Wer kennt eigentlich diese chemische Gesellschaft?

Eine Spurensuche

Diese Gesellschaft Deutscher Chemiker ist zumindest Chemikern bekannt!

Screenshot Website GdCh Jubiläum
1867 wurde die Deutsche Chemische Gesellschaft gegründet. Aus diesem Anlass feierte 2017 die heutige Gesellschaft Deutscher Chemiker (GdCh) das Jubiläum „GDCh – 150 Jahre“. Die Jubiläumsbroschüre trug den Titel „Ein Streifzug durch 150 Jahre chemische Gesellschaften in Deutschland“.

Mehr zur Geschichte der Gesellschaft können Sie hier nachlesen:

  • Johnson, Jeffrey A. 2017. „Zwischen Nationalismus und Internationalismus: die Deutsche Chemische Gesellschaft 1867–1945.“ Angew. Chem. 129 (37): 11190–204. doi:10.1002/ange.201702487.
  • Ruske, Walter. 1967. 100 Jahre Deutsche Chemische Gesellschaft. Weinheim: Verl. Chemie. Signatur: 2794-2248

Aber wer kennt diese chemische Gesellschaft?

Band 'Chemie' - Kultur der Gegenwart 1913
Im Bestand der tub. befindet sich seit einigen Jahren folgendes Buch aus dem Jahre 1913:

Meyer, Ernst v. und Fr. Rinne, Hg. 1913. Chemie: Allgemeine Kristallographie und Mineralogie. Leipzig: Teubner. (Die Kultur der Gegenwart / hrsg. von P. Hinneberg, 3. Teil Mathematik, Naturwissenschaften, Medizin, 3. Abteilung Anorganische Naturwissenschaften / bearb. unter Leitung von F. Klein Anorganische Naturwissenschaften / unter Leitung von Ernst Lecher, Bd. 2.) Signatur: 2843-5880

Band 'Chemie' - Kultur der Gegenwart 1913, Titelseite

Wie kam dieses Buch nun in die tub.?

Provinienzforschung in Bibliotheken, also der Versuch die Geschichte der Herkunft (Provenienz) von Kulturgütern, hier Büchern, zu ermitteln, hat in den letzten Jahren zugenommen. Sie betrifft in der Regel Bibliotheken mit nennenswertem Altbestand. Aber auch dieses Buch in der TUHH-Bibliothek ist nicht uninteressant in dieser Hinsicht. Der Band wurde vor Jahrzehnten privat antiquarisch in Berlin erstanden. Das Exemplar trägt, unter anderem auf dem Titelblatt, einen Stempel mit dem Text „Verband Jüdischer Ingenieure und Chemiker in Deutschland e.V.“ Der Versuch, mehr über diesen Verband herauszubekommen, gestaltet sich schwierig.

Band 'Chemie' - Kultur der Gegenwart 1913, Stempel
Die Recherche begann in folgenden Werken zur Geschichte der Chemie im „Dritten Reich“:

Beide Bände enthalten keinen Hinweis auf den Verband. Die Autoren hatten von diesem Verband noch nichts gehört, wie eine Anfrage per E-Mail im Jahre 2013 ergab.

Auch die Recherche im Netz brachte nur spärliche Ergebnisse:

  • Bei einer Recherche in Google Books erfährt man, dass der Verband wahrscheinlich 1929 gegründet wurde. Zudem kann man weitere Spuren des Verbandes verfolgen: Der Autor Klaus Werner schrieb auf S. 155 seiner Dissertation mit dem Titel „Juden in Offenbach am Main 1918-1945“ (Diss, 1991 Frankfurt a.M.):

    „Nachdem in der Weimarer Republik eine Reihe von (christlichen) berufsständischen Organisationen mit dem Zweck entstanden waren, sich von den jüdischen Kollegen zu distanzieren, eröffneten die Juden ihre eigenen Verbände, so z.B. den ‚Verband jüdischer Ingenieure und Chemiker‘.“

    Eine Fussnote verweist hier auf das Werk von Udo Beer (Die Juden, das Recht und die Republik : Verbandswesen und Rechtschutz 1919-1933. Frankfurt a.M.: Lang, 1986), der auf S. 62 den Verband ebenfalls erwähnt:

