teaching of physics and chemistry, biology, and anthropology on all levels, but above all, for integration into general education, into the teaching of history, political, and social scienecees, yes, even into philosophical and religious instruction, of the facts, methods, and ideas, promises and dangers, potentialities and limitations of mankind's first common enterprise, that of scientific exploration of nature."