    „Wie bereits oben berichtet, gründeten die Völkischen eine Reihe von berufsständigen Organisationen, um sich von ihren jüdischen Kollegen zu distanzieren. Die ungeliebten Juden eröffneten darauf ihre eigenen Vereine. Bedeutende Vereine waren der Verband jüdischer Ingenieure und Chemiker, der 1929 gegründet würde und sich besonders um eine Stellenvermittlung bemühte …“

    Beer zitiert hier das Philo-Lexikon : Handbuch des jüdischen Wissens. Berlin 1936 (Nachdruck Frankfurt a.M.: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 1992), wo sich in Spalte 780 Folgendes findet:

    „Verband Jüd. Ingenieure u. Chemiker in Dt. E. V., gegr. 1929, Berufsorg., Stellennachweis in Zusammenarbeit mit j. Arbeitsnachweis.“

  • Mit einer einfachen Google-Recherche nach dem Verband findet man eine Notiz auf dem Bildungsserver Berlin-Brandenburg, die anzeigt, dass der Verband jüdischer Ingenieure und Chemiker in Deutschland „ab 1935 für drei Jahre“ in der Berliner Synagoge Lindenstraße 48-50 untergebracht war. Außerdem gibt es Hinweise auf den Verband in zwei Zeitschriften, z.B. findet sich in der Zeitschrift „Das Jüdisches Echo“ (17. Jg. Nr. 43,, 30. September 1930) auf S. 610 folgender Text zum Verband:

    Notiz zum

Wenn Sie weitere Hinweise haben, ergänzen Sie diese gern im Kommentar.

Was macht diesen Band noch so interessant?

Der Band ist Teil eines von Paul Hinneberg seit dem Jahr 1905 herausgegebenen „Enzyklopädieprojektes“, ein Sammelwerk mit dem Titel „Die Kultur der Gegenwart“, das mit einer Vielzahl von Bänden bis 1926 erschien, vgl. den Aufsatz von Paul Ziche (2008): „Wissenschaftssystematik als Kulturaufgabe. Möglichkeiten eines offenen Kulturbegriffs in Paul Hinnebergs Enzyklopädieprojekt.“ Ber. Wissenschaftsgesch. 31 (1): 44–57. https://doi.org/10.1002/bewi.200701283.

Vor dem Titelblatt dieses Bandes findet sich eine Übersicht über erschienene und geplante Bände. Neben den „geisteswissenschaftlichen Kulturgebieten“ (24. Bände), die sicher ein Schwerpunkt des Kulturverständnis nach der Wende zum 20. Jahrhundert darstellen, sind aber auch die „mathematischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen“ Bereiche (19 Bände) und die „technischen Kulturgebiete“ (18 Bände) genannt.

Bände Kultur der Gegenwart - Technik

Ein geplanter, leider aber nie erschienener Band sollte den Titel „Die technischen Mittel des geistigen Verkehrs“ tragen, sich also mit dem beschäftigen, was heute auch technische Kommunikation genannt wird.

Bände Kultur der Gegenwart - Die technischen Mittel des geistigen Verkehrs

Herausgeber dieses Bandes sollte Adolf Miethe sein. Emanuel Goldberg wurde als Mitarbeiter genannt. Beide waren Fotochemiker und -techniker, Goldberg hatte beim Leipziger Chemie-Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald promoviert und später wichtige Erfindungen zur Mikrofotografie und zum elektronischen Wiederauffinden von Dokumenten gemacht, bevor er 1933 nach Palästina emigrierte. Goldbergs „Statistische Maschine“ (Patent 1931) war letztlich eine Art von Suchmaschine, die mit Hilfe von Fotozellen und Mustererkennung Metadaten auf Rollen von Mikrofilm durchsuchen konnte, um bestimmte verfilmte Dokumente zu finden. Damit war diese Maschine ein Vorläufer von „technischen Mitteln“ bzw. Instrumenten, ohne die die das Finden und Sammeln der oben aufgeführten Informationen nicht möglich gewesen wäre.

Mehr Infos zu Goldberg in folgendem Werk: Buckland, Michael K. 2010. Vom Mikrofilm zur Wissensmaschine – Emanuel Goldberg zwischen Medientechnik und Politik: Biografie. Berlin: Avinus-Verl